Einmütig warnen Politiker, Industrielle und Professoren: Deutschlands junge Wissenschaftselite wandert ins Ausland ab. Auch auf qualifizierten Nachwuchs aus dem Ausland wirke die Forschung in Deutschland kaum attraktiv, heißt es. Bedroht der „ Brain Drain” genannte Exodus wirklich den Forschungsstandort Deutschland? Das vorhandene Zahlenwerk gleicht einem Flickenteppich. Eine Übersicht, die alle akademischen Aus- und Einwanderer erfasst, gibt es nicht. Buch geführt haben Fördereinrichtungen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft und der Deutsche Akademische Austauschdienst über die von ihnen unterstützten Wissenschaftler. Darüber hinaus erfasst die „Talent-Studie” der Bundesregierung deutsche Postdoktoranden, Junior-Professoren und erfahrenere Kollegen, die bis 1998 in den USA gearbeitet haben. bild der wissenschaft hat das Material zusammengetragen. Resultat: Rund 6600 Deutsche forschten 1998 in ausländischen Labors und Instituten – fast 90 Prozent in den Vereinigten Staaten. Nur jedem fünften Gastamerikaner griff die Heimat dabei mit Stipendien oder Projektmitteln unter die Arme. Nicht statistisch erfasst sind deutsche Wissenschaftler, die in anderen Ländern gearbeitet und keine institutionelle Finanzspritze aus der Heimat erhalten haben. Wegen der überragenden Bedeutung der USA als Gastland fällt ihre Anzahl jedoch kaum ins Gewicht. „Die hervorragenden Arbeitsbedingungen und das innovative Klima in den amerikanischen Instituten üben auf unsere Nachwuchsforscher eine starke Anziehungskraft aus”, sagt Dr. Bruno Zimmermann, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Dass neun von zehn Gastforschern die USA als Ziel wählen, hält er deshalb für nicht verwunderlich.
Immerhin 5193 Stipendiaten kamen 1998 an deutsche Unis und Forschungseinrichtungen – drei Jahre zuvor waren es noch 25 Prozent weniger. Neben US-Amerikanern und Franzosen zieht es vor allem Forscher aus Asien und Osteuropa nach Deutschland: Auf den ersten acht Plätzen der Heimatländer-Liste finden sich mit China, Indien, Indonesien und Japan sowie Russland und Polen sechs Staaten aus diesen Regionen – Länder, in denen die deutsche Wissenschaft noch von dem „hohen Kredit profitiert, den sie sich in früheren Zeiten erarbeitet hat”, meint Zimmermann und ergänzt: „Aber wir müssen uns sputen, damit wir im Wettbewerb um gute Ideen und helle Köpfe weiter mithalten können.”
Hans Groth




