Die beiden Wachposten sind verunsichert. Zwei Deutsche mit Kameras, die mit dem Taxi auf die Baustelle des Jinanqaio-Wasserkraftwerks fahren wollen – das gab es hier noch nie. Einen Telefonanruf später dürfen wir passieren, aber ohne Taxi und bitte rasch. Bevor es sich die Posten anders überlegen, eilen wir einige Hundert Meter die Straße hinauf, vorbei an einem umgekippten Lastwagen, an winzigen Wellblech-baracken für die Wanderarbeiter und auf eine lange Brücke, über die Lastenesel Baumaterial den Berg hinauf transportieren. Erst am Ende der Brücke bietet sich der Blick auf die Staumauer hinter dem Knick des Tales.
Massen von Beton und Stahl füllen die tiefe Schlucht, durch die das trübe Wasser des Jinsha fließt. Kaum zu glauben, dass dieses gelbe Rinnsaal ab 2010 – zu einem großen See aufgestaut – einen Beitrag zur Energieversorgung Chinas leisten soll. Nur noch wenige Meter fehlen bis zur imposanten Höhe der Staumauer von 156 Metern. Und doch ist Jinanqaio mit einer Leistung von 465 Megawatt das kleinste einer Kette von 13 Wasserkraftwerken, die am Jinsha – dem Oberlauf des 6380 Kilometer langen Jangtse – geplant und gebaut werden. Verglichen mit dem Dreischluchten-Damm, der etwa 2000 Kilometer flussabwärts liegt, ist Jinanqaio gar ein Winzling: Das größte Wasserkraftwerk der Welt leistet mit 18,2 Gigawatt etwa das 40-Fache.
Der Jinsha, dessen Name soviel wie „goldener Sand” bedeutet, ist mit seinen engen Schluchten und einem Höhenunterschied von 3280 Metern bei den chinesischen Energieversorgungsunternehmen begehrt – genau wie die beiden eng benachbarten Flüsse Mekong und Nu, die ebenfalls aus über 5000 Meter Höhe von der tibetischen Hochebene zu Tal fließen. Schätzungsweise 112 Gigawatt Leistung, etwa ein Viertel von Chinas nutzbaren Wasserkraftressourcen, lassen sich im Jinsha erschließen. Der Fluss strömt durch die Provinz Yunnan, wo der britische Autor James Hilton die Geschichte von Shangri-la spielen lässt – einem sagenhaften Ort voller Schönheit und Ruhe, dessen Bewohner Hunderte Jahre alt werden. Schön ist die Landschaft immer noch, auch das Städtchen Lijiang trotzt mit seiner Altstadt der Bauwut, wie sie anderswo herrscht. Doch allein in der engen Schleife, die der Jinsha um die Stadt zieht, soll eine Kaskade mit fünf Wasserkraftwerken entstehen, mit Jinanqaio als Letztem in der Reihe.
Empfindliche Störung
Das dürfte zumindest den optischen Reiz des Unesco-Weltkulturerbes „Die drei parallelen Flüsse von Yunnan” empfindlich stören. Andererseits hat das Reich der Mitte kaum eine andere Wahl, wenn es den Energiehunger seiner 1,33 Milliarden Einwohner einigermaßen klimaverträglich stillen will. Die Zahlen sind alarmierend: Nach den Schätzungen des Weltklimarats IPCC erhöhen sich die Kohlendioxid-Emissionen in China um 2,5 bis 5 Prozent pro Jahr, nach US-Schätzungen beträgt die jährliche Steigerungsrate sogar 11 Prozent. Da ist es nicht erstaunlich, dass dort im Schnitt fast jede Woche ein neues Kohlekraftwerk in Betrieb geht.
2010 werden die CO2-Emissionen Chinas um 600 Millionen Tonnen höher liegen als 2000, was das Minderungsziel der Unterzeichner des Kyoto-Protokolls von 118 Millionen Tonnen zunichte macht. Stimmen die Schätzungen, ist allein die Zunahme der Emissionen in China fast so groß wie der gesamte Jahresausstoß in Deutschland von gut 800 Millionen Tonnen CO2. Im elften Fünfjahresplan der Volksrepublik, der von 2006 bis 2010 unter dem Motto „Harmonische Gesellschaft” steht, spielen Umweltschutz und Nachhaltigkeit erstmals eine besondere Rolle. Die Schadstoffe sollen in diesem Zeitraum um zehn Prozent gesenkt werden. Angesichts der IPCC-Schätzungen ist das für CO2 bereits jetzt Makulatur, doch immerhin hat die Regierung in Peking die Brisanz des Problems erkannt.
