Martin hat das Wort „Reisenrad” in sein Heft geschrieben. Sein Lehrer fragt ihn, was denn ein „Reisenrad” sein soll. Martin liest das Wort mehrmals und bleibt dabei, dass es „Reisenrad” heißen muss. Der Lehrer gibt nicht auf, sondern bohrt weiter und will unbedingt wissen, was das ist. Martin überlegt und nach einer kleinen Pause hat er ein „Aha-Erlebnis”: Plötzlich ruft er laut das Wort „Riesenrad”. Der Lehrer fasst nach, ob sein Schüler denn das Wort „Riese” kenne. Martin erklärt es sofort und ist sehr stolz auf sein Wissen und die Erkenntnis.
Der Schüler hat durch das Verhalten des Lehrers eine Chance bekommen, mehr zu lernen als nur, dass das Wort „Reisenrad” falsch ist. „Ein nützlicher Irrtum”, konstatiert Dr. Maria Spychiger vom Department für Erziehungswissenschaften an der schweizerischen Universität Fribourg. Das klingt plausibel – ist es aber in der deutschen Regel nicht. Noch immer stehen hier Fehler für Misserfolg, Versagen und Strafe. Die traditionelle Situationen an den meisten deutschen Schulen läuft stereotyp ab: Die Lehrerin fragt Klaus, wie man den Umfang eines Rechtecks berechne. „Länge mal Breite”, antwortet Klaus. Kurze Stille, bis die Lehrerin enttäuscht sagt: „Ich hatte Umfang gesagt” und einen anderen Schüler aufruft.
„Hätte die Lehrerin Klaus gefragt, wie er auf seine Lösung gekommen sei, wäre sie konstruktiv mit dem Fehler umgegangen. So aber hat Klaus das negative Gefühl, versagt zu haben”, meint Maria Spychiger. Beim nächsten Mal scheut der Schüler sich vielleicht schon, überhaupt eine Antwort zu geben. „Solche Situationen sind typisch für unerfahrene Lehrer”, weiß die schweizerische Erziehungswissenschaftlerin. Gemeinsam mit Fritz Oser, Professor an der Universität Fribourg, hat sie in einer mehrjährigen Studie untersucht, wie sich ein konstruktiver Umgang mit Irrtümern auswirkt – auf Schüler und Lehrer.
Das Ergebnis der Wissenschaftler ist ebenso erstaunlich wie überzeugend: Fehler zu machen, ist nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Dann müssen zum Beispiel auch schwierige Mathematikaufgaben nicht in erster Linie Angst einflößen, sondern können Spaß am Tüfteln und Ausprobieren von neuen Lösungswegen wecken. „Man sollte Fehler nicht stets vermeiden. Der produktive Umgang mit ihnen ist eine Voraussetzung, um in der Arbeitswelt zu bestehen. Und: Der produktive Umgang mit Fehlern ist die Bedingung für Innovationen”, hat der Erziehungswissenschaftler Dr. Martin Weingardt von der Universität Tübingen in seiner gerade erschienenen Studie „Fehler zeichnen uns aus” herausgefunden. Dies gilt für Schüler, Lehrer, Schulleitungen und ganze Schulen, wenn sie sich als so genannte lernende Organisationen auf den Weg in die Nach- PISA-Ära machen wollen. Weingardt bezeichnet diese Haltung als „Fehleroffenheit” und zeigt Schulen – aber auch Unternehmen – in seiner Arbeit, wie sie ihren Umgang mit Fehlern erkennen und anschließend nötigenfalls verändern können.
Eine vermeintlich falsche Antwort, ein falsches Wort kann nicht nur zu Versagensängsten führen, sondern auch zu Einsamkeit und dem Gefühl von Ausgestoßensein etwa aus dem Klassenverband. Kinder und Jugendliche werden von ihren Mitschülern für einen Fehler oft gnadenlos ausgegrenzt. Nach dem Motto „Bist du aber blöd!” werden Fehler wie der von Klaus angeprangert.
„Dieses Verhalten ist ebenso wie der traditionelle Umgang mit Fehlern anerzogen und im System Schule überliefert”, erklärt Spychiger. Sie will das ändern. Mit ihren Kollegen hat sie in ihrer Arbeit speziell den Umgang der Schüler miteinander unter die Lupe genommen: Die Schüler einer 8. Klasse wurden aufgefordert, sich in fehlerträchtigen Situationen gegenseitig zu helfen und einander Komplimente für eine gelungene Lösung zu machen, statt übereinander zu spotten. Die Jugendlichen veränderten im Laufe einiger Wochen ihren Umgang miteinander deutlich. Für jeden Tag wurden Ziele definiert, zum Beispiel: „ Heute hilft jede/r jemandem” oder „Heute provoziere ich ihn/sie nicht”.
