Säuglinge, die noch Gesund eingeschlafen sind, werden von den entsetzen Eltern am nächsten Morgen leblos im Kinderbett gefunden. Die Tragik eines solchen „plötzlichen Kindstodes” ist mit Worten kaum zu fassen. Dabei liegen die wahren Ursachen im Dunkeln. „Klar ist bisher nur, dass eine Regulationsstörung im zentralen Nervensystem mit im Spiel ist”, sagt Prof. Manfred Oehmichen, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Lübeck. Aber kein Arzt weiß, ob beispielsweise das Atemzentrum oder die Steuerung des Herzschlags versagt hat – der Grund für viele neue Untersuchungen. „Fast jeder, der heute ein Diagnose-Verfahren entwickelt, untersucht früher oder später auch den plötzlichen Kindstod”, meint Manfred Oehmichen. Und schnell sind dann neue Theorien aus dem Hut gezaubert. Fest steht inzwischen, dass die Gefahr zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat am größten ist. Und fast immer findet man die toten Kinder in Bauchlage. Bemerkenswert ist, dass in Deutschland seit 1990 die Zahl der toten Kinder um fast zwei Drittel von 1283 auf 482 im Jahr 2000 sank. Viele Experten sehen den Grund in der mittlerweile propagierten Rückenlage. Doch da die meisten Kinder die Bauchlage überleben, scheint sie nicht die Ursache zu sein, sondern lediglich eine zuvor unerkannte Erkrankung auszulösen.
Thesen gibt es viele. So hatten amerikanische Wissenschaftler in den siebziger Jahren viel beachtete Daten publiziert, die auf eine genetische Veranlagung schließen ließen. Der Auslöser war, dass eine Familie mehrere Kinder durch plötzlichen Kindstod kurz hintereinander verlor. Doch die Gene waren nicht schuld, wie sich zwei Jahrzehnte später herausstellte: Die Mutter hatte ihre Kinder im Schlaf erstickt.
Das Spektrum der heute kursierenden Theorien reicht von Herzfehlern über Infektionen mit dem Magenkeim Helicobacter pylori bis hin zum Rauchen der Mutter – und Alzheimer: Vor vier Jahren fanden Wissenschaftler der Universität von Kentucky mithilfe eines Antikörpers bei 95 Prozent der verstorbenen Kinder ein Protein, das man bisher nur von Alzheimer-Patienten kannte. Schnell war eine neue These gestrickt: Der plötzliche Kindstod beruhe ähnlich wie die Alzheimer-Krankheit auf dem Zerfall von Hirnzellen. Doch Prof. Oehmichen ist skeptisch. Zwar fand auch seine Lübecker Arbeitsgruppe in den Gehirnschnitten verstorbener Kinder das spezielle Protein – und zwar mit demselben Antikörper, den die Amerikaner benutzt hatten. Doch Oehmichen hält es für wahrscheinlich, dass der Antikörper nicht ein Alzheimer typisches Protein erkennt, sondern eines, das gebildet wird, wenn Sauerstoff knapp wird. Dies wäre dann aber eine Folge und nicht die Ursache des plötzlichen Kindstodes. Verlässliche Kindstod-Anzeichen gibt es bis heute nicht.
„So lange wir nicht genau wissen, was den plötzlichen Kindstod auslöst, können wir ihn nur zweifelsfrei diagnostizieren, indem wir andere Erkrankungen durch eine Obduktion ausschließen”, bedauert Oehmichen. Seine Erfahrung zeige, dass dabei manchmal durchaus erklärliche Todesursachen ans Licht kommen, beispielsweise eine Erbkrankheit oder gar ein Gewaltdelikt.
Dr. Ulrich Fricke




