Nüchtern, langatmig und verschroben – kein Buch, das wir Ihnen auf den nächsten Seiten vorstellen, hat solchen Schimpf verdient. Die „Wissenschaftsbücher des Jahres” sind allesamt ganz ausgezeichnet.
Ohne Titel
Ein „Kunst”-Stück ist dem Fotografen Bernhard Edmaier mit „ GeoArt Deutschland” schon allein deshalb gelungen, weil er in unserer zersiedelten Republik überhaupt noch ursprüngliche Landschafts-
Motive aufgespürt hat, die zum einen ästhetisch besonders reizvoll sind und die zum anderen exemplarisch die geologische Geschichte illustrieren. Edmaier hat Flüsse, Seen und Inseln aus der Luft fotografiert, ferner Küsten, Mittel- und Hochgebirge: „ Vertrautes aus neuer Perspektive”. Faszinierend sind viele seiner Aufnahmen, technisch perfekt allesamt.
Bildbände, in denen die Schönheit der Natur so raffiniert abgelichtet wird, dass mancher das als abstrakte Kunst betrachten mag, gibt es mittlerweile reichlich. Was diesen aus der Masse heraushebt, ist die gelungene Synthese von Bild und Text. Die Geologin und Wissenschaftsjournalistin Angelika Jung-Hüttl versteht es meisterhaft, „Erdgeschichten” zu erzählen – spannend, anschaulich, kurz und prägnant. Und zu jedem der sieben Kapitel gibt sie einen zweiseitigen Überblick. Sie schildert beispielsweise das unvermeidliche Schicksal aller Seen der Erde, irgendwann zu verlanden. Und sie beschreibt, weshalb die Ostseeinseln gen Osten wandern. Erdkunde zum Schmökern. So sollten Schulbücher sein. Markus Bohn
Perspektive
Wie begeistert man ein neunjähriges Kind für Astronomie – wenn es sich zwar gern das Geglitzer am Nachthimmel anschaut, aber nach dem drögen Schulunterricht gar nicht wissen will, was dahinter steckt?
Mit dem Buch von Rudolf Kippenhahn: Vom ersten Satz an hörte meine Tochter gebannt zu, als ich ihr „Das Geheimnis des großen Bären” vorlas. Ein Professor fährt darin mit seinen Enkelkindern im Urlaub nach Südfrankreich ans Meer, wo er mit ihnen die Sterne beobachtet – jeden Abend erneut. Während er zu erzählen anfängt von Vagabunden im All oder von Weihnachten, das in den Sommer fällt, fragen ihm die Kinder ein Loch in den Bauch: Woher wir wissen, dass die Erde um die Sonne fliegt, oder warum wir nicht mit den anderen Planeten zusammenstoßen. Spannend wird es, wenn immer wieder ein seltsames Objekt am Himmel auftaucht, dass sich die Kinder nicht erklären können – und dass der Professor zunächst nie selbst beobachtet. Das Geheimnis wird erst im letzten Kapitel gelüftet.
Meine Tochter hat bis zum letzten Satz gefesselt gelauscht. Und viele Fragen gestellt, auf die es im Buch gleich eine Antwort gab – weil die Enkelkinder dasselbe fragten. Das Einschlafen wurde immer wieder ein bisschen hinausgeschoben. Mit Lerneffekt: Den Vers zur Reihenfolge der Planeten „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten” (Merkur – Venus – Erde – Mars – Jupiter – Saturn – Uranus – Neptun – Pluto) haben wir uns beide gemerkt. Uta Altmann
2. Platz Andreas Korn-Müller, Alexander Steffensmeier DAS VERRÜCKTE CHEMIE-LABOR Patmos, 48 S. mit zahlr. farb. Illustr., € 15,90 (ab 9 J.) ISBN 3–491–42026–1
3. Platz Sylvia Englert, Stefan Jäger CAFÉ ANDROMEDA Eine fantastische Reise durch die moderne Physik Campus, 205 S., € 18,90 (ab 13 J.) ISBN 3–593–37071–9
Ohne Titel
Das Vorhaben war tollkühn: Vor ein paar Jahren nahm sich der erfolgreiche Reiseschriftsteller Bill Bryson vor, ein Buch über ein Thema zu schreiben, von dem er überhaupt nichts verstand: über die Wissenschaft. Der Grund dafür war der plötzliche Gedanke, „dass ich vom einzigen Planeten, auf dem ich jemals leben würde, eigentlich keine blasse Ahnung hatte”, wie Bryson in der Einleitung schreibt. Unbescheiden beschränkte er sein Vorhaben nicht auf ein bestimmtes Gebiet, wie es einem Debütanten angestanden hätte, sondern packte auf die rund 700 Seiten seines Buches nicht weniger als die Geschichte des Universums samt Urknall, Herkunft des Lebens, Aufbau der Atmosphäre, Newton, Darwin, Einstein, Quantentheorie, Plattentektonik, Treibhauseffekt.
