Albert Einstein – Mileva bekam alles
Wer den Nobelpreis gewinnt, bekommt auch einen dicken Scheck. Wie gewonnen, so zerronnen, heißt die Botschaft aus dem Hause Einstein: Der berühmteste Laureat hat nämlich nichts davon behalten. Denn er hatte seiner Frau Mileva versprochen, ihr alles zu geben, wenn er den Preis gewinnt. Daraus ist unsinnigerweise der Schluss gezogen worden, hier handele es sich um ein schlechtes Gewissen und liefere den Beweis, Mileva Einstein, geborene Maric, habe mit zur Relativitätstheorie beigetragen. Das ist gleich doppelt falsch: Zum einen hat Einstein den Nobelpreis nicht für die Theorie von Raum und Zeit bekommen, die ihn berühmt gemacht hat, sondern für seinen Beitrag zur neuen Atomphysik. Zum Zweiten hat er mit dem Angebot seine Scheidung beschleunigen und seinen finanziellen Ruin vermeiden wollen. Einstein war um die Zeit des Ersten Weltkriegs von Zürich nach Berlin gekommen und hatte dort eine neue Frau gefunden. Mileva blieb mit den gemeinsamen Kindern in der Schweiz. Durch die Kriegsfolgen verlor die Mark zusehends an Wert, und der Franken wurde immer unerschwinglicher. Mit dem von Einstein erwarteten und ihm 1921 endlich zugebilligten Nobelpreis verschaffte sich Einstein wieder finanziellen Spielraum.
Robert Lucas – Seine Frau kassierte
im letzten Moment
Bleiben wir bei Geld und Scheidung. Ein weiterer Nobelpreisträger, Robert Lucas von der Universität von Chicago, hatte seiner Frau die Hälfte der Nobelsumme zugestanden, damit sie in die Trennung einwilligte – allerdings nur, falls der Preis in den ersten sieben Jahren nach der Scheidung an ihn fallen sollte. Die vereinbarte Frist endete am 31. Oktober 1995 und damit zum großen Vergnügen von Frau Lucas in dem Monat, in dem ihr Gatte die Nachricht erhielt, zu den Preisträgern des Jahres zu gehören. So wurde sie um eine halbe Million Dollar reicher.
Günter Blobel – Geld hatte er bereits
In manchen Ländern freuen sich auch die Finanzminister über einen Nobelpreis für ihr Land. In Deutschland ist man großzügiger als in den USA und besteuert das Preisgeld nicht. Auch die US-Preisträger brauchten viele Jahre hindurch keine Steuer für das Geld aus Schweden entrichten. Dies wurde 1986 – unter Präsident Reagan – geändert. Seitdem gehört das Geld aus der Nobelstiftung zu dem normalen Einkommen eines Wissenschaftlers und muss auf der Steuererklärung angegeben werden. Schlimm getroffen hat es Fritz Pregl, den österreichischen Nobelpreisträger für Chemie des Jahres 1923. Er musste zwei Drittel der Preissumme an den Staat abführen. In Japan – so wird berichtet – musste früher der Literaturnobelpreis versteuert werden, während die Preise für die Naturwissenschaften von Steuern verschont blieben. Manche Laureaten stiften ihr Preisgeld oder verschenken es. Der Deutsch-Amerikaner Max Delbrück überwies sein 1969 erhaltenes Preisgeld Amnesty International. Auch Günter Blobel, 1999 Nobelpreisträger und ebenfalls Deutsch-Amerikaner, transferierte einen Großteil seines Preisgeldes nach Dresden, um beim Aufbau der Frauenkirche zu helfen. Bevor jemand diese schöne Geste allzu lautstark preist, nur so viel: Blobel ist der reiche Mann einer reichen Frau, die ein Nobelrestaurant in Manhattan betreibt.
Adolf Hitler – Vorgeschlagen für den
Friedensnobelpreis
Über den Nobelpreis gibt es überraschend wenig Witze und nur selten Skandale. Der makaberste Witz erschien 1934 auf der Titelseite der „New York Times”. Adolf Hitler sei für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden – immerhin hätte er bislang auf den Einmarsch nach Österreich verzichtet, schrieb das Blatt und das bedeute doch Frieden für die ganze Welt. Der einzige Versuch, so etwas wie einen Skandal loszutreten, ging nach hinten los. 1995 konnte man in der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter” lesen, der Nobelpreis 1986 für Physiologie oder Medizin sei gekauft gewesen. Erhalten hatte ihn die große alte Dame der italienischen Wissenschaften, Rita Levi-Montalcini, deren Arbeiten jahrelang vom pharmazeutischen Unternehmen Fidia gefördert worden waren. Dieses Unternehmen – so behauptete die schwedische Zeitung – habe Millionenbeträge an das für den Medizinpreis zuständige Karolinska Institut überwiesen, um eine Wahl von Levi-Montalcini möglich zu machen. Es gab ein großes Blätterrauschen und Androhungen von Klagen durch die Mitglieder des Nobelkomitees. Schließlich zog Dagens Nyheter alles zurück und entschuldigte sich reumütig.