In Anbetracht des riesigen Drucks ist verständlich, dass die chinesische Regierung auf regenerative Energiequellen setzt, die schnell große Beiträge liefern können – und da steht die Wasserkraft an erster Stelle. Schätzungen zufolge betragen die erschließbaren Ressourcen für Wasserkraft in ganz China 500 Gigawatt – das entspricht der Leistung von 500 großen Kohle- oder Kernkraftwerken. Ende 2005 wurden 117 Gigawatt genutzt, also knapp ein Viertel. Bis 2010 sollen es 180 Gigawatt sein, bis 2020 sogar 300 Gigawatt. Damit wäre China bei der Erschließung der Wasserkraft immer noch ein Nachzügler. Deutschland hat 73 Prozent seiner Wasserkraft erschlossen, die USA 82 Prozent, Japan sogar 84 Prozent. Dabei war China schon einmal weiter. 1984 betrug der Anteil der Wasserkraft an der gesamten installierten Kraftwerkleistung des Landes 32 Prozent, fiel dann aber bis 1996 auf 19 Prozent – die hohen Investitionen und langen Bauzeiten schreckten die Zentralregierung ab. Sie setzte lieber auf Kohlekraftwerke. In den letzten zehn Jahren hat sich der Trend wieder umgekehrt. Doch um das gesetzte Ziel zu erreichen, müssten alle 18 Monate Wasserkraftwerke von der Größe des Dreischluchten-Damms gebaut werden.
Strom zum Spottpreis
Der Jinsha bietet dieses Potenzial. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis erscheint dort besonders günstig. Weil Wasser umsonst ist, kostet ein Wasserkraftwerk auf Jahrzehnte gerechnet nur die Hälfte eines Kohlemeilers. Yao Yonghui und Zhang Baiping vom Institut für Geographie und Erforschung natürlicher Ressourcen an der chinesischen Akademie der Wissenschaften haben für den Jinsha Investitionen von acht Cent pro Kilowattstunde errechnet, was weit unter den 13 Cent des Dreischluchten-Damms liegt. Doch möglicherweise geht diese Rechnung nicht auf, weil die negativen Folgen durch die Zerstörung wertvoller Naturgebiete und die notwendige Umsiedlung Hunderttausender von Anwohnern nicht einkalkuliert wurden. „Auch Wasserkraft ist nie zu 100 Prozent nachhaltig”, schreiben David Harrison, Jeff Opperman und Brian Richter in einem Fachbeitrag des Water-Power-Magazin. Die drei Autoren sind Experten für Trinkwasserressourcen bei der seit über 50 Jahren weltweit aktiven amerikanischen Umweltschutzorganisation The Nature Conservancy. Allerdings gibt es Maßnahmen, um den Einfluss von Wasserkraftwerken auf die Umwelt so gering wie möglich zu halten. Entsprechende Richtlinien zur Nachhaltigkeit hat die International Hydropower Association aufgestellt. Harrison, Opperman und Richter beschreiben in ihrem Beitrag, wie sich diese Richtlinien bei den geplanten Dämmen am Jinsha umsetzen lassen. Denn damit könnte man nicht nur die Nachteile für Mensch und Natur minimieren, sondern es ließe sich sogar der Profit für die Betreiber erhöhen.
Ziel: Weniger Umsiedlungen
Bisher sind viele Staudämme so ausgelegt, dass sie Wasser in der Regenzeit sammeln und in der Trockenzeit ablassen. Die Stromerzeugung ist so übers Jahr weitgehend konstant. Damit wollen die Betreiber auch Überschwemmungen in der Regenzeit verhindern. Doch dieser Ansatz ist falsch, schreiben die Autoren des Water-Power-Berichts. Sie schlagen vor, die Stromerzeugung an die Wassermenge anzupassen. In der Regenzeit während des Sommers, wo in drei Monaten 60 Prozent der Niederschläge fallen, soll mehr Strom erzeugt werden, in der Trockenzeit weniger. Das würde auch zum Verbrauch in den Megastädten im Osten und Süden Chinas passen, der im Sommer wegen der stromfressenden Klimaanlagen höher ist als im Winter. Die Speicherkapazität der Staudämme könnte reduziert werden, weniger Anwohner müssten ihre Häuser aufgeben.