Herausgekommen ist eine äußerst humorvolle Rache an allen langweiligen Schulbüchern aus Brysons Kindheit. Wir lernen, dass 98 Prozent der Materie in der Zeit entstanden sind, „die man zur Zubereitung eines Sandwichs braucht”, dass bei geringfügig anderer Gravitation das Universum wie „ein schlecht aufgestelltes Zelt” in sich zusammengebrochen wäre und dass in dieser Welt „ etwas zu werden, das man als lebendig bezeichnen kann”, eine gewaltige Leistung ist. Genauso wie dieses Buch.
Reto Schneider
Ohne Titel
Von einem Buch, das die „letzten Geheimnisse der Kochkunst” ankündigt, verspricht man sich einiges. Es sei denn, der Autor ist Engländer. Milder formuliert: Die kulinarischen Maßstäbe auf der Insel sind nicht gerade berühmt. Dass aus dem lukullischen Abenteuer ein veritables Küchenvergnügen wird, liegt weniger an dem Gaumenkitzel, den der Autor Peter Barham aus Bristol mit seinen Rezepten hervorzubringen vermag, als an den abenteuerlichen Kochübungen, zu denen er ermuntert.
Es geht um die Physik des Kochens. Genauer gesagt: Um die naturwissenschaftlichen Phänomene, die beim Garen, Backen, Kochen, Rühren und sonst wie in der Küche eine Rolle spielen. Und um die Dinge, die man bei denselben Tätigkeiten tunlichst verstehen und beachten sollte, wenn einem Speisen mehr bedeutet als die pure Sinnenfreude am Tisch.
Kennen Sie die Formel, nach der Sie quasi blind jedes Ei perfekt nach Wunsch kochen können? Wissen Sie, warum der Fisch bei möglichst hoher Anfangstemperatur gebacken und gegrillt werden muss? Und haben Sie einmal probiert, ein Spiegelei auf einem hauchdünnen Blatt Papier über einem Campingkocher zu garen? Es geht, Peter Barham liefert die Anleitung – für diese und viele Küchenexperimente mehr. Eine intellektuelle Schlemmerei für jeden, der den Herd nicht als Altar betrachtet. Joachim Müller-Jung
Ohne Titel
Diesem Roman verzeiht man haarsträubende Zufälle und fürchterlich ungelenke Sexszenen. Benörgeln könnte man auch, dass der Autor gar viel in diese Geschichte von der Verlegung des ersten Transatlantikkabels gepackt hat. Da tritt am Rand ein gewisser Karl Marx als (scheiternder) Aufwiegler auf. Auch Abraham Lincoln schaut rasch auf eine Szene vorbei. Außerdem ist am Projekt Datenhighway ein Vorkämpfer der Joggingkultur beteiligt, welcher auch gleich noch Zeit findet, das Kanalisationsproblem von London zu lösen. Rausch ist sehr offensichlich ein literarisches Konstrukt. Beispielhaft arbeitet der Protagonist und Ingenieur Chester Ludlow seinen Kummer über den Verlust der eigenen Tochter am Zukunftswerk ab – während seine Frau den Blick nicht von der Vergangenheit abwenden kann und ihrerseits eine Verbindung herstellt: Sie kabelt ins Jenseits, legt eine Leitung zur toten Tochter. Aber Rausch ist gleichzeitig ein grandioser Schmachtfetzen. Der Leser schaukelt und leidet mit, wenn ein Wahnsinnssturm beinahe das Schiff der Pioniere versenkt. Er hält sich die Nase zu, wenn leidenschaftlich beschriebener Fäkalgeruch aus den Seiten dampft. Denn Griesemer ist ein kraftstrotzender Erzähler, der beim Schildern des Aufbruchs in die Moderne aus dem Vollen schöpft und den Leser damit in einen Leserausch stürzt. Urs Willmann
Ohne Titel
DER WETTBEWERB Bereits zum 12. Mal wurden sechs Bücher preisgekrönt, die über Wissenschaft genauso kompetent, verständlich und unterhaltsam berichten wie unser Magazin.
