Die Ludwig-Maximilians Universität (LMU) und die Technische Universität (TU) erfreuen sich eines hohen Ansehens. Genießen sie es zurecht?
Beginnen wir mit einigen Fakten. LMU und TU sind derzeit federführend bei 24 Sonderforschungsbereichen, wobei beide Universitäten den gleichen Anteil betreuen. Beide Universitäten werben pro Jahr zusammen rund 275 Millionen Mark an Drittmitteln für Forschung ein, davon die LMU etwa 155 Millionen. Es gibt eine Reihe von Leibniz-Preisträgern an beiden Universitäten und respektable erste Plätze im – nicht unumstrittenen – Focus-Ranking: in der Physik, Chemie und Informatik an der TU und in der Medizin und Psychologie an der LMU.
Es besteht kein Zweifel: München kann sich sehen lassen, obgleich noch vieles verbesserungswürdig ist. Für das gute Abschneiden der Münchner Universitäten gibt es eine Reihe von Gründen, die sich vorteilhaft auf die Forschungsaktivitäten auswirken.
Eine Rolle spielt zunächst einmal schon die absolute Größe beider Institutionen und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den Max-Planck-Instituten, von denen es im Münchner Raum allein zwölf gibt. An der LMU existieren 20 Fakultäten mit einer hohen Zahl von Professoren insbesondere in den naturwissenschaftlichen Fakultäten. An der TU wirkt sich der gleichzeitige Ausbau von Naturwissenschaften und Ingenieurswissenschaften – eine Kombination, die es in der Größenordnung kaum sonstwo in Deutschland gibt – besonders günstig für die Forschung aus. Ein weiteres Beispiel sind die drei Universitätskliniken mit dem europaweit größten Operationszentrum in Großhadern.
Darüber hinaus gibt es ein ausgesprochen freundliches und motivierendes Klima für Forschung in München. Die Bayerische Staatsregierung und das Kultusministerium verfolgen eine Strategie der Forschungsförderung, die als Programm mit dem Titel “Offensive Zukunft Bayern” Wissenschaft, Forschung und Technologie fördert und zugleich den Wissensstransfer zur Wirtschaft aktivieren will. Drei Milliarden Mark aus der Privatisierung von Staatsbeteiligungen werden in die bayerische Forschung investiert, was auch den zahlreichen Bauvorhaben zugute kommt.
Als besondere und in Deutschland erste Einrichtung wurde ein “Wissenschaftlich-Technischer Beirat” der Staats-regierung gegründet, der mit eigenen Initiativen und Programmen vor allem für Forschung und Innovation Vorschläge macht sowie Projektanträge der Universitäten und Fachhochschulen prüft und zur Bewilligung empfiehlt.
Als fruchtbar hat sich auch die Einrichtung der sogenannten Forschungsverbünde am Kultusministerium erwiesen. In diesen Gremien wird das Know-how aus Universitäten, Fachhochschulen, Forschungsinstituten, Großindustrie, aber auch kleiner und mittelständischer Betriebe zusammengeführt. Diese Gremien werden nur für drei bis fünf Jahre eingerichtet, so daß sich immer wieder neue aktuelle Themen für die Forschungsförderung ergeben können. Zur Zeit existieren 21 solche Verbünde. Sie behandeln Themen wie “Wissensbasierte Systeme”, Solarenergieund Klimaforschung oder die Erforschung außereuropäischer Länder. Jeder Verbund wird pro Jahr in Millionenhöhe gefördert. Die Beträge kommen aus der Bayerischen Forschungsstiftung und aus der Wirtschaft.
Für die Beteiligung der Wirtschaft an der Forschung sind die Voraussetzungen in München besonders günstig: Die Stadt hat derzeit die größte Wirtschaftskraft und die geringste Arbeitslosenquote Deutschlands. Davon profitieren auch die beiden Universitäten. Kooperationen gibt es nicht nur im naturwissenschaftlich-technischen Bereich, sondern auch im Ausbildungs- und Weiterbildungssektor. Zudem finanzieren Großfirmen wie Siemens oder BMW großzügig universitäre Bauvorhaben.
Zum Vorteil gereichen der Münchner Forschungslandschaft auch die Vielfalt und Gegensätzlichkeit der Forschungsintentionen. So fühlt sich die TU gerne als Vorreiter für neue Technologien, während die LMU neben den Naturwissenschaften auch die Kultur- und Geisteswissenschaften pflegt: Brüstet sich der Rektor der TU mit naturwissenschaftlich-technischen Erfolgen seiner Universität, so verweist der Rektor der LMU auf die Medizin, die Gentechnologie, aber auch auf die aus der Tradition der LMU erwachsenen Orchideenfächer – wie Ägyptologie oder Semitistik -, die er nicht missen möchte.
Der Kultusminister vermag noch größere Gegensätze zu vereinen: Er hat vor kurzem entschieden, daß der traditionsreiche “Lehrstuhl für Christliche Weltanschauung” erhalten bleiben soll, was bei vielen angesichts der heutigen Bedarfslage wohl Kopfschütteln verursacht. Gleichzeitig will das Ministerium die Chance der großen Zahl freiwerdender Lehrstühle für eine Umorientierung und Umwidmung nutzen. Neben dem Wunsch nach Erhalt alter Münchner Traditionen tritt der ausgesprochene Wille nach Innovation.
