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Entschieden entscheiden
Bei jeder Entscheidung müssen wir allerlei Unsicherheiten abwägen. Wann sind wir mit einer Wahl zufrieden und wann korrigieren wir sie? Über einen komplexen Prozess, den wir zigtausend Mal am Tag erfolgreich bewältigen.
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von JAN SCHWENKENBECHER
Das 20. Jahrhundert war gerade angebrochen, da betrat ein Typ Mensch die Bühne der Welt, der sowohl die wirtschaftswissenschaftliche als auch die psychologische Forschung nachhaltig beschäftigen sollte. Er war klug und handelte stets mit Bedacht. Bevor er eine Entscheidung traf, sammelte er jede Information, die er nur bekommen konnte, und hatte er die Fakten einmal beisammen, vergaß er sie nie wieder. Er entschied immer so, dass der Nutzen im Vergleich zu den Kosten so groß wie irgend möglich war. Dieser Mensch war der „Homo oeconomicus“.
Der Homo oeconomicus existierte in der Realität so nicht, er war vielmehr die prototypische Vorstellung eines rational, klug und besonnen handelnden Menschen. Ein Begriff sozusagen, der erstmals um die Jahrhundertwende fiel, und es war wohl der britische Philosoph John Stuart Mill, der ihn vollends in die Welt der Wirtschaftswissenschaften einführte. Dort wurde Homo oeconomicus dringend gebraucht, um volkswirtschaftliche Vorhersagen treffen zu können.
Zwar dürften die Ökonomen schon damals geahnt haben, dass es gewisse Diskrepanzen zwischen Homo oeconomicus und realem Homo sapiens gibt. Sie rechneten trotzdem mit Homo oeconomicus weiter – bis die beiden Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky in den 1970er-Jahren ihre „Prospect Theory“ entwickelten. Die brach konsequent mit der Vorstellung vom rational entscheidenden Menschen. Vielmehr handeln Menschen laut der Theorie ganz unterschiedlich, je nachdem, wie sie die Risiken von Entscheidungen wahrnehmen. Kahnemann bekam für die Theorie im Jahr 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Da nur lebende Personen nominiert werden können, wurde dem 1996 verstorbenen Tversky diese Ehre nicht mehr zuteil. Ein paar zentrale Annahmen lauten: Menschen gewichten Verluste viel stärker als Gewinne, ihre einmal eingenommene Position geben sie nur widerwillig auf, und schlechte Entscheidungen reden sie sich schön. Wir Menschen mögen uns für noch so rational halten, eigentlich agieren wir aber eher emotional und impulsiv – und entscheiden uns heute so und morgen anders.
Trotzdem kommen wir mit unseren Entscheidungen meist ganz gut durchs Leben. Schließlich haben wir – die Schätzungen gehen hier auseinander – bis zu 20.000, 35.000 oder 100.000 Mal am Tag die Qual der Wahl. „Tatsächlich ist es ja so, dass die ganzen vielen Entscheidungen, die wir treffen, in gewisser Weise eine Wette auf die Zukunft sind – wir wetten darauf, dass etwas so kommt, wie wir es vermuten“, sagt der Psychologe Ralph Hertwig. „Das gilt für ganz banale Entscheidungen, beispielsweise, wenn wir uns im Supermarkt eine Tube Zahnpasta aus dem Regal nehmen, ebenso wie für große Weichenstellungen, zum Beispiel die Wahl des Studienfachs.“ Im besten Fall kommt es wie gedacht, die Zähne bleiben gesund und der Studienanfänger findet die Inhalte spannend. Hertwig ist Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, zudem Mitglied im Corona-Expertenrat der Bundesregierung. Er erforscht, wie Menschen den Zwiespalt bewältigen, dass sie die Zukunft nicht sicher vorhersagen können und dennoch heute Entscheidungen für morgen treffen müssen. Zu seinen Erkenntnissen gelangt Hertwig wie viele andere Entscheidungsforscher vorrangig durch Verhaltensexperimente. Häufig geht es um Geld, das die Versuchspersonen infolge bestimmter Entscheidungen gewinnen oder wieder verlieren können. „Alle Entscheidungen, ob groß oder klein, sind, sobald sie etwas mit der Zukunft zu tun haben, mit einer gewissen Unsicherheit verknüpft“, sagt Hertwig. „Und Menschen haben viele verschiedene Strategien, mit diesen Unsicherheiten umzugehen.“
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Um diese Strategien besser verstehen zu können, hilft es, zunächst mal einen kleinen Schritt zurückzutreten und sich die Antworten auf zwei ganz grundlegende Fragen näher anzuschauen: Was ist eigentlich eine Entscheidung und wie unterscheiden sich die einen von anderen Entscheidungen?
