Der Film „Rain Man” mit Dustin Hoffman hat Autismus bekannt gemacht. Über die Ursache dieser psychischen Störung kursieren abstruse Vorstellungen. Ein gängiges Vorurteil: „ Kühlschrank-Eltern” hätten ihren Kindern keine Liebe und Wärme vermittelt. Doch Forscher sind jetzt überzeugt: Autismus ist im Wesentlichen genetisch bedingt.
Die innere Vereinsamung der Kinder tritt vor dem dritten Lebensjahr in Erscheinung. Autisten vermeiden direkten Körper- und Blickkontakt. Sie wirken taub und beginnen, wenn überhaupt, erst spät zu sprechen. Gesten, Lächeln und Worte dringen in ihre abgekapselte Welt nicht vor. Spielzeug erregt so gut wie keine Aufmerksamkeit.
Eine vollständige Heilung ist bis heute nicht möglich. Verhaltenstherapeutische Maßnahmen und Sprachanbahnung helfen aber vielen der jungen Patienten, sich besser in der Welt zurechtzufinden.
Jedes 2000ste Kind in Deutschland leidet an einer autistischen Störung. Jungen sind etwa dreimal so häufig betroffen wie Mädchen. Doch nur wenige von ihnen entsprechen dem Bild des „Rain Man”, der als mathematisches Genie seinem Bruder zu einem hohen Geldgewinn verhilft. Denn Fähigkeiten wie überragende mathematische oder musische Begabungen sind absolute Ausnahmen. „ Bisher kennen wir weltweit höchstens 200 solche spektakulären Fälle”, sagt der Diplom-Psychologe Dr. Sven Bölte von der Forschungsstelle Autismus an der Universitätsklinik in Frankfurt am Main. Die von Prof. Fritz Poustka geleitete Forschungsstelle versucht mit verhaltensgenetischen Untersuchungen den Ursachen des Autismus auf den Grund zu gehen. Sven Bölte: „Schon in den siebziger Jahren gab es erste Zwillings- und Geschwisterstudien, die eine genetische Ursache des Phänomens vermuten ließen.” Bei eineiigen Zwillingen findet sich eine 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass beide Kinder autistische Züge zeigen, bei zweieiigen liegt sie unter 10 Prozent. Geschwister von autistischen Kindern haben ein 60- bis 100fach erhöhtes Risiko, selbst betroffen zu sein. Durch genetische Vergleiche von Geschwisterpaaren versuchen die Forscher die Regionen im menschlichen Erbgut zu finden, die an der Entstehung des Autismus beteiligt sind. „Die heißesten Kandidaten sind zurzeit die Chromosomen 7, 15 und 16″, meint Sven Bölte. „Wahrscheinlich sind diese Regionen mit der Entwicklung autistischen Verhaltens und Erlebens assoziiert.” Der Anfangsverdacht hatte sich wegen der Häufung bei Jungen zunächst gegen das X-Chromosom gerichtet. Doch darauf fand sich bislang nichts Außergewöhnliches.
Welche Gene beteiligt sind und welche Funktion sie haben, ist noch unklar. Scheinbar gibt es aber nicht nur ein einziges Autismus-Gen. Alles deutet auf eine polygenetische Ursache hin – also auf einen Satz verschiedener Gene, die nur in bestimmten Kombinationen für Autismus verantwortlich sind. Die Forscher gehen davon aus, dass es sich dabei um Gene handelt, die eine wichtige Rolle in der embryonalen Hirnentwicklung spielen. Wenn sie diese Marker-Gene gefunden haben, wollen die Forscher diagnostische Systeme entwickeln, um die Störung schon in den ersten Lebensmonaten aufzuspüren und individuelle Therapiepläne zu erstellen. Wann ein solcher Gentest marktreif ist, steht derzeit allerdings noch in den Sternen.
bdw-Community
INTERNET
Hilfe für das autistische Kind:
www.autismus.de
Autismus-Therapie:
www.autismus-online.de/
Homepage des autistischen Kindes Robin:
members.tripod.de/Rautende/
LEsen
Gilbert Lelord, Aribert Rothenberger
DEM AUTISMUS AUF DER SPUR
Vandenhoeck & Ruprecht 2000 DM 37,80
KonTakt
Die Forschungsstelle Autismus sucht für ihre Studien noch Familien mit einzelnen oder mehreren autistischen Kindern.
Tel.: 0511 / 9001255626 Boelte@em.uni-frankfurt.de
www.kgu.de/zpsy/ kinderpsychiatrie/forschung/ Autismus.html
Ulrich Fricke