Lise Meitner – Das Komitee fand ihre
Arbeiten zu leichtgewichtig
Der Nobelpreis und seine Institutionen stehen so sauber da, wie man es sich nur wünschen kann. Das Einzige, was hin und wieder bekrittelt wird, sind Fehler, die bei der Auswahl der Preisträger gemacht worden sind. So hat man zum Beispiel Lise Meitners Beitrag zum Verständnis der Kernspaltung übersehen, für die Otto Hahn ausgezeichnet worden ist – und zwar alleine. Lise Meitners Nichtberücksichtigung hat dabei weniger mit der Tatsache zu tun, dass sie eine Frau war, sondern mehr damit, dass es um den Preis für Chemie ging. Das zuständige Preiskomitee hatte einfach nicht verstanden, worin Lise Meitners theoretisch-physikalischer Beitrag zur Kernspaltung lag und was damit geklärt war: Sie hatte doch „nur” herausgefunden, wie viel Energie freigesetzt wird und das auch noch mit einfachen Formeln beschrieben.
John Macleod – Das Insulin hat er nun
wirklich nicht entdeckt
Was die Irrtümer angeht, so ragen zwei Fehlentscheidungen heraus. In beiden Fällen geht es um den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, und zwar einmal für 1923 und einmal für 1952. 1923 wurde die Entdeckung des Insulins ausgezeichnet, und den Preis erhielten Frederick Banting aus Kanada und John Macleod aus Großbritannien. Dass beide sich nicht ausstehen konnten und hasserfüllt miteinander umgingen, ist eine Sache. Dass beide ohne ihre jeweiligen Mitarbeiter Charles Best und J. B. Collip wahrscheinlich nichts auf die Beine gestellt hätten, eine andere. Die Nobelstiftung selbst hat 1962 eingeräumt, dass Macleod nicht nur keinen aktiven Anteil an der Arbeit hatte, die mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war, sondern sich nicht einmal in der Nähe des Laboratoriums aufhielt, als das entscheidende Experiment durchgeführt wurde.
Was den Nobelpreis für das Jahr 1952 angeht, der dem Amerikaner Selman Waksman für die Entdeckung von Streptomycin zuerkannt wurde, so ist inzwischen klar, dass Waksman nichts dazu beigetragen hat. Das Antibiotikum gefunden hat sein Student Albert Schatz, der in keiner Dokumentation der Nobelstiftung auftaucht und auch nicht in den Büchern erwähnt wird, in der die Geschichte der Mikrobiologie erzählt wird.
Familienfeste – Bei Curies, Braggs und Coris
Die schönste Familiengeschichte im Hinblick auf den Nobelpreis handelt von den Curies. 1903 erhielten Marie Curie und ihr Mann Pierre den Nobelpreis für Physik. 1934 erhielt ihre Tochter Irène – wieder zusammen mit ihrem Mann Frédéric Joliot – den Nobelpreis für Chemie. Diese familiäre Verwebung ist unerreicht. Dennoch, auch andere Familien wurden mehrfach vom Nobelpreis heimgesucht: So passierte es 1915, dass Vater und Sohn zusammen den Nobelpreis erhielten. Ausgezeichnet wurden damals William Henry Bragg und sein Sohn William Law-rence. Der war zwar noch ein Twen, aber trotzdem ist er (und nicht sein Vater) gemeint, wenn vom Bragg-Gesetz die Rede ist, das bei der Streuung von Röntgenstrahlen an Kristallen zum Tragen kommt. Neben den Curies gab es noch das Ehepaar Carl Ferdinand und Gerty Cori, die gemeinsam mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurden – dem für Physiologie oder Medizin im Jahre 1947. Verheiratet waren auch die Nobelpreisträger Alva und Gunnar Myrdal, nur dass beide in verschiedenen Bereichen und in verschiedenen Jahren nach Stockholm gebeten wurden. Er 1974 für die Wirtschaft und sie 1982 für den Frieden. Die einzigen Brüder, die den Nobelpreis bekamen, sind Jan Tinbergen (1969, Wirtschaft) und Nicolaas Tinbergen (1973, Medizin).
Ernst Peter Fischer





