Ein Nobelpreisträger aus den eigenen Reihen schien in Sicht, er sollte die Universität in neuem Licht erstrahlen lassen. Man war guter Hoffnung. Heute wünscht man sich in Konstanz, dass die Universität mit dieser Sache nicht weiter in die Schlagzeilen gerät. Ihr einstiger Hoffnungsträger, der Physiker Jan Hendrik Schön, gilt seit letztem Jahr als einer der größten Gauner der Wissenschaftsgeschichte. Sein betrügerisches Handwerk, mit dem er auf internationalem Parkett beeindruckte, hat er offenbar am Bodensee gelernt.
Es war nicht der erste Betrug in der deutschen Forschergemeinde und es wird auch nicht der Letzte sein. Denn die bisher aufgedeckten Fälle lassen einen Trend erkennen: Viele der neugeborenen Stars werden in der Science-Szene papstgleich unantastbar – bis ihnen anderwärts ein Kollege auf die Finger schaut.
So war es auch bei dem mittelmäßig begabten Jan Hendrik Schön. Kurz vor Feierabend erblickte sein Betreuer, der Konstanzer Physikprofessor Ernst Bucher, auf dem Monitor des Studenten eine ungewöhnliche Messkurve: Schön schien es gelungen zu sein, bei nur minus 156 Grad Celsius durch eine organische Verbindung Strom ohne Widerstand fließen zu lassen. Das war Weltrekord.
„Auf alles hat mir Hendrik eine präzise und plausible Antwort gegeben”, erklärte der Professor später. Bucher sah keinen Anlass, gegenüber seinem sympathisch wirkenden Studenten misstrauisch zu sein. Die Liste der rohen Messergebnisse musterte der Professor nicht, und so begann Schön seine Karriere. Als „ einen meiner Besten” empfahl Bucher Schön an die Bell Laboratories in den USA.
Dort sprengte der scheinbar geniale Nachwuchsforscher alle Maßstäbe: In nur drei Jahren wurde er Hauptautor von über 90 Publikationen. Allein 17 davon erschienen in Science und Nature – den beiden renommiertesten Wissenschaftsmagazinen der Welt. Das Ziel seiner Forschungen waren elektronische Schaltkreise aus einzelnen Molekülen: Die ultimative Grenze der Miniaturisierung, bis zu der die Elektronik nach heutigem Wissen vorstoßen kann. Jan Hendrik Schön veröffentlichte seine Artikel zwar mit diversen Mitautoren, die Messergebnisse gewann er aber allein. Einen Großteil der Arbeiten erledigte er weiterhin in Konstanz.
Zu den Lesern von Schöns Arbeiten gehörte Paul McEuen von der amerikanischen Cornell University. Offenbar schaute der Physiker gründlicher hin als andere, denn er entdeckte, dass verschiedene Messkurven von Schön haargenau die gleichen Feinstrukturen aufwiesen. Die üblichen Kerben und Zacken in Kurven beruhen auf einem nicht zu kontrollierenden „Hintergrundrauschen”. Jedes Diagramm wird dadurch so einmalig wie der Fingerabdruck eines Menschen. Deshalb sollten die Feinstrukturen der physikalischen Messkurven jedes Mal um Nuancen anders aussehen.
Nicht so bei Schön – die Messungen waren gefälscht, folgerte McEuen. Schön stritt alles ab. Eine Kommission schaute sich 24 Veröffentlichungen des Jungforschers näher an. In 16 entdeckte sie Fälschungen. Schön gab klein bei und zog bei Science insgesamt 8 Artikel zurück – ein Vorgang, den es in der Geschichte des Magazins noch nicht gegeben hatte.
Ist es Zufall, dass so einer aus Deutschland kommt? Lange Zeit wollte man hierzulande gar nicht wahrhaben, dass es da überhaupt ein Problem gibt. Das änderte sich erst, als 1997 eine mafiose Fälscherclique aufflog, die über Jahre fest im Sattel gesessen hatte. „Wir hatten damals sieben Gutachter bestellt. Sieben!” Prof. Detlev Ganten, Stiftungsvorstand am Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, ist immer noch erregt, wenn er über das Berufungsverfahren von Friedhelm Herrmann berichtet. „Und alle, wirklich alle, hatten ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt.”
