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Einbrechen im Dienste der Wissenschaft
von ROLF HEßBRÜGGE und SALOME BERBLINGER
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Es ist dunkel, und nur hinter wenigen Fenstern brennt Licht. Ich gehe langsam die Straße entlang, vorbei an Einfamilienhäusern mit Backsteinfassade. Kein Mensch ist außer mir unterwegs. Der Wind weht, die Blätter in den Bäumen rascheln. Sonst ist alles ruhig. Mein Blick geht nach rechts und ich bleibe stehen. Am Mülleimer neben der Haustür lehnt der sperrige Karton eines offenbar neu angeschafften Luxus-Fernsehers. Hier könnte was zu holen sein. Ich gehe weiter und will prüfen, ob ich mir an der Hinterseite des Hauses einen Zugang verschaffen kann – geschützt vor neugierigen Blicken aus der Nachbarschaft.
Wäre hier statt der BDW-Redakteurin ein Profi am Werk, würde mindestens eines der ausgekundschafteten Häuser bald ungebetenen Besuch bekommen – zumindest virtuell. Denn am Freiburger Max-Planck-Institut (MPI) zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht haben Informatiker und Psychologen am Bildschirm potenzielle Tatorte entwickelt. Die Probanden, die mit Gaming-Controllern in den Händen und Virtual-Reality-Brille auf der Nase zu Forschungszwecken in diese Welt eintauchen, sind echte, inhaftierte Einbrecher. Die MPI-Forscher blicken ihnen dabei über die Schulter, um deren Arbeitsstrategien zu erforschen. Dazu nutzen sie eine sogenannte Game-Engine: eine Software wie jene, die auch die visuelle Darstellung von Videospielen antreibt.
Das Dilemma der Kriminologie ist, dass sie nie vor Ort ist, wenn ein Verbrechen verübt wird. „Selbst wenn die Täter die Wissenschaft zusehen ließen, gäbe es ethische und praktische Gründe, die gegen derlei Forschung sprechen“, erklärt der niederländische Kriminalforscher Jean-Louis van Gelder, der das Virtual Burglary Project leitet. „Die meisten bisherigen Kenntnisse über die Arbeitsweise von Einbrechern stammen aus Interviews und Fragebögen; beides sind eher indirekte, retrospektive Formen der Datenerhebung.“
Aus der Täterperspektive
Die MPI-Kriminologen haben für ihr Projekt mit freiwilligen Häftlingen in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und den USA zusammengearbeitet. Wie aber konnte das Team verurteilte und großenteils noch in Haft befindliche Einbrecher zum Mitmachen bewegen? „Zum einen sind unsere Mitarbeiter vor Ort sehr einfühlsam vorgegangen“, erklärt van Gelder, „wir haben stets betont, dass wir alle Informationen anonymisiert und vertraulich behandeln und nicht im Auftrag von Polizei oder Justiz auftreten.“ Dennoch hätten sich viele der Einbrecher anfangs eher defensiv verhalten. „Erst nachdem sie die virtuelle Einbruchstour absolviert hatten, wurden sie offener“, erzählt van Gelder. Gleich nach Abschluss erklärten die meisten Täter in einem „Re-Run“ durch die virtuellen Beutezüge bereitwillig ihre Strategie, ihre Risikoabwägung und ihre Vorgehensweise.
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Dass die Probanden nicht ehrlich antworten könnten, befürchtet van Gelder nicht. „Es gibt für sie keinerlei Anreiz, zu lügen oder uns zu täuschen. Außerdem fragen wir nie nach bestimmten Einbrüchen, sondern nur nach der allgemeinen Vorgehensweise“, sagt der studierte Psychologe und Jurist. „Sie zeigen ein sehr konsistentes Verhalten. Damit bestätigen sie die Ergebnisse früherer Untersuchungen, die mit anderen Methoden durchgeführt wurden. Würden die Einbrecher versuchen zu täuschen, würden wir mehr zufällige Ergebnisse sehen.“
Eye-Tracker als Analyseinstrument
Van Gelder und seine Kollegen interessieren sich vor allem für einen Zugang zur sogenannten offender-based perspective (deutsch: täterbasierte Perspektive). Darum zeichnen die VR-Brillen nicht nur die Bewegungsmuster der Einbrecher im virtuellen Umfeld auf, sondern – mithilfe eines integrierten Eye-Trackers – auch deren Blickrichtung. Aus den kombinierten Bewegungs- und Blickdaten lässt sich ablesen, welche Schlüsselreize ihre Zielwahl beeinflussen, welche Risiken sie meiden, welche Einstiegspunkte sie bevorzugen und wie sie im Inneren eines Objekts vorgehen.
