Die Weltnaturschutzunion IUCN hat ihre Rote Liste aktualisiert. Das Ergebnis ist kein Grund zur Freude, auch wenn es zwei ausgestorben geglaubte Arten doch noch gibt: Im kleinen Walsertal fand man einige Exemplare der Bayerischen Kurzohrmaus. Und auf einer Insel nördlich von Sydney ist ein lebendes Fossil, die Lord Howe Island Stabheuschrecke, gesehen worden. Beide Tiere schienen seit den sechziger Jahren verschwunden. Die schlechte Nachricht aber ist: Heute sind 11167 Tierarten gefährdet oder akut vom Aussterben bedroht, 121 mehr als noch vor zwei Jahren. Manche Bestände schrumpfen beängstigend schnell. Beispielsweise grasten 1993 noch über eine Million Saiga-Antilopen in der Steppe Zentralasiens – heute sind es nur noch rund 50000. Weil man den Hörnern der Antilopen-Männchen Heilkräfte nachsagt, werden die Tiere massiv gejagt. Extrem gefährdet sind auch die Äthiopische Wassermaus, das wilde zweihöckerige Kamel sowie die letzten noch in freier Wildbahn lebenden 600 Iberischen Luchse. Neben den Tieren nennt die Rote Liste derzeit auch 5714 Pflanzenarten als gefährdet – 103 mehr als vor zwei Jahren. Den Zuwachs stellen vor allem mexikanische und brasilianische Kakteen, deren Vorkommen jetzt erstmals genauer erfasst wurde. Insgesamt hinken die Botaniker mit ihren Untersuchungen denen der Zoologen weit hinterher. Nur von vier Prozent aller bekannten Pflanzen weiß man überhaupt, wo und in welchen Mengen sie wachsen. Der genaue Prozentsatz bedrohter Arten sei deshalb vermutlich viel höher, heißt es in dem Bericht der Weltnaturschutzunion. Dass sogar 50 Prozent aller Pflanzenarten weltweit bedroht sind, schätzen Nigel Pitman und Peter Jorgensen von der Duke University in Durham in einer eigenen Studie. Diese hohe Zahl ist das Ergebnis ihrer Evaluation von Pflanzenvorkommen in tropischen Ländern. Die Forscher betonen, dass das Risiko des Aussterbens umso größer ist, je kleiner das Gebiet ist, in dem die Tiere leben. Naturereignisse wie Feuer, Erdrutsche oder Trockenheit können solche regional begrenzten Artenvorkommen für immer verschwinden lassen.
Hans Groth




