Die Geschichte des Türken Hassan Celik ist typisch für einen „ Gastarbeiter” in Deutschland. Vor 20 Jahren wurde er angeworben, heute lebt er mit seiner sechsköpfigen Familie in einem Vorort Frankfurts. Seine Lebensgrundlage verdankt er den Glitzerfassaden des Bankenviertels in der Mainmetropole: Er fand eine Anstellung in einer Fassaden- und Fensterreinigungsfirma. Kein Wunder, dass Herr Celik sich vor einigen Jahren Sorgen machte: Sogar durch die Bild-Zeitung geisterte der „Lotus- Effekt” – das Ende der Arbeitsplätze in der Reinigungsbranche? Da war von Oberflächen die Rede, die einen von der Lotus-Pflanze abgeschauten Effekt nutzen und sich selbst reinigen. Eine schuppige Mikrostruktur sorgt dort dafür, dass Schmutzpartikel nicht haften bleiben und mit dem nächsten Regenguss rückstandslos abgespült werden. Prof. Wilhelm Barthlott vom Botanischen Institut der Bonner Universität hatte den Effekt entdeckt und so professionell propagiert, dass ihm die Medien Ende der neunziger Jahre fast die Tür einrannten. Heute kann Hassan Celik aufatmen. „Von dem selbstreinigenden Fensterglas mit Lotus-Effekt sind wir noch weit entfernt”, sagt Dr. Martin Baumann, Projektleiter für Forschung und Entwicklung der Firma Ferro Deutschland in Frankfurt am Main. Das Unternehmen hat sich auf die Beschichtung von Oberflächen spezialisiert und ist einer von mehreren Lizenznehmern, die Barthlotts Lotus-Effekt technisch nutzen wollen. Auch die Automobilindustrie hatte in der Hoffnung auf selbstreinigende Lacke und Windschutzscheiben auf das Phänomen gesetzt. Doch eingehende Versuchsreihen brachten nicht den gewünschten Erfolg. „Um den Lotus-Effekt zu erzielen, müssen Oberflächen äußerst fein strukturiert werden. Dabei aber gleichzeitig die Transparenz und Abriebfestigkeit zu erhalten, ist technisch noch nicht gelöst”, resümiert Baumann. So sieht die Ausbeute an Marktprodukten dürftig aus. Die bayerische Firma Erlus hatte bereits für 2001 die Markteinführung von selbstreinigenden Dachziegeln geplant. Indes: „Die Feldversuche laufen noch, die Einführung des Produkts verzögert sich”, sagt ein Mitarbeiter. Immerhin gibt es eine Fassadenfarbe, die unter der Produktbezeichnung „Lotusan” im Handel ist – 20 Prozent teurer als andere Farben. Doch Ernüchterung auch hier: „Was den Selbstreinigungs-Effekt angeht, haben sich die Erwartungen in dieses Produkt nicht erfüllt”, sagt Heinrich Bartholemy von der technischen Informationsstelle des Maler- und Lackiererhandwerks. Ähnliches bekommt man vom Ulmer Autopflegemittel-Hersteller LIQUI-MOLY zu hören: Entwicklung eines marktreifen Produktes bis heute nicht gelungen. Die Firma ist ebenfalls Lizenznehmerin von Barthlott.
War’s das dann mit den selbstreinigenden Oberflächen? „Wir setzen auf die Beschichtung mit Nanopartikeln”, erteilt Dr. Gernot T. Dambacher, Marketingleiter bei Creavis, einer Tochterfirma der Degussa AG, dem Lotus-Effekt eine Abfuhr. Durch Nano-Beschichtung entstehen Materialien mit neuen Eigenschaften. Und wer hier nachforscht, wird fündig: Der Glashersteller Bischoff Glastechnik im badischen Bretten hat seit August 2001 nanobeschichtetes und damit schmutzabweisendes Fensterglas im Angebot. Es reduziert den Reinigungsbedarf um bis zu 75 Prozent. Das Produkt wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für neue Materialien (INM) in Saarbrücken entwickelt, dessen Leiter der „ Nanopartikel-Papst” Prof. Helmut Schmidt ist. Auch auf Oberflächen in Küche und Bad sorgen Nanopartikel bereits für Sauberkeit und Hygiene. Und was bleibt von den Vorschusslorbeeren für den Lotus-Effekt? Kaum mehr als die Bestätigung der Werbe-Weisheit: „Klappern gehört zum Handwerk.”
Sebastian Moser