„Eine Alarmanlage. Ein kleines Kästchen zwar nur, aber eben doch ein zu großes Risiko für mich. Ich wende den Blick sofort ab, gebe das Haus auf und gehe weiter.“
Peter Wozniak ist der Leiter des MAXLabs in Freiburg und erklärt beim BDW-Besuch die Analysetools auf dem Bildschirm: „Wir arbeiten beim Eye-Tracking mit sogenannten Collidern. Sie sind an allen Objekten angebracht. Damit können wir messen, wie lange zum Beispiel eine Alarmanlage die Aufmerksamkeit eines Täters auf sich zieht. Wenn er etwa versucht einzuschätzen, ob die Anlage überhaupt scharf gestellt ist, nimmt er sich dafür mehr Zeit als jemand aus der Kontrollgruppe.“ Während ein kurzer Blick auf der sogenannten Heatmap als grüner Strich erscheint, wird der aufmerksame Blick eines Profi-Täters mit mehreren roten, gebündelten Strichen dargestellt. Geht es um Alarmanlagen oder Kameras, spricht Wozniak übrigens von einem „Easter Egg“ (deutsch: Osterei) – einer versteckten Besonderheit, wie es sie manchmal auch in Computerspielen gibt.
Lebensechte Welten
Im Rahmen des Projekts untersuchen die Forscher vor allem Fragen der sogenannten Umgebungskriminologie. Diese Spezialdisziplin untersucht, wie sich bestimmte Muster im bebauten Raum – etwa das Vorhandensein von Überwachungskameras – auf das Verhalten von Straftätern auswirken. Wo operieren Einbrecher besonders gern und warum? Wozniak sieht zwei entscheidende Vorteile in der VR-Forschung: „Ich kann Situationen erproben, die sich ansonsten nicht nachstellen und systematisch für die Forschung nutzen lassen. Und ich kann darin ohne viel Aufwand Details manipulieren, also kleine Anpassungen vornehmen.“ In einer Häuserreihe sind viele Überwachungskameras aktiv, in der „baugleichen“ Häuserreihe daneben gibt es keine Kameras. So lässt sich sauber ausfiltern, welchen Abschreckungseffekt Kameras haben. Über eine Reihe von Tests lässt sich auch ermitteln, ob andere Faktoren – etwa Hinweise auf Wachhunde oder massive Einbruchssperren – noch abschreckender wirken.
Um valide Aussagen von den mitwirkenden Einbrechern zu erhalten, ist es wichtig, möglichst wirklichkeitsnahe Tatort-Umgebungen zu schaffen: Baustil der Häuser, Autos, Nummernschilder – all das sollte so aussehen wie in der Heimat des jeweiligen Täters. „Wenn ich einen klassischen deutschen Einbrecher in ein komplett atypisches Umfeld schicke, etwa in eine englische Reihenhaussiedlung, denkt er: Hier kenn’ ich mich nicht aus, hier brech’ ich nicht ein“, betont van Gelder und spricht zugleich einen blinden Fleck seines Projekts an: Europaweit agierende Einbrecherbanden sind bislang nicht eingeschlossen. „Das würde einen immensen Reiseaufwand und den Einsatz von Dolmetschern erfordern“, erklärt der Kriminologe und stellt klar: „Unsere Studie ist in dieser Phase keine groß angelegte Einbruchsstudie. Vielmehr haben wir den Deliktbereich Einbruchsdiebstahl als Versuchsfeld ausgewählt, um herauszufinden: Wie kann Virtual Reality möglichst effektiv genutzt werden, um Kriminalität zu erforschen?“
„Ein schwarzes Auto parkt am Straßenrand. Auf der Veranda sehe ich eine Sitzbank – an der Wand im Eingangsbereich entdecke ich undeutlich ein Gemälde. Im Garten trocknet die Wäsche auf der Leine. Ist wohl jemand daheim?“
Die Zauberformel der MPI-Videodesigner lautet „Placing Objects“ (deutsch: Objekte platzieren): Einbrecher gehen in einer virtuellen Umgebung genauso vor wie in der echten Welt – vorausgesetzt, sie wirkt halbwegs lebensecht. Das wies die Kriminalpsychologin Claire Nee 2015 nach und leistete damit die wichtigste Vorarbeit für das gemeinsame Projekt des MPIs mit der University of Portsmouth in Großbritannien sowie den niederländischen Universitäten Leiden und Amsterdam. Sie hat dazu eine Reihe von erfahrenen Einbrechern, die in Haft waren oder ihre Strafe bereits verbüßt hatten, in echte Häuser sowie in deren virtuelle Replikas einsteigen lassen.
