Schluss mit der Phobie
Von der öffentlichen Gunst verwöhnt ist die Chemie in Deutschland gewiss nicht. Vielen dient „chemisch” als Schimpfwort – gerne dann eingesetzt, wenn ein Gegensatz zu „natürlich” hergestellt werden soll. Nicht anders verhält es sich mit „ Plastik”, das immer noch viele gleichbedeutend mit „billig” oder „ unansehnlich” im Munde führen. Lang lebe das Vorurteil, sage ich da: Weder sind chemische Verbindungen von Hause aus eine Erfindung des Menschen. Noch ist Plastik das adäquate Wort für die Vielfalt von Kunststoffen, die unsere Welt bereichern. Egal ob CD, Airbag, chirurgische Instrumente oder atmungsaktive Kleidung – ohne von Chemikern ersonnene Produkte oder Beimengungen läuft kaum noch etwas. Zwar hat die Phobie der Deutschen gegenüber der Chemie angesichts einer längeren unfallfreien Zeit abgenommen, doch „nach einem Unfall wäre die skeptische Haltung sofort wieder da”, bestätigt Prof. Wolfram Koch, Geschäftsführer der Gesellschaft Deutscher Chemiker im bdw-Gespräch auf Seite 96. Zu sehr wirken Fanale wie Seveso, Bhopal, Sandoz/Rhein nach. Sie lassen die Verantwortlichen hoffentlich alles für die Sicherheit von Arbeitern, Bevölkerung und Umwelt tun. 2003 ist das Jahr der Chemie, getragen vom Forschungsministerium, der Initiative Wissenschaft im Dialog und vielen Chemieverbänden. Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sollen dadurch mobilisiert werden, sich mit der Chemie zu beschäftigen. Auch unsere Titelgeschichte soll dazu beitragen. Wie immer Sie zur Chemie stehen: Für den Wohlstand sind der Verbleib dieser Branche in Deutschland sowie die Weiterentwicklung zur „Molekularen Wissenschaft” – wie Insider sie schon nennen – essenziell. Jeder 14. Industriearbeitsplatz hängt unmittelbar davon ab, jeder zehnte Euro am industriellen Gesamtumsatz resultiert daraus – 2002 waren das immerhin 131 Milliarden Euro. Und schließlich: 27 Chemie-Nobelpreisträger hat Deutschland vorzuweisen. Damit liegen wir noch knapp vor den Briten – nur die Amerikaner bringen es auf deutlich mehr.
Wolfgang Hess





