von CHRISTIAN WOLF
Schon als junges Mädchen verbrachte Jayne Bigelsen unzählige Stunden damit, in ihrem Kopf „fernzusehen“. Heute erinnert sich die New Yorker Anwältin: „Ich begann damit, meine Lieblingssendungen zu nehmen und fehlende Szenen zu ergänzen und die Geschichten zu vervollständigen.“ Schließlich fing sie an, ganz neue Handlungen zu „sehen“ und Figuren hinzuzufügen. Im Alter von 12 Jahren war sie besessen von einer US-amerikanischen Seifenoper. „Allerdings gab es keine Figuren in meinem Alter, also fügte ich ein Mädchen in meinem Alter hinzu und ließ sie in alle möglichen Abenteuer geraten.“
Anfangs war das nicht problematisch, da sich Jayne Bigelsen nur dann in ihrer Fantasiewelt verlor, wenn sie zu Hause war und sich langweilte. „In der Highschool gerieten die Tagträume jedoch völlig außer Kontrolle“, sagt sie. „Ich zog es vor, die Zeit in meinem Kopf zu verbringen, anstatt mich mit meinen Freunden im wirklichen Leben zu treffen.“ Es war, als gäbe es einen Fernseher in ihrem Kopf, der rund um die Uhr lief. Oft blieb sie die ganze Nacht wach und träumte vor sich hin. Der Schlafmangel und der Versuch, zwischen einer realen und einer imaginären Welt zu leben, erschöpften sie.
Normales Tagträumen hat seine guten Seiten. Es kann einem beispielsweise die Zeit vertreiben, wenn man sich gerade langweilt. Doch manche Menschen leiden unter einer exzessiven Form, unter sogenanntem „maladaptivem Tagträumen“. Sie beschäftigen sich zwanghaft mit so lebhaften Fantasien, dass sie in der Schule oder auf der Arbeit Probleme bekommen. Der klinische Psychologe Eli Somer von der israelischen Universität Haifa prägte 2002 als erster den Begriff. Er beschrieb das Phänomen als übermäßiges Fantasieren, das soziale Kontakte ersetzt und den Alltag in Studium, Beruf oder zwischenmenschlichen Beziehungen stört. Einer Untersuchung zufolge verbringen Betroffene durchschnittlich mindestens die Hälfte ihrer wachen Stunden in bewusst konstruierten Fantasiewelten. Eindeutige Zahlen, wie viele Menschen von der Störung betroffen sind, gibt es nicht.
Psychische Probleme
Viele Betroffene berichten von psychischen Problemen wie Stress, Ängsten, Depressionen, Schlafstörungen und Schamgefühlen wegen ihrer regen Fantasietätigkeit. Die Diskrepanz zwischen Realität und Fantasie wahrzunehmen, kann belastend sein. Und auch zu merken, wie viel Zeit durch das Tagträumen verloren geht. Daher suchen Patienten oft bei Psychiatern oder Psychotherapeuten nach Hilfe. Vielfach vergeblich. Denn die meisten Experten haben noch nie etwas von den Symptomen oder maladaptivem Tagträumen gehört. Sie stellen in der Folge die unterschiedlichsten Diagnosen oder verharmlosen gar die Probleme ihrer Patienten. Das ging auch Jayne Bigelsen so. Sie suchte verschiedene Psychiater auf, und fast alle lachten über die Idee, dass Tagträumen eine Sucht sei oder auch nur ein Problem darstellen könne.





