Wenn wir Eltern werden, verändern sich unsere Lebensgestaltung, unsere Prioritäten und unser Sozialleben. Körperlich ändern sich die Hormonspiegel und auch unser Gehirn reagiert auf die neue Lebensphase mit erhöhter Plastizität. Während manche, insbesondere körperliche Veränderungen, durch die Schwangerschaft ausgelöst werden und auf Mütter beschränkt sind, lassen sich zahlreiche neuronale Anpassungen auch bei Vätern beobachten. Das Ausmaß dieser Effekte hängt unter anderem davon ab, wie viel Zeit man mit dem Nachwuchs verbringt. Doch während sich bereits viele Studien den kurzfristigen Auswirkungen der Elternschaft aufs Gehirn gewidmet haben, waren mögliche langfristige Effekte bislang weitgehend unbekannt.
Mehr Kinder – mehr Hirnverbindungen
Ein Team um Edwina Orchard von der Yale University in New Haven hat nun Hirnscans von 19.964 Frauen und 17.607 Männern ausgewertet, deren Daten in der UK Biobank gespeichert sind. Für ihre Studie analysierten die Forschenden die Hirnkonnektivität, also die Verknüpfungen verschiedener Bereiche im Gehirn, die mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) sichtbar gemacht werden. Die Ergebnisse setzten sie in Verbindung zur Anzahl der Kinder sowie weiteren Einflussfaktoren wie Alter, Bildungsniveau und sozioökonomischen Status.
Die Auswertungen ergaben: „Sowohl bei Frauen als auch bei Männern war die Elternschaft positiv mit der funktionellen Konnektivität korreliert, wobei eine höhere Anzahl von Kindern mit einer höheren Konnektivität verbunden war“, berichtet das Forschungsteam. Besonders deutlich ausgeprägt war dieser positive Effekt bei den motorischen und sensorischen Netzwerken des Gehirns, also den Bereichen, die mit Bewegung und Empfindung in Verbindung gebracht werden.
Neuroprotektiver Effekt
Im Einklang mit früheren Studien zeigte sich aber auch, dass sich die Konnektivität im Gehirn mit zunehmendem Alter verringert. Doch genau in den am stärksten vom Altern betroffenen Bereichen hatte die Elternschaft einen besonders positiven Einfluss und wirkte dem altersbedingten Abbau entgegen. „Das deutet darauf hin, dass Elternschaft vor funktioneller Hirnalterung schützen könnte“, erklären Orchard und ihr Team. Die Eltern unter den Testpersonen hatten somit ein „jüngeres“ Gehirn als gleichaltrige Kinderlose.
Welche Mechanismen diesen Effekt vermitteln, ist bislang noch unklar. „Da der Effekt ist sowohl bei Frauen als auch bei Männern zu beobachten ist, spielt wahrscheinlich die Betreuung der Kinder eine Rolle und nicht nur die Schwangerschaft“, erläutert das Forschungsteam. Womöglich werden die motorischen und sensorischen Netzwerke des Gehirns besonders aktiviert, wenn Eltern mit ihren Kindern interagieren, sich auf ihre non-verbalen Signale einlassen, mit ihnen kuscheln, toben oder gemeinsam die Welt erkunden. In diesem Fall könnte der neuroprotektive Effekt auch für andere Menschen gelten, die sich viel mit Kindern beschäftigen. Eine andere Erklärung könnte sein, dass Menschen, wenn sie Eltern werden, ihr Lebensmodell für viele Jahre tiefgreifend verändern und sich auf eine für sie völlig neue Situation einlassen, was ebenfalls Auswirkungen auf das Gehirn haben könnte.