Nach dem Unterricht wurde Bilanz über das eigene Verhalten gezogen. Die Folge: Es gelang den Schülern, gemeinsam Spaß zu haben und miteinander zu lachen, statt sich gegenseitig auszulachen. Sogar unausgesprochene Feindseligkeiten und Konflikte konnten geklärt werden. Auch der Lehrer musste sein Verhalten reflektieren: „Manchmal mache ich ironische oder zynische Sprüche über die Fehler meiner Schüler”, erkannte er sich dabei selbst. Teamarbeit ist heute, so Martin Weingardt, die Grundlage jeder Berufstätigkeit. Für Schüler sei es deshalb enorm hilfreich, wenn sie bereits in der Schule trainierten, zusammen statt gegeneinander zu agieren. „Die japanische Schul- und Unternehmenskultur ist hier deutlich weiter”, erläutert der Tübinger Bildungswissenschaftler, der speziell in der Arbeitswelt neue Ansätze für ein gewandeltes Bewusstsein gegenüber Fehlern entdeckte (siehe Kasten rechts „Lernziel”).
„Fort mit dem erhobenen Zeigefinger”, fordern die Pädagogen unisono. Derlei Körpersprache gilt als Schlüssel zum Umgang mit angeblichen Fehlern. „Wenn sich ein Lehrer von hinten einem Schüler nähert und dann mit dem Finger auf einen Fehler im Heft zeigt, ist das die reine Bedrohung für das Kind”, sagt Spychiger. Wenn der Unterrichtende aber einen Schritt zurückgehe und die Hand ans Kinn lege, gebe er das Signal: „Ich denke ebenfalls über unsere gemeinsame Aufgabe nach.”
Das Fazit der Erziehungswissenschaftlerin: „Die Zeit ist auch an den Schulen reif für einen Wandel der Unterrichtsmethoden.” Das Interesse aus dem In- und Ausland an ihren Untersuchungen scheint das zu bestätigen. Anfragen nach näheren Informationen und Unterstützung kommen aus ganz Europa. Die Schulen in der Schweiz zeigten sich nach den Erfahrungen von Spychiger bisher experimentierfreudiger als die in der Bundesrepublik, wo nur zaghaft über neue Verfahren diskutiert werde. Dies bestätigt auch Prof. Hans-Ulrich Grunder, Direktor des Instituts für Schulpädagogik an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Um einen bewussteren Umgang mit Fehlern an deutschen Schulen in die Tat umzusetzen, muss sich allerdings ein neues Verständnis in den Köpfen der Lehrer entwickeln.
Bisher gilt: Ein Fehler ist die Abweichung von der Norm. Das setzt verbindliche Regeln voraus, konstatiert Grunder. Die aber gebe es nicht mehr, die Dynamik der Globalisierung bestehe gerade im Wandel und Wegfall von verbindlich gültigen Normen und Regeln. „Wir im Westen haben es uns angewöhnt, allein in Polen wie ,richtig‘ oder ,falsch‘ zu denken”, erklärt er. Wirtschaft und Erfinder haben dieses Denken längst aus ökonomischen Gründen aufgeben müssen.
Im Erdkunde-Unterricht wird Susanne nach der Hauptstadt von Burkina Faso gefragt. Ihre Antwortet lautet „Paris”. „Die Reaktion des Lehrers darauf darf nicht ‚falsch!‘ lauten, sondern ‚ warum?‘ “, fasst Grunder zusammen. Dann lerne Susanne nicht nur etwas über Burkina Faso (Hauptstadt: Ouagadougou, eine Million Einwohner), sondern auch über Paris, und werde das Gelernte nicht so schnell vergessen. Diese Lehrmethode hat zweifellos Folgen für die Bewertung: „Man kann damit nicht mehr wie bisher die Zahl der Fehler benoten, sondern muss den Lösungsweg nachvollziehen und bewerten.” Ansatzweise verfahren Schulen schon so. Ein umfassender Wandel aber würde das 100-jährige deutsche Schulsystem auf den Kopf stellen. Das muss sein, meinen die wissenschaftlichen Pädagogen: „Der Fehler gehört zum Lernen wie das Hinfallen zu den ersten Schritten eines Kleinkindes – wer das Hinfallen tadelt, abschätzig belächelt oder mit schlechten Noten abstraft, behindert jedes Laufenlernen”, fasst Weingardt zusammen. Zwei und zwei muss im Unterricht zunächst auch einmal fünf ergeben dürfen.
KOMPAKT
• Aus Fehlern kann man lernen – diese Erkenntnis setzt sich allmählich auch an deutschen Schulen durch.
• Lehrer müssen lernen, konstruktiv mit den falschen Antworten ihrer Schüler umzugehen.
• Firmen setzen das Lernpotenzial von Fehlern gezielt zur Optimierung der Produktion ein.
Antje Schmid