DIE 6 KATEGORIEN ÜBERRASCHUNG – das originellste Buch UNTERHALTUNG – das spannendste Buch ÄSTHETIK – das schönste Buch ÜBERBLICK – das informativste Buch ZÜNDSTOFF – das brisanteste Buch PERSPEKTIVE – das beste Buch für junge Leser
DIE WAHL Ein Jahr lang war die Jury aus 10 Wissenschaftsjournalisten auf der Suche nach außergewöhnlichen Büchern. Im Laufe der Zeit entstand so eine Liste mit 52 Titeln. Dann kam die Wahl: 10 Punkte konnte jedes Jury-Mitglied pro Kategorie vergeben, verteilt auf verschiedene Titel oder gesammelt auf einen einzigen. Sieger war jeweils das Buch mit den meisten Punkten.
DIE JURY Urs Willmann, Die Zeit Reto Schneider, Neue Zürcher Zeitung Barbara Ritzert, freie Wissenschaftsjournalistin Joachim Müller-Jung, Frankfurter Allgemeine Zeitung Peter Ehmer, Westdeutscher Rundfunk Dr. Joachim Bublath, Zweites Deutsches Fernsehen Dr. Reinhard Breuer, Spektrum der Wissenschaft Dr. Markus Bohn, Südwestrundfunk Dr. Christina Berndt, Süddeutsche Zeitung Dr. Uta Altmann, bild der wissenschaft
Ohne Titel
„Die Verhaltenswissenschaft ist nichts für Waschlappen. Die Forscher auf diesem Feld müssen immer damit rechnen, dass sie eines Tages aufwachen und zu öffentlichen Hassfiguren geworden sind …” Steven Pinker hat eine hervorragende und brillant geschriebene Aufarbeitung jener Auseinandersetzung vorgelegt, die seit Mitte der siebziger Jahre vor allem an den amerikanischen Elite-Universitäten Harvard und MIT tobt: Was prägt und formt den Menschen – Natur oder Umwelt? Die Soziobiologie und ihre späteren Abkömmlinge, die Verhaltensgenetik und die Evolutionspsychologie, attackieren seitdem die geistige Lufthoheit der Behavioristen, für die der menschliche Geist als Tabula rasa, als „ unbeschriebenes Blatt” geboren wird.
Drei Eigenschaften machen das Buch äußerst lesenswert: Erstens greift Pinker weit in die Geschichte zurück und beschreibt die philosphisch-religiös-wissenschaftlichen Wurzeln der Theorienbildung über die „menschliche Natur”. Zweitens lässt er beide Seiten ausführlich zu Wort kommen und macht so die Standpunkte nachvollziehbar und transparent. Drittens belegt dieses Buch geradezu überwältigend, dass Wissenschaft nicht im luftleeren Raum, ohne zeitgeistige Einflüsse und politische Überzeugungen entsteht. Vielmehr wird deutlich, dass politische Überzeugungen machtvoller sein können als wissenschaftliche Einsicht – und zwar nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in den Köpfen der Forscher selbst. Barbara Ritzert