Die Autoren rechnen ohnehin damit, dass selbst in der Regenzeit gar nicht genügend Wasser vorhanden sein wird, um alle am Jinsha geplanten Reservoire zu füllen. Gemeinsam mit chinesischen Behörden hat The Nature Conservancy eine „ ökologische Blaupause” erstellt, in der Ziele für die Trinkwasserversorgung sowie Schutzzonen ausgewiesen werden. Bei der Planung künftiger Wasserkraftwerke soll dieses Dokument helfen, die Lage und den Betrieb der Kraftwerke so zu optimieren, dass sie möglichst nachhaltig arbeiten. Auch Silke Wieprecht, Professorin für Wasserbau und Wassermengenwirtschaft an der Universität Stuttgart, empfiehlt einen Betrieb der Wasserkraftwerke, der dem natürlichen hydrologischen Gang entspricht. Doch sie moniert, dass der Ansatz von The Nature Conservancy dem Speichergedanken und dem Wunsch der Betreiber widerspricht, möglichst gleichmäßig Energie zu erzeugen. Wieprecht schlägt einen Mittelweg vor, der die Sedimente mobilisiert, denn die sind in Chinas Flüssen das Hauptproblem. Ein Gramm Schwebstoffe transportiert der Jangtse in einem Liter Wasser, zu bestimmten Zeiten kann es aber auch das Hundertfache sein. Diese Sedimente lagern sich am Damm ab und müssen regelmäßig beseitigt werden. Doch Bagger werden der Menge nicht Herr und so hilft nur regelmäßiges Spülen der Stauseen.
Trinkwasser in Gefahr
Aber auch das ist nicht ideal: Die durch das Spülen plötzlich ankommende große Sedimentmenge verklebt die Flussauen unterhalb des Damms. Und es reichern sich Schadstoffe an, die die Trinkwasserqualität gefährden. Wieprecht betont: „Besser ist es, wenn man die größten Sedimentwellen durchlässt, denn die Ökologie ist daran gewöhnt.” Auch Aufforsten kann helfen. Denn durch das Abholzen ganzer Wälder gelangt mehr Löss in die Flüsse – wie am Gelben Fluss, dem zweitgrößten Strom Chinas. Die Sedimentmengen sind dort so groß, dass die Sohle des Flusses anwächst und an manchen Stellen schon höher als das Ufer liegt. Das verschärft die Gefahr von Überschwemmungen.
Alarmiert verfolgt Gewässerökologin Wieprecht die Meldungen über die Veränderungen durch den Dreischluchten-Damm. Doch die tröpfeln spärlich, weil die Chinesen kaum Informationen preisgeben. Wieprecht erklärt: „Die Berichte über Schäden reichen von ‚gar nichts‘ der Regierung bis ‚totale Katastrophe‘ der Umweltschutzorganisationen.” Wie immer liegt die Wahrheit wohl in der Mitte. So sind Befürchtungen über das Aussterben des Jangtse-Störs vermutlich mit Vorsicht zu genießen, denn diese alte Fischart wäre nach Meinung von Biologen auch ohne den Damm aus dem Fluss verschwunden – allein wegen der starken Wasserverschmutzung.
Baustopps häufen sich
Auf ein „Weiter so” will es die Zentralregierung offenbar nicht ankommen lassen. In letzter Zeit verhängte sie immer häufiger Baustopps, wenn keine Umweltgutachten vorlagen. Auch früher gab es ab und an solche Baustopps, doch sie dienten allein der Imagekosmetik im Ausland. Die Betreiber warteten ein paar Monate, lieferten nichtssagende Umweltgutachten ab und bauten dann einfach weiter. Wie am Oberlauf des Jangtse beim Xiluodu-Staudamm, ebenfalls in der Provinz Yunnan: Das Projektunternehmen hatte mit dem Bau 2005 begonnen, wurde aber auf Druck der staatlichen Umweltschutzbehörde SEPA gestoppt. Doch bald schon ging der Bau unverändert weiter, und der Zeitplan zur vollständigen Inbetriebnahme bis 2015 wird wohl eingehalten.