Verschiedene Entscheidungen
Eine Entscheidung ist eine Situation, in der eine Person die Wahl zwischen mehreren Optionen hat und sich für eine entscheiden kann, soll oder muss. So weit, so simpel. Aber – man kennt das aus dem Alltag – neben den gegebenen Optionen an sich gibt es eine Menge an Komponenten, die Entscheidungen erschweren oder erleichtern können: Ereignisse, Konsequenzen, Attribute, Ziele und Gründe.
Angenommen, ein Mann möchte einen entspannten Spaziergang unternehmen. Er entscheidet sich für die Option, keinen Regenschirm mitzunehmen. Der Grund: Er glaubt nicht, dass es regnen wird, und der Regenschirm würde ihn behindern. Unterwegs tritt dann das von ihm nicht zu beeinflussende Ereignis ein: Es regnet. Die Entscheidung, keinen Schirm mitzunehmen, zieht eine Konsequenz nach sich: Er wird nass. Ein Attribut seiner Entscheidung – Entspannung – war bis zum Regenschauer sehr ausgeprägt (weil er keinen Schirm tragen musste), danach kaum vorhanden (wegen der nassen Haare und Kleidung). Damit verfehlt er sein mit der Entscheidung angestrebtes Ziel des entspannten Spaziergangs.
Diese Komponenten von Entscheidungsprozessen zu trennen, kann eine zunächst recht banal erscheinende, am Ende aber doch aus unzähligen Variablen bestehende Entscheidung besser beschreibbar machen. Eine solche Analyse hilft im Alltag, wenn man über anstehende Entscheidungen spricht, ebenso wie in der Forschung. Außer den Komponenten, welche die Variablen einer Entscheidungssituation beschreiben, gibt es Merkmale, anhand derer sich Entscheidungen differenzieren lassen.
Eine weitere Frage ist, wie viel Arbeit in Form kognitiver Ressourcen in eine Entscheidung fließen muss. Den geringsten Aufwand bereiten die routinisierten Entscheidungen, die vollständig verinnerlicht sind und beinahe automatisch ablaufen: Werktags gibt es Müsli zum Frühstück, am Wochenende Brötchen. Etwas mehr zu bedenken gibt es bei stereotypen Entscheidungen, bei denen der Mensch zwar bewusst entscheidet, aber in einem sehr kleinen, gut abgesteckten und schon vielfach wiederholten Rahmen, etwa bei der Wahl des Shampoos. Das richtige Nachdenken beginnt bei den reflektierten Entscheidungen, für die man nicht auf bestehende Muster zurückgreifen kann, sondern seine Präferenzen sorgsam abwägt und in Bezug auf eine vorliegende Fragestellung neu sortiert: Wie steht man zur Organspende? Die komplexeste Form sind schließlich die konstruktiven Entscheidungen, bei denen es zahlreiche unbekannte Variablen gibt. Hier können sogar die Optionen selbst unklar sein oder die eigene Haltung dazu. So muss man viele Informationen sammeln und Ressourcen einbringen, wenn es letztlich um die Frage geht: Wie führe ich ein Leben, das mich glücklich und zufrieden macht?