Anfang der neunziger Jahre war Herrmann der aufgehende Stern am Himmel der Krebsforschung. Wenn damals Krebsstudien weltweit aufhorchen ließen, kamen sie meist aus dem Krebsforschungszentrum Heidelberg oder von Herrmann und seinem Team. Als später Schatten auf den Star fielen, flüsterten einige der Gutachter hinter vorgehaltener Hand, das wundere sie nicht. Unter Insidern sei doch längst bekannt gewesen, dass in den Labors von Herrmann nicht alles mit rechten Dingen vor sich gehe.
Doch zunächst hatten die Gutachter den roten Teppich ausgerollt. Der Mediziner sollte am Max-Delbrück-Centrum in Berlin unter anderem Signalstoffe erforschen, mit denen das Immunsystem Tumore aufspürt. Außerdem suchte Herrmann Gene, mit denen Krebszellen Medikamente austricksen. Anscheinend hatte er Erfolg: Fast monatlich berichtete Herrmann in namhaften Fachzeitschriften über seine Experimente. Er gewann etliche Forschungspreise, saß in den wichtigsten Bewilligungsgremien für Forschungsgelder und war Sprecher der deutschen Gentherapeuten. Um ihn herum bildete sich eine Seilschaft, die ganz nach oben wollte. Zu Herrmanns Förderern gehörte unter anderem Roland Mertelsmann. Für viele war der Klinikchef aus Freiburg der fähigste Gentherapeut Deutschlands. Herrmann und Mertelsmann kooperierten aufs Engste und publizierten meist gemeinsam.
Im Jahre 1994 entdeckte ein amerikanischer Gastforscher am Max-Delbrück-Centrum Fälschungen in den Veröffentlichungen von Herrmann. Am Centrum war man entsetzt – aber nicht etwa über Herrmann. „Als ich Deutschland verließ, wurde ich von den einen als Unruhestifter, von den anderen als Lügner verachtet”, sagte der Amerikaner später gegenüber einem Fahndungsgremium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Herrmann wechselte an die Universität Ulm und nahm etliche Mitarbeiter mit. Seine Lebensgefährtin, die Medizinerin Marion Brach, erhielt in Ulm eine Professur. Dort entdeckte ein Jungforscher in ihren Veröffentlichungen Manipulationen. Ähnlich wie bei Schön gab es in den verschiedenen Abbildungen ein absolut identisches Hintergrundrauschen: Die Darstellungen waren offenbar am Rechner mit „Kopieren” und „Einfügen” zusammengesetzt worden. Nach zähem Hin und Her gab die Professorin die Fälschungen zu und ließ gleich die ganze Bombe platzen: Außer ihr seien ihre Mitarbeiter und Herrmann in die Fälschungen verstrickt, gab sie zu Protokoll.
Die „Große Kommission” – ein übergeordnetes Gremium verschiedener wissenschaftlicher Kontrollausschüsse – beauftragte den Würzburger Zellbiologen Prof. Ulf Roland Rapp, die Arbeiten von Herrmann unter die Lupe zu nehmen. Finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Scheel-Stiftung wurden Rapp und seine Mitarbeiter schnell fündig: „Die Fälschungen waren manchmal unglaublich plump und dreist”, sagt Rapp.
347 Publikationen nahmen die Kontrolleure unter die Lupe und entdeckten in 29 davon klare Beweise für Fälschungen, in 65 weiteren „deutliche Hinweise” auf Datenmanipulationen. Insgesamt 121 konnten von einem Verdacht der Fälschung nicht befreit werden. Nur in 132 Publikationen fanden sich keine Ungereimtheiten.
„Einzelne Betrügereien gab es auch vorher”, sagt Rapp. „Doch das Neue war hier, dass sich ganze Labore mit zahlreichen Wissenschaftlern daran beteiligt hatten.” Etliche Habilitationen, die Herrmann begutachtet hatte, waren erschlichen. Wie ein Krebs schien sich um den Forscher herum eine Fälschermentalität ausgebreitet zu haben, die über ehemalige Mitarbeiter bereits Metastasen in anderen Labors wuchern ließ. Selbst Jahre später ist der Fall nicht aufgearbeitet und sorgt für Unmut. Zwar verlor Herrmann seine Professur in Ulm, aber er arbeitet heute unbehelligt als niedergelassener Arzt.
Für Kopfschütteln sorgt auch der Umgang mit Roland Mertelsmann. Der Professor, der über Jahre aufs engste mit Herrmann zusammengearbeitet hatte, bestreitet bis heute jede Verstrickung. Ein Gremium der DFG wies ihm jedoch in mindestens zwei Fällen die Verantwortung für Fälschungen zu. Trotzdem hat Mertelsmann weiterhin seinen Lehrstuhl in Freiburg. Lediglich die Gelder der DFG wurden ihm für drei Jahre gesperrt.
