Als ich noch in einem der unteren Semester war, hatte ich hier mit ein paar Kommilitonen Silvester gefeiert und Anna kennengelernt. Anna war bildschön, hatte glänzendes, langes schwarzes Haar, grüne Augen und studierte Mathematik. Ich verliebte mich auf den ersten Blick in sie, und Anna schien auch mich zu mögen. Wir verbrachten einen wunderbaren Abend in der „Grünen Gans“, und als sie dann gegen Morgen nach Hause gehen wollte, fragte ich sie, ob wir uns wiedersehen könnten. ,Aber sicher‘, sagte sie. ,Komm doch zu meiner Geburtstagsfeier.‘ Als ich sie fragte, wann sie denn Geburtstag habe, nahm sie einen Bierdeckel, schrieb darauf CD. EF. und sagte: ,Am CD-ten EF-ten.‘ ,Hä?‘, meinte ich und kratzte mir am Kopf. Anna schien meine Verwirrung nicht zu bemerken. ,Aber das dauert dir sicherlich noch zu lange. Deshalb können wir uns auch schon x Tage früher treffen: am A-ten B-ten um acht Uhr abends hier in der „Grünen Gans“. Sie nahm den Bierdeckel und ergänzte ihr kryptisches Geburtstagsdatum zur Gleichung A. B. + x Tage = CD. EF. und erklärte: ,A, B, C, D, E und F sind Ziffern, und x ist eine ein-, zwei- oder dreistellige Zahl. Keine der fünf Zahlen darf mit 0 beginnen, und alle sieben bis neun Ziffern dieser Rechnung sind verschieden. Die Gleichung hat mehrere Lösungen. Ich erwarte dich am ersten A-ten B-ten dieses Jahres, der die Gleichung erfüllt.‘ Ich bat sie, mir ihre kryptische Einladung etwas genauer zu erklären, aber sie erwiderte nur, dass sie keine Männer möge, die nicht selbstständig denken könnten. Dann stand sie auf, gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verließ die Kneipe.
Ich hatte die Mathematik und die Naturwissenschaften immer nur als Handwerkszeug für begrenzte Geister abgetan und mich darum nie bemüht, sie zu verstehen. Das schien sich nun zu rächen. Ich hatte nicht die geringste Idee, wie ich herausbekommen könnte, wann mich Anna wiedersehen wollte. Die erste Januarwoche über litt ich an starkem Liebeskummer. Aber bekanntlich sind die Herzen junger Männer oft flatterhafte Wesen. Als ich Anfang Februar bei einer Semesterabschlussparty Britta kennenlernte, die keine hohen Ansprüche an meine mathematischen Fähigkeiten stellte, war Anna schnell vergessen
© llustration: Matthias Schwoerer