Entscheidungsstrategien
Mit der Komplexität von Entscheidungen wächst oft die Unsicherheit, die Anzahl der unbekannten Variablen steigt, und Wahrscheinlichkeiten lassen sich weniger gut abschätzen – und damit braucht es zum Bewältigen des Entscheidungsprozesses mehr kognitive Ressourcen. Im Gehirn ist eine ganze Reihe von Arealen beteiligt, wenn wir uns entscheiden: allen voran der präfrontale Cortex, aber auch andere Teile der Großhirnrinde, der Hirnstamm oder, wenn Emotionen im Spiel sind, das limbische System. Je knapper die Ressourcen sind und je schneller eine Entscheidung vielleicht noch getroffen werden muss, desto besser muss ein Mensch auswählen, auf welche Entscheidungsstrategien er zurückgreift. Den „kognitiven Werkzeugkasten“ nennt Hertwig das. Im Laufe der Evolution hätten die Menschen diesen Kasten mit einer Vielzahl an diversen Werkzeugen bestückt. Die Herausforderung bestehe nun darin, je nach Entscheidung das richtige Werkzeug einzusetzen.
„Die Berufswahl ist zum Beispiel eine große Entscheidung, bei der die Unsicherheit im Moment sogar besonders groß ist, weil sich die Welt, in der wir leben, so schnell wandelt“, sagt Hertwig. Doch kann man die Unsicherheit mit einigen Strategien verringern: in einem Praktikum den Wunschberuf selbst ausprobieren, Erfahrungen anderer einholen und im Internet Informationen sammeln. Nach der Recherche lässt sich besser abschätzen, ob der Beruf sich in fünf Jahren immer noch als gute Wahl erweisen könnte.
Welche Strategie sich als die richtige erweise, sei in jeder Situation anders. „In dem einen Fall ist für eine gute Entscheidung Genauigkeit gefragt, im anderen Fall ist es Schnelligkeit“, so Hertwig. „Im dritten Fall könnte wichtig sein, dass eine Entscheidung transparent zustande kommt, weil dies anderen Menschen erlaubt, die Entscheidung nachzuvollziehen.“ Je passgenauer das Werkzeug, desto besser wird die Entscheidung gelingen. Und: Je öfter wir ähnliche Dinge entscheiden müssen und ein Feedback dazu bekommen, ob wir gut entschieden haben, desto treffender wählen wir das Werkzeug aus. Ein Beispiel ist die alljährliche Frage: „Wohin fahren wir in den Urlaub?“ Man berücksichtigt die Interessen aller Familienmitglieder eher, wenn man im Vorjahr die Fahrt ans Meer durchgesetzt hat, obwohl der Rest der Familie lieber in die Berge wollte, und es letztlich für alle nicht so schön war. Womöglich schlägt man dann für den nächsten Urlaub eher einen Ort vor, wo Strand und Berge nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen.
Zufriedene Entscheider
Ob jemand mit einer Entscheidung zufrieden ist oder nicht, hängt nicht zuletzt auch von der entscheidenden Person ab. „Die Forschung differenziert zwischen zwei Typen: dem Maximizer und dem Satisficer“, sagt Psychologe Hertwig. „Ein Maximizer versucht immer die bestmögliche Option zu finden. Dem Satisficer hingegen reicht es, wenn seine persönlichen Ansprüche erfüllt sind.“ Ob eine Entscheidung zufriedenstellend ist, hängt also davon ab, was die Person erreichen möchte.
Die Satisficer haben es im Leben leichter. Der Maximizer, immer auf der Suche nach der perfekten Lösung, kann eigentlich nur scheitern. Wie sollte jemand zum Beispiel den bestmöglichen Beruf finden – wo es doch Abertausende Optionen gibt? „Menschen, die so an eine Entscheidung herangehen, sind im Schnitt danach unzufrieden mit ihrer Wahl“, sagt Hertwig. „Denn immer steht die Frage im Raum: Hätte es nicht vielleicht eine noch bessere Variante gegeben?“ Anders der Satisficer. Er ist zufrieden, wenn der gewählte Beruf alle zuvor definierten Anforderungen erfüllt. Verdient er ein bestimmtes Gehalt oder mehr, hat flexible Arbeitszeiten und auch ein paar nette Kollegen, dann ist er mit seiner Entscheidung zufrieden. Ob es einen noch besseren Job gegeben hätte? Vielleicht. Sehr wahrscheinlich sogar. Aber das Ziel lautete ja: „gut genug“, nicht „optimal“, daher ist es erreicht.
