Die abenteuerliche Vermessung des indischen Subkontinents
Von dem gewaltigen Projekt ist nur ein Name geblieben: Everest. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Vermessung Indiens so aufwändig und schwierig wie heute ein Flug zum Mond. Zentimetergenau nahmen die englischen Kolonialherren an ihren eroberten Territorien Maß, von der Südspitze des Subkontinents bis zum Fuß des Himalaya. Die Geodäten arbeiteten so exakt, dass sie sogar Dellen im Rund der Erde aufspürten und auf Anomalien der Erdanziehung stießen, die das Lot aus der Senkrechten zogen.
Der logistische Aufwand war beträchtlich: Hunderte Menschen zogen mit Elefanten, Kamelen und Pferden fünf Jahrzehnte lang durch Sümpfe, Dschungel und über Berge. Viele starben an Tropenkrankheiten, manche wurden von Tigern angefallen. Um freie Sicht auf Fixpunkte zu erhalten, ließen sie ganze Wälder fällen, massive Türme bauen und Dörfer niederreißen. Am Ende nahmen sie die Himalaya-Riesen ins Visier und stießen dabei auf den höchsten Berg der Welt. Sie nannten ihn nach einem der Leiter des Programms: George Everest.
Das Buch veranschaulicht die gewaltigen Anstrengungen, die damals ohne Auto, Telefon und Computer nötig waren. Autor John Keay hat sich zudem bemüht, die Charaktere der beiden Protagonisten lebendig zu machen. William Lambton, der das Projekt erdacht und während der ersten 20 Jahre geleitet hatte, soll ein ruhiger, genialer Wissenschaftler gewesen sein, der das Land liebte und mit den Einheimischen freundschaftlich verkehrte. Everst, sein Nachfolger, galt dagegen als cholerischer Dickschädel mit englischem Kolonialdünkel. Heute würde man sagen: als Rassist. So gesehen hat der Mount Everest den falschen Namen bekommen.
Klaus Jacob





