Sei es der Hergang eines Unfalls oder eigene Kindheitserlebnisse: Oft sind wir davon überzeugt, uns genau an bestimmte Situationen zu erinnern. Je mehr wir darüber nachdenken, desto lebhafter und detailreicher werden die Bilder vor unserem geistigen Auge – und doch können sie falsch sein. Gerade in Strafprozessen können solche Scheinerinnerungen zu Problemen führen, wenn Zeugen fest davon überzeugt sind, etwas erlebt oder beobachtet zu haben, das aber nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmt. In zahlreichen Studien haben Forscher bereits gezeigt, wie beispielsweise suggestive Fragen solche Scheinerinnerungen hervorrufen können. Eine Lösung des Problems stand dagegen bislang weniger im Fokus.
Falsche Kindheitserinnerungen
Damit hat sich nun ein Team um Aileen Oeberst von der FernUniversität Hagen beschäftigt. „Während es in mehreren Studien gelungen ist, falsche Erinnerungen in Interview-Settings zu induzieren, stellen wir Untersuchungen vor, die versuchen, diesen Effekt umzukehren“, so die Autoren. Zu diesem Zweck lösten auch sie bei ihren Probanden zunächst falsche Erinnerungen aus. Um ein möglichst realistisches Szenario zu schaffen, hatte Oebersts Team vorab die Eltern der Probanden gebeten, mehrere negative Kindheitserinnerungen der Probanden zu nennen – beispielsweise die Erfahrung, sich zu verlaufen, in einen Unfall verwickelt zu sein oder Täter oder Opfer einer Sachbeschädigung zu sein. Zusätzlich sollten die Eltern zwei Begebenheiten benennen, die plausibel wären, aber nicht geschehen sind.
In drei suggestiven Interviews wurden die Probanden zu je zwei tatsächlichen und zwei vorgeblichen Ereignissen in ihrer Kindheit befragt. Um Verzerrungen auszuschließen, wusste der Interviewer dabei selbst nicht, welche der Ereignisse wahr und welche falsch waren. Im Anschluss an jedes Interview testeten die Forscher, wie sehr die Probanden glaubten, sich an die jeweiligen Ereignisse zu erinnern. „Die Qualität der Erinnerungen war generell höher, wenn sie sich auf wahre Begebenheiten bezogen“, berichten die Forscher. „Im Verlauf der Interviews stieg die Qualität der falschen Erinnerungen aber signifikant an.“
Woher kommt die Erinnerung?
Mit starker Suggestion in den Interviews gelang es den Forschern, 56 Prozent der Probanden tatsächlich dazu zu bringen, ein erfundenes Ereignis für eine eigene Erinnerung zu halten. Bei Probanden, die nur auf leicht suggestive Weise interviewt wurden, waren es 27 Prozent. Im Folgenden vermittelten die Forscher allen Probanden zwei Strategien, um falschen Erinnerungen auf die Schliche zu kommen. Zum einen ermunterten sie die Testpersonen dazu, sich Gedanken zu machen, auf welche Quellen ihre Erinnerungen zurückgehen: Handelt es sich wirklich um eigene Erlebnisse, oder könnten es vielleicht Familienfotos, Erzählungen der Eltern oder andere externe Berichte sein? Bereits dieser Schritt reduzierte den Anteil der Probanden, die glaubten, sich wirklich an die vorgeblichen Erlebnisse erinnern zu können.