Deshalb können Satisficer sogar mit einer Entscheidung glücklich sein, wenn am Ende ein ziemlich schlechtes Ergebnis herauskommt, sofern sie mit der Art und Weise zufrieden ist, wie die Entscheidung zustande kam. Hatte man zum Beispiel nur ganz wenig Zeit, keine Lust, sich umfassend zu informieren, oder war einem das Ergebnis gar nicht so wichtig, ist man am Ende zwar nur Besitzer der elftbesten Gartenschere, hat aber keine kognitiven Ressourcen verschwendet. Auch das kann zufriedenstellen. „Prozedurale Zufriedenheit“ nennt die Entscheidungsforschung das.
Entscheidungen rückgängig machen
Wir Menschen reden uns einen Entscheidungsprozess mitunter auch gerne schön – besonders dann, wenn am Ende ein gutes Ergebnis herauskommt. Hans-Rüdiger Pfister, Professor für psychologische Entscheidungsforschung und Methoden an der Leuphana Universität Lüneburg, sagt: „Das passiert vor allem bei Entscheidungen, bei denen mehrere Aspekte gegeneinander abzuwägen sind und immer einer auf Kosten eines anderen geht. Für Kaufentscheidungen ist das ganz typisch.“ Geht also zum Beispiel die bessere Ausstattung des Autos zulasten des günstigen Preises, sei das eine schwierige Situation. Hat man sich endlich entschieden, hadert man direkt danach oft mit der Wahl. Doch die Zweifel verschwinden mit der Zeit – man sieht die Vorteile, die feine Ausstattung, und das zusätzlich ausgegebene Geld ist vergessen. Man gewöhnt sich an die Folgen der Entscheidung. „Das geschieht vor allem dann, wenn es sich um eine Entscheidung handelt, die man nicht mehr rückgängig machen kann“, so Pfister. „Sind die Würfel gefallen, gelingt es den meisten Menschen, sich mit der getroffenen Entscheidung zu arrangieren. Deswegen sind wir nach nicht rückgängig zu machenden Entscheidungen zufriedener als bei solchen, die wir korrigieren könnten.“
Und was, wenn wir die Entscheidung rückgängig machen können? Wann korrigieren wir und wann nicht? Die Antwort lautet wie so oft: Es kommt darauf an. Menschen sind in der Regel gut darin, umzuschwenken, etwa wenn sie im Nachhinein neue Informationen bekommen. Ein recht aktuelles Beispiel zeigt allerdings, wie schwierig das manchmal doch sein kann: die Coronaimpfung. Wer zum Beispiel zu Beginn der Pandemie mit Spätfolgen (Nebenwirkungen, die erst Monate oder Jahre nach einer Impfung auftreten) argumentierte, der müsste sich, seit dazu mehr Informationen vorliegen (es sind keine Spätfolgen bekannt), eigentlich umentscheiden und sich doch noch impfen lassen. „Aber es geht ja nicht nur darum, ob man individuell für sich die richtige Wahl trifft, sondern man gibt ein öffentliches Commitment ab. Man teilt den Mitmenschen seine Haltung mit“, sagt Pfister. So eine Entscheidung wieder rückgängig zu machen, ist mit einer Art Gesichtsverlust verbunden, da man sich als jemand outet, der vorher falsch lag. „Viele Entscheidungen, von denen andere wissen, sind in der Tat schwierig rückgängig zu machen.“
Andererseits kann man den sozialen Druck der Mitmenschen für sich nutzen. Denn manchmal hakt es im Alltag ganz woanders: bei der Umsetzung. „Wenn ich all meinen Bekannten erzähle, dass ich morgen mit dem Rauchen aufhöre, dann kann mir das dabei helfen, diese Entscheidung tatsächlich durchzuziehen“, sagt Pfister. Teile man dem ganzen Umfeld mit, was man zu tun gedenke, sei das ein Korrektiv, das an eine Entscheidung binde.
Und selbst wenn wir nie eine so wohlüberlegte und gut kalkulierte Wahl treffen werden wie der Homo oeconomicus: Wer weiß, wie Entscheidungsprozesse ablaufen und wo Denkfallen lauern, kann so bessere Entscheidungen treffen – und am Ende zufriedener damit sein.
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