Allerdings: Die Taktik vom Aussitzen und Ignorieren dürfte in Zukunft nicht mehr funktionieren. In letzter Zeit häufen sich die Verzögerungen durch Anweisungen aus Peking. Der erste Paukenschlag war der Erschließungsstopp für den Tigersprungschlucht-Damm, den Ersten in der Kette der acht großen Dämme am Jinsha. Um dieses atemberaubende Naturwunder mit seinen Hunderte Meter abfallenden Steilwänden gab es erbitterte Kämpfe zwischen Naturschützern und Anwohnern auf der einen Seite und Unternehmen und Regierung auf der anderen Seite. 2007 verkündete die Provinzregierung von Yunnan das wohl endgültige Aus. Seither gibt es in der Tigersprungschlucht keine Bauaktivitäten mehr. 2009 griff Chinas Premier Wen Jiabao mehrfach selbst in die Debatte ein. Im Mai verhängte der Regierungschef einen Baustopp für das Liuku-Wasserkraftwerk am Nu, einem der schönsten Flüsse Chinas, der unter dem Namen Salween auch durch Burma und Thailand fließt. Pikant: Schon 2004 hatte der Premier dort für einen Baustopp gesorgt, der von den Betreibern aber, wie gewohnt, ignoriert wurde. Jetzt fordert Wen eine detaillierte Studie über den Einfluss des Damms auf das lokale Ökosystem und die Anwohner. Nur einen Monat später traf es zwei Wasserkraftwerke am Jinsha. Longkaikou und Ludila liegen hinter Jinanqaio rund 100 beziehungsweise 200 Kilometer flussabwärts. Im Januar hatten die Betreiberunternehmen Huaneng Power und Huadian Power mit dem Aufstauen des Flusses begonnen, ohne eine Umweltfolgenabschätzung einzureichen.
Deutschland als Vorbild
„Dämme ohne Maßnahmen zum Schutz der Umwelt stören die Wasserökologie und haben negative Auswirkungen auf die anliegenden Ortschaften”, kritisiert Tao Detian, Sprecher des Ministeriums für Umweltschutz. So klare Worte aus so hohen Regierungskreisen sind neu. Bisher wurden Umweltbedenken kleingeredet oder ignoriert. Doch der Regierung dämmert offenbar, dass der ungezügelte Ausbau der Wasserkraft eine ökologische und soziale Zeitbombe sein könnte. Etwa seit drei Jahren beobachtet Silke Wieprecht auf Konferenzen eine größere Offenheit der chinesischen Kollegen. Sie geben ökologische Probleme zu – wohl um mit den ausländischen Fachleuten ins Gespräch zu kommen. Tatsächlich gibt es zunehmend internationale Kooperationen zur Gewässerökologie in Chinas Flüssen. Am glaubwürdigsten sind dabei Wissenschaftler aus Ländern, die selbst höchste Maßstäbe an die Umweltverträglichkeit ihrer Wasserkraftwerke anlegen – mit Deutschland als Vorbild. Zwar gebe es auch zwischen Flensburg und Garmisch noch Wasserkraftwerke ohne Fischtreppe oder Sedimentmanagement, klagt Silke Wieprecht. Doch eine Anlage wie der Dreischluchten-Damm wäre in Deutschland gegen die Bevölkerung keinesfalls durchsetzbar, selbst wenn die Umweltverträglichkeitsprüfung für Jahre positiv ausfiele.
Die öffentliche Aufmerksamkeit stachelt die Betreiber der Wasserkraftwerke offenbar zu Höchstleistungen an. Die wohl modernste und umweltverträglichste Anlage der Welt mit Fischtreppen und umfangreicher Renaturierung baut die EnBW derzeit in Rheinfelden an der deutsch-schweizerischen Grenze. Seine fünf Turbinen werden ab 2010 rund 100 Megawatt leisten. Silke Wieprecht ist begeistert: „Rheinfelden ist das Nonplusultra.” ■
Bernd Müller war überrascht, dass man ihn unangemeldet auf die Jinanqaio- Baustelle ließ. Das entschädigte ihn für die dreistündige halsbrecherische Taxifahrt.
von Bernd Müller