Mit einem Fall Herrmann hätte niemand hierzulande rechnen können, versucht die Forscherzunft abzuwiegeln. Doch bereits in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es Vorläufer. Da behauptete der Biologe Franz Moewus, dass sich Grünalgen geschlechtlich vermehren. Als Beleg zeigte der Forscher Fotos, auf denen er Weibchen und Männchen säuberlich mit Symbolen markiert hatte. Später verkündete er, dass es in der Umgebung von Algen chemische Faktoren gibt, die das Geschlechtsleben der Einzeller bestimmen. Er nannte sie Sexualstoffe. Schließlich gab er bekannt, Algen in ihre Bausteine zerlegt und dabei 70 Gene entdeckt zu haben. Damit galt er als Entdecker chemisch gespeicherter Informationen in Lebewesen. Spätestens jetzt sah man ihn als Vaterfigur der deutschen Molekularbiologie. Ambitionen auf einen Nobelpreis machte der Zweite Weltkrieg zunichte. Nach dem Zusammenbruch erhielt Moewus eine Einladung nach Amerika. Als Gast der renommiertesten Universitäten sollte er über seine Arbeiten berichten. Während eines Vortrags überführte eine junge Biologin den deutschen Gastredner eines plumpen Betrugs: Moewus wollte die unterschiedliche Bewegungsfähigkeit von Algen demonstrieren. Zuvor hatte er jedoch einen Teil der Einzeller mit Jod bewegungsunfähig gemacht. Binnen kurzer Zeit stellte sich heraus, dass Moewus sein gesamtes Lebenswerk erlogen hatte.
In den Labors der Weimarer Republik waren Fälschungen nicht unbekannt. Viele Sorgen machte man sich indes nicht. Schließlich gab es eine wohlklingende Entschuldigung: Deutschland war die führende Wissenschaftsnation. Hier forschten Menschen wie Albert Einstein, Max Planck und Werner Heisenberg. Die Universitäten galten als vorzüglich, und die deutschen Ingenieure meldeten pro Jahr mehr Patente an als jemals zuvor oder später. Wen wundert also, dass es in einem so produktiven Umfeld auch schwarze Schafe gab?
Doch schon damals wurde deutlich, dass nicht nur die „weichen” Lebenswissenschaften betrugsanfällig sind, wie später immer wieder behauptet wurde. Für Furore sorgte etwa der Berliner Physiker Emil Rupp. Er gab an, nach einer Skizze von Albert Einstein ein höchst anspruchsvolles Experiment zum Charakter des Lichts durchgeführt zu haben. Rupp legte zehn Jahre lang immer wieder neue Fotos als Beweise für seine gelungenen Experimente vor. Dann fiel einem Kollegen auf, dass Einstein in seinem Entwurf, den Rupp so gewissenhaft übernommen haben wollte, einen Spiegel falsch angeordnet hatte – das Experiment konnte so gar nicht gelingen.
Nach der Gründung der Bundesrepublik schien in der deutschen Forschung jedoch alles in geordneten Bahnen zu verlaufen. Erst in den siebziger Jahren kamen wieder Betrugsfälle auf: Erschlichene Doktoren- und Professorentitel wurden aberkannt, preisverdächtige Entdeckungen erwiesen sich als Narreteien und Ärzte nahmen Schädigungen von Patienten in Kauf, um Ruhm zu ernten.
Dabei kamen viele Betrugsfälle wahrscheinlich gar nicht ans Licht oder wurden in internen Verfahren ohne Beteiligung der Öffentlichkeit behandelt. Aber erst die Dimension des Falls Herrmann nährte den Verdacht, dass grundsätzlich etwas falsch läuft in der Forschungslandschaft Deutschlands. „Herrmann hat das Vertrauen in die Wissenschaft erschüttert”, klagt der Jenaer Wissenschaftshistoriker und Philosoph Olaf Breidbach. „Ohne Vertrauen ist Forschung aber nicht möglich: Wenn ein Experte in seinem Spezialgebiet an vorderster Front steht, kann man ihn kaum kontrollieren.”