Augen schrecken ab
Patrick McClanahan blickte im US-Bundesstaat Pennsylvania 160 inhaftierten Einbrechern bei deren virtuellen Beutetouren in typisch-amerikanischen Vorstadtsiedlungen über die Schulter. Einige Häuser statteten die MPI-Videodesigner mit jeweils einem speziellen Feature aus, das sie mehr oder weniger attraktiv für Einbrecher machen könnte: etwa ein Auto in der Garagenauffahrt oder ein Hinweis auf Waffenbesitz des Hausbesitzers. So konnte McClanahan ermitteln, welche Features Einbrecher besonders anlocken oder abschrecken. „Generell gilt: Wer nach außen signalisiert, dass er wohlhabend ist, gibt ein vielversprechendes Ziel für Einbrecher ab“, sagt McClanahan, der in Freiburg seinen Postdoc gemacht hat.
Der Forscher stellte seinen Probanden auch unkonventionelle Features vor, mit teils bemerkenswerten Resultaten: Einen signifikanten Abschreckungseffekt erzielten beispielsweise Warnschilder mit zwei stilisierten Augen, die signalisierten: Diese Wohngegend steht unter Beobachtung. „Das hatte schon bei anderen, vergleichbaren Experimenten einen messbaren Effekt“, erklärt van Gelder. „Ähnliche Schilder setzten unsere britischen Kollegen im Rahmen einer Studie in einer Kaffeeküche der University of Newcastle ein: Das Bild mit den Augen direkt neben der Aufforderung, einen bestimmten Geldbetrag pro entnommenem Teebeutel in die Gemeinschaftskasse zu zahlen, wechselte sich wochenweise ab mit einem Kontrollbild, auf dem Blumen zu sehen waren.“ Auch hier beobachteten die Kriminologen weniger Regelverstöße, wenn sich die Probanden durch stilisierte Augen „beobachtet“ fühlten.
Am Ende des Ausfilterungsprozesses wusste McClanahan: „Die stärkste Einbruchs-Abschreckung bilden Personen, die sich entweder im Objekt oder in unmittelbarer Nähe aufhalten.“ Diese Erkenntnis steht in Einklang mit der Rational Choice Theory (deutsch: Theorie der rationalen Auswahl). Demnach erscheinen die Straftaten besonders lohnenswert, bei denen das Risiko offenkundig niedrig und der mögliche Beutewert dagegen hoch ist. „Rund 90 Prozent aller Einbrecher meiden jegliche Form von menschlicher Anwesenheit und Beobachtung“, so McClanahan. „Darum operieren die Täter meist in der Dämmerung und suchen unbeleuchtete Vorstadthäuser.“ Einbrecher nähern sich am liebsten Grundstücken mit hohen, vor Sicht schützenden Hecken und verschaffen sich Zutritt, indem sie eine Terrassentür aufbrechen.
