Frauen führen in Europas Spitzenforschung ein Schattendasein. Doch die Unterrepräsentanz von Wissenschaftlerinnen in den europäischen Forschungslabors ist den EU-Statistikern bisher keine einzige Erhebung wert gewesen. “Es ist ein Skandal”, schimpft Nicole Dewandre, seit Anfang des Jahres Referatsleiterin “Frauen und Wissenschaft” bei der EU-Kommission. Es existiert “nahezu keine Statistik” der Fünfzehnergemeinschaft über die Präsenz von Frauen mit Hochschulabschluß in der Wissenschaft, bestätigt das europäische Statistikamt Eurostat in Luxemburg.
Das soll nach dem Willen der Brüsseler Behörde künftig anders werden. Mit dem fünften EU-Forschungsrahmenprogramm sollen die Enkelinnen von Marie Curie, Luise Meitner und Maria Montessori nicht nur zum Studium naturwissenschaftlicher Fächer ermuntert werden. Die Kommission will auch eine Mindestquote für Wissenschaftlerinnen einführen. Bei der Bildung von europäischen Foren und Sachverständigengruppen sowie bei der Vergabe von EU-Stipendien soll künftig die 40-Prozent-Marke für Frauen zur Regel werden. In den Gremien des vierten EU-Forschungsrahmenprogramms hatte der Frauenanteil eben mal 6,7 Prozent betragen.
In der europäischen Wirtschaft sind Frauen immerhin statistisch erfaßt. Sie stellen nur zu rund fünf Prozent Top-Führungskräfte und sind in Entscheidungsgremien lediglich zu rund zwölf Prozent vertreten. Im Wissenschaftsbetrieb ergeht es den Absolventinnen und Akademikerinnen an europäischen Hochschulen offenbar noch schlimmer. Frauen, die die wissenschaftliche Laufbahn nach ihrem Examen oder Diplom weiterverfolgen wollen, werden “diskriminiert, stehen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und erhalten niedrigere Stipendien als ihre männlichen Kollegen”, steht in einer von der EU-Kommission herausgegebenen Mitteilung.
Um die “Mobilisierung der Frauen im Interesse der europäischen Forschung” voranzubringen, soll jetzt eine zwölfköpfige Gruppe von Wissenschaftlerinnen bis Dezember 1999 einen Abschlußbericht zur Geschlechterfrage in der EU-Forschungspolitik vorlegen.
EURO-TICKER Frauen im Netz. Nach Angaben des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) liegt in Deutschland die Zahl der regelmäßigen Surferinnen im Internet bei über 20 Prozent. Tendenz: steigend.
Marie-Curie-Stipendien. Künftig sollen 40 Prozent aller Forschungsstipendien Nachwuchswissenschaftlerinnen zugute kommen. Ansprechpartnerin für Deutschland ist Barbara Lieder, DLR, Königswinterer Str. 522 – 524, 53227 Bonn E-Mail: barbara.liederdlr.de
Frauen-Netzwerk. Die bei der EU-Kommission etablierte Koordinierungsstelle “Frauen und Wissenschaft” arbeitet am Aufbau eines EU-weiten Wissenschaftlerinnen-Netzwerkes.
Interessierte Forscherinnen können bei der Brüsseler Generaldirektion Forschung, 200 rue de la Loi, B-1049 Brüssel,
Kontakt mit Nicole Dewandre aufnehmen. E-Mail: nicole.dewandredg12.cec.be
EURO-TALK Mary Osborn, Vorsitzende des EU-Vorhabens “Frauen und Naturwissenschaftler”, ist Zellbiologin am MPI für Biophysikalische Chemie und Honorarprofessorin der Uni Göttingen.
bdw: Werden Frauen in Europas Wissenschaft diskriminiert?
Osborn: Ja. Wenn man die Vereinigten Staaten mit Europa vergleicht, sind die amerikanischen Wissenschaftlerinnen viel besser dran. In Deutschland macht die Zahl der C4-Professuren, die von Frauen belegt werden, eben mal sechs Prozent aus. Hier muß sich etwas grundlegend ändern.
bdw: Wie kam es zu mehr Chancengleichheit in den USA?
Osborn: Entscheidend waren der gemeinsame Protest der Frauen selbst, entsprechende Gesetze sowie Gruppenklagen zur Durchsetzung dieser Gesetze. Auch in Europa haben die Frauen begonnen, sich zu wehren. Aber die Gesetze zur Chancengleichheit sind hier schwach, es fehlen die Mittel zur Durchsetzung, und Gruppenklagen sind meistens nicht möglich. Daher sind die Frauen in Europa darauf angewiesen, daß diejenigen, die die Macht zu Veränderungen haben, auch Druck ausüben.
bdw: Was kann die EU-Sachverständigengruppe tun?
Osborn: Wir können auf die Probleme aufmerksam machen und werden mit dem im Dezember erscheinenden Abschlußbericht klare Empfehlungen aussprechen.
Thomas A. Friedrich