Derzeitiger Kristallisationspunkt der Innovation ist wohl der FRM II, der Münchner Forschungsreaktor, dessen Neubau trotz anhängiger Gerichtsverfahren bereits begonnen wurde. Die neue Neutronenquelle wird voraussichtlich zwischen 800 und 900 Millionen Mark kosten – eine Investition, vor der man sich nicht gescheut hat und die anderswo nicht denkbar wäre. Die Münchner Naturwissenschaftler und Techniker freuen sich jedenfalls, denn der Forschungsreaktor deckt gleich mehrere Anliegen ab: die Grundlagenforschung, deren heutiger Stand den neuen Reaktor erfordert, die Ausbildung von Spezialisten sowie die Anregung von Diplom- und Doktorarbeiten, und last not least anwendungsorientierte Ziele, insbesondere die Nutzung der Neutronenquelle für die Medizin.
Vermutlich hätte ein solches Vorhaben in anderen Großstädten wesentlich mehr Widerstand geweckt als im bayerischen München. Immerhin: Man verschließt sich auch hier nicht dem Problem des gesellschaftlichen Konfliktes angesichts moderner risikobehafteter Technologien. Der wissenschaftlich-technische Beirat der Staatsregierung kündigt in seinem Bericht an erster Stelle eine Arbeitsgruppe zum Thema Risiko und Akzeptanz an, des weiteren als Ziel, moralisch-ethische Grenzen technischen Handelns im wissenschaftlichen Dialog zu diskutieren. Ähnlich argumentiert die LMU, indem sie Interdisziplinarität zwischen Geistes- und Naturwissenschaften fordert und ein Humanwissenschaftliches Zentrum begründet hat, in dem Naturwissenschaftler mit Kultur- und Geisteswissenschaftlern gemeinsame Projekte erarbeiten wollen.
Damit stellt sich die Frage: Wohin geht die Reise der Münchener Hochschulforschung? Alle Fakultäten haben in ihren Strukturplänen Forschungsprogramme niedergelegt. Im Bereich der Naturwissenschaften und der Technik wird dabei ein Trend deutlich: Forschung vollzieht sich mehr und mehr in Großprojekten, an denen viele Lehrstühle und Institutionen beteiligt sind.
Dies gilt unter anderem für Teilchenphysik und Astronomie, aber auch für die Zusammenarbeit von Biologie und Chemie, vor allem im Sektor der Biowissenschaften, die bereits heute der Physik den ersten Rang streitig zu machen beginnt. An der LMU denkt man über Koordination und Bündelung der Forschungsaktivitäten in den Fakultäten für Biologie sowie Chemie und Pharmazie nach. Eine ähnliche Verstärkung interdisziplinärer Zusammenarbeit zeigt sich bei den Geowissenschaften, die bei ihren Fragestellungen zunehmend auf die Beiträge der Chemie, Physik, Forstwissenschaften und Biologie angewiesen sind. An der TU ist die Kooperation von Naturwissenschaften mit Ingenieurswissenschaften längst etabliert.
Schwerer haben es da die Geisteswissenschaften, deren Professoren von ihrer Sozialisation her ihren eigenen Sprach- und Denkmustern verhaftet sind. Daher sind Unternehmungen wie das Centrum für Informations- und Sprachverarbeitung (CIS), das Japan-Zentrum, das zu einem Ostasien-Zentrum ausgebaut werden soll, das Humanwissenschaftliche Zentrum und gemeinsame Einrichtungen von LMU und TU – wie das geplante gemeinsame Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte – von besonderer wissenschaftsstrategischer Bedeutung.
Hohe wissenschaftliche Standards an Universitäten lassen sich nur sichern, wenn Lehre und Ausbildung Schritt halten können. Ein Weg führt über die Verbesserung von Studiengängen und die Evaluierung der Lehre, die inzwischen an beiden Universitäten Usus ist. Ein zweiter Weg sind die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Postgraduierten-Studiengänge, in denen die LMU noch Nachholbedarf hat. Der für die Sicherung von Forschung entscheidende Weg ist jedoch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in den Instituten und bei institutionsübergreifenden gemeinsamen Forschungsvorhaben.
Die Forschungsleistungen an den Münchner Hochschulen gedeihen in einem anregenden Klima – selbst die Humboldt-Stipendiaten aus aller Welt wählen am häufigsten München als Studien- und Forschungsort in Deutschland. Diese gedeihliche Situation verpflichtet. LMU und TU können und wollen sich in Zukunft nur Professoren leisten, die zur produktiven Forschungsarbeit bereit oder in der Lage sind.
Ob sie diesen Vorsatz auch einlösen, ist allerdings angesichts verkrusteter Berufungspraktiken in manchen Fakultäten fraglich. Reformen sind nötig, hier wie in anderen Sektoren. Vorschläge liegen in der Schublade. Sie sollten endlich in die Tat umgesetzt werden, damit das gewonnene Terrain nicht verspielt wird.
Rolf Oerter





