ES HAT SCHON GEWALTIG GERAUSCHT damals, vor 7500 Jahren, am Schwarzen Meer. Und heute im Blätterwald. Wie ein Lauffeuer ging im September 2000 die Nachricht um den Globus: Der US-Tauchroutinier Robert Ballard entdeckte am Grund des Schwarzen Meeres – rund 20 Kilometer vor der türkischen Hafenstadt Sinop – Spuren menschlicher Besiedlung. In mehr als 100 Meter Wassertiefe stieß er auf behauene Balken und steinzeitliche Werkzeuge.
Die meisten Medien nehmen seitdem die Nachricht als Bestätigung für den Wahrheitsgehalt des 1999 erschienenen Buches „ Noah’s Flood” (deutsch: „Sintflut”, Gustav Lübbe Verlag). Darin entwerfen die Geologen Walter Pitman und William Ryan ein spektakuläres Szenario: Nach der letzten Eiszeit, vor rund 12000 Jahren, begannen die Gletscher stark abzuschmelzen. Der Meeresspiegel stieg an. Um das Jahr 5600 v.Chr. ergoß sich das Mittelmeer über eine felsige Schwelle am heutigen Bosporus in das mehr als 100 Meter tiefer gelegene Schwarze Meer – damals ein Binnensee aus Gletscher-Schmelzwasser, deutlich kleiner als heute (siehe Karte links). 15 Zentimeter pro Tag sei der Wasserspiegel gestiegen. Die Menschen, die am Seeufer wohnten, hätten fliehen müssen.
Das dramatische Ereignis, mutmaßen Pitman und Ryan, hätten sie als Sintflut-Sage an die Folgegenerationen weitererzählt. Sogar wohin die Vertriebenen zogen, glauben die Autoren zu wissen: Unmittelbar nach der Flutkatastrophe habe in Mesopotamien, Ägypten und Europa plötzlich die Jungsteinzeit eingesetzt, mit Ackerbau und Viehzucht. Das könne doch auf die womöglich hochentwickelten Sintflut-Flüchtlinge zurückzuführen sein, die lediglich donauaufwärts hätten ziehen müssen, um in Zentraleuropa die erste bäuerliche „Bandkeramik”-Kultur zu gründen. Jens Lüning, Professor für Vor- und Frühgeschichte an der Universität Frankfurt, kommentiert trocken: „Die Menschen der Bandkeramik-Kultur sind keineswegs nach Zentraleuropa eingewandert.
Diese ersten Bauern waren Einheimische, mit starker Verwurzelung in zeitlich früheren lokalen Jäger- und Sammlerkulturen – nordwestlich von Budapest nahm das zwischen 6000 und 5500 v.Chr. seinen Anfang.”
Auch die schlagartige Wandlung der Mitteleuropäer von Wildbeutern zu Ackerbauern entzaubert der Frankfurter Forscher: „ Bei allem, was plötzlich auftritt, meinen die Leute immer: Das muß doch irgendwer da hingebracht haben. Sie lassen außer acht, daß es in der Menschheitsgeschichte immer wieder rasche kulturelle Umorientierungen gab.” Als Beispiel nennt Jens Lüning das plötzliche Verschwinden von Lenin-Standbildern und fünfzackigen Sternen an repräsentativen Gebäuden im heutigen Rußland: „Was sollen denn Archäologen in ein paar Jahrhunderten davon halten – vielleicht, daß die Bevölkerung der Sowjetunion 1990 komplett ausgewandert ist?”