Einer der Ersten, der daraus grundlegende Reformen forderte, war Prof. Ulf Roland Rapp: Der Betrug greife um sich, weil etwa die Medizin in Deutschland generell hinter ihren Möglichkeiten bleibe. „Einige Mediziner, bei denen wir Ungereimtheiten entdeckten, erklärten, sie seien eben schlechte Naturwissenschaftler und würden die Methoden nicht beherrschen.”
Ein geschicktes Argument, denn es ist mehr als eine Ausrede: Der stressreiche Alltag der Kliniken zwingt Mediziner dazu, ihr Forscherhandwerk nach Dienstschluss zu lernen. Zudem stehen sie unter dem Druck zu publizieren – denn wer nicht schreibt, bekommt keine Gelder.
Daran kann sich etwas ändern, wenn wenigstens ein Teil der Mediziner an den Kliniken hinreichend Zeit für ihre Forschungen erhält, sagt Rapp. Dann wäre es auch möglich, dass Kollegen enger zusammenarbeiten und sich gegenseitig auf die Finger schauen. „ Betrüger haben es schwerer, wenn sie zur Zusammenarbeit gezwungen sind”, pflichtet Breidbach bei. „Schließlich müssen sie ihre Machenschaften verbergen.”
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft reagierte auf den Fall Herrmann mit einer Stärkung der „Selbstkontrolle der Wissenschaft” . In den Labors müssten ein paar „Selbstverständlichkeiten” befolgt werden, mahnte Wolfgang Frühwald. Er war Präsident der DFG, als Herrmann aufflog. Forscher sollten ihre Studien penibel dokumentieren, alle Ergebnisse müssten von den Wissenschaftlern selbst immer wieder angezweifelt werden. Wer weiterhin Gelder der Organisation erhalten wollte, musste Regeln für eine „gute wissenschaftliche Praxis” erlassen.
Für die Einrichtung einer permanenten und unabhängigen wissenschaftliche Taskforce nach amerikanischen Vorbild sieht der jetzige DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker hingegen keinen Grund (siehe Interview). „Am Max-Delbrück-Centrum haben wir schon sehr früh entsprechende Beschlüsse gefasst”, erklärt dessen Chef Detlev Ganten. Wer verdächtige Praktiken beobachtet, kann sich an einen Ombudsmann wenden. In einem zügigen Vorverfahren wird geklärt, wie stichhaltig und gravierend die Vorwürfe sind. Das Besondere dabei: Wer den Verdachtsfall geäußert hat, bleibt zunächst anonym, um Angst vor Repressalien durch Vorgesetzte zu beseitigen. Zu einem öffentlichen Hauptverfahren kommt es, wenn sich der Verdacht erhärtet. Dann übernehmen externe Gutachter die Leitung der Ermittlungen.
Zu einem öffentlichen Verfahren kam es am Max-Delbrück-Centrum bisher nicht. Ganten: „Das heißt nicht, dass in den Vorverfahren nicht kritische Dinge auf den Tisch kamen. Sie konnten jedoch bereinigt werden.” Etwa ein- bis zweimal müssen pro Jahr am Centrum mit seinen knapp 300 Forschern die Ombudsmänner tätig werden. Trotzdem zieht Ganten eine positive Bilanz: „Die Stimmung am Max-Delbrück-Centrum ist merklich besser geworden.” Vieles, was früher möglicherweise unter den Teppich gekehrt wurde, komme heute auf den Tisch. „Damit können wir Betrug nicht völlig ausschließen. Aber es ist ein Weg, um einem Verdacht nachzugehen.”
Der ehemaligen DFG-Fahnder Ulf Roland Rapp gibt sich mit dieser Lösung nicht zufrieden. Selbstkontrolle reiche nicht, erklärt er. Labors sollten vielmehr hin und wieder Besuch von Kollegen bekommen, die professionell nach Betrug in der Wissenschaft suchen. Mit dieser Forderung zog Rapp sich den Zorn seiner Kollegen zu. Auch das Klima zwischen der DFG und dem Professor ist frostig geworden. Nach den Erfahrungen mit den mafiosen Strukturen im Fall Herrmann bleibt Rapp jedoch dabei: „ Wissenschaftler müssen kontrolliert werden.”
KOMPAKT
• Die Versuchung zum Betrug in der Wissenschaft wird offenbar größer.
• Die Forschergemeinschaft setzt auf eine bessere Selbstkontrolle der Wissenschaft. Doch viele Insider haben das Vertrauen verloren.
• Eine externe Überprüfung der Labors ist nicht geplant.
Andreas Wawrzinek




