von Bernd Müller
Neutronen sind ungewöhnliche Boten. Weil sie keine elektrische Ladung tragen, dringen sie tief in Materie ein. Auf die richtige Geschwindigkeit abgebremst, passt ihre Wellenlänge genau zum Abstand der Atome im Kristallgitter. Dadurch können sie enthüllen, wo die Atome sitzen, wie sie sich bewegen und welche magnetischen Strukturen das Material aufweist. Das macht Neutronen zum unverzichtbaren Werkzeug der Materialforschung, von der Batterieentwicklung über die Strukturbiologie bis hin zur Suche nach neuen Magneten. Wer Neutronen in großer Zahl braucht, war in Europa bisher auf eine Handvoll überlasteter Quellen angewiesen. Das ändert sich bald: Im schwedischen Lund entsteht mit der European Spallation Source (ESS) die stärkste Neutronenquelle ihrer Art weltweit.
Normalerweise gewinnt man Neutronen aus Kernspaltungsprozessen in Forschungsreaktoren. Bei Spallationsquellen kommt stattdessen ein Teilchenbeschleuniger zum Einsatz, der Protonen auf ein Zielmaterial schießt, wobei Neutronen freigesetzt werden.
Wie bei vielen solchen Projekten in letzter Zeit, hat auch die ESS die gesteckten Ziele für Bauzeit und Kosten verfehlt – wenn auch vergleichsweise moderat. Zu den ursprünglich veranschlagten 1,84 Milliarden Euro für den Bau und 810 Millionen Euro für den anfänglichen Betrieb kamen im Laufe der Jahre einige Zusatzkosten hinzu. Die Coronapandemie aber auch eine zu optimistische Planung verzögerten den Zeitplan um zwei Jahre und verursachten Mehrkosten von 278 Millionen Euro – getragen von allen Mitgliedsstaaten. Deshalb hat man 2021 einen neuen Zeitplan aufgestellt, der die Inbetriebnahme für 2027 vorsieht. Von den jüngsten geopolitischen Spannungen sei man aber nur indirekt betroffen, heißt es von der ESS. Zum Beispiel wegen der Preisexplosion für Mikrochips infolge des Booms bei KI-Rechenzentren sowie wegen steigender Kosten für das Kühlmittel Helium aufgrund der Spannungen am Persischen Golf.

Das „Target Wheel“ ist ein Meisterwerk der Technik. Es besteht aus Wolfram und muss gut gekühlt werden. · Foto: © Ulrika Hammarlund / ESS