Gelegenheitstäter vs. Profi-Einbrecher
Insgesamt ist die Gefahr, bei Einbrüchen gefasst zu werden, eher gering: Die polizeiliche Aufklärungsquote in Deutschland liegt gerade einmal bei 14,9 Prozent. Das wissen auch Gelegenheitstäter und nehmen gekippte Terrassentüren oder nur schwach gesicherte Kellerfenster, neben denen womöglich noch ein Spaten als freundliche Einbruchshilfe lehnt, dankend an. Begegnen den Tätern jedoch massive mechanische Einstiegshindernisse, brechen sie die Aktion in der Regel ab. Statistisch geben sich die meisten Einbrecher nicht mehr als ein bis zwei Minuten Zeit, um ein Objekt aufzubrechen. Ebenso schrecken sie häufig zurück, wenn sie Hinweise auf außergewöhnliche Risiken wahrnehmen: „Hängt an dem einen Haus ein Hinweis auf einen Wachhund, am übernächsten jedoch keines, wird der Einbrecher – bei ansonsten gleicher Risikobewertung – das Haus ohne Schild aufsuchen“, so Jean-Louis van Gelder über ein erwartbares Vergleichsresultat.
Eine überraschende Erkenntnis kommt hingegen von Patrick McClanahan aus den USA: „Warnschilder, die auf Schusswaffenbesitz der Hausbesitzer schließen ließen, wirkten zwar auf Gelegenheitseinbrecher deutlich abschreckend“, erklärt er. „Profis aber fanden diese Objekte besonders attraktiv, denn Schusswaffen sind quasi wie Bargeld: Sie lassen sich am Schwarzmarkt schnell und zu guten Preisen verkaufen.“ Mit einer neuen Max-Planck-Partnergruppe an der University of Alabama will McClanahan kriminelle Motivation nun weiter untersuchen, um in der Folge kriminelles Verhalten vorhersagen zu können. Die Erkenntnisse der kriminologischen Forschung mit VR sollen in die Ausbildung von Polizei und Justiz einfließen und bei der Erarbeitung neuer Sicherheitsstrategien und Gesetze helfen.
Überhaupt müsse man aus kriminologischer Sicht zwischen Gelegenheitstätern und Profi-Einbrechern unterscheiden, ergänzt Jean-Louis van Gelder, der bewusst beide Gruppen in seine Untersuchungen einschloss. „Alle Einbrecher, mit denen wir gearbeitet haben, mussten nachweislich mindestens fünf Einbrüche begangen haben.“ Mit dieser Deliktzahl zähle man noch zu den Gelegenheitstätern, erklärt der Forscher. „Unter den Probanden waren auch solche, die vor ihrer Verhaftung vier, fünf Objekte in nur einer Nacht ausgeräumt haben.“ Solche erfahrenen Einbrecher weisen in der Regel eine wesentlich bessere Risiko-Kalkulation auf als Amateure. „Profis werden niemals einen Bruch um jeden Preis machen. Andererseits schrecken sie vor einem gut gesicherten Haus nicht zurück, wenn es vielversprechend erscheint. Letztlich kann ein professioneller Einbrecher in fast jedes Objekt eindringen, wenn er es will.“
Routinen durchschauen
Einbrecher sind Routinetäter, wie das Bewegungs- und Eye-Tracking während der virtuellen Beutezüge der inhaftierten Täter offenlegt. Das übliche Skript bei einem Einfamilienhaus-Coup lautet: hinein durch Erdgeschoss oder Keller, hinauf in die oberste Etage. Durchsucht wird das Objekt fast immer von oben nach unten. Währenddessen prägen sich die Einbrecher sämtliche Fluchtmöglichkeiten ein, für den Fall eines Zusammentreffens mit Hausbewohnern. Zudem lauschen sie unentwegt auf mögliche Geräusche, während ihre Augen vor allem Bargeld oder Schmuck suchen. Kreditkarten werden aufgrund der Sicherheitsmechanismen zusehends uninteressanter, ebenso wie hochwertige Smartphones und Kleincomputer, die heutzutage oft mit Tracking-Devices ausgestattet sind.
Bei der Beutesuche konzentrieren sich Einbrecher vor allem auf jene Räume, in denen klassischerweise Werthaltiges aufbewahrt wird: im Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer, hier vor allem in Schreib- und Nachttischschubladen, im Eingangsbereich sowie in der Küche. Dagegen bleiben Bäder, Toiletten und Kinderzimmer, speziell solche von jüngeren Kindern, meist unerkundet, auch wegen des empfundenen Zeitdrucks: Einbrecher verbringen selten mehr als sieben Minuten in einem Objekt, weiß van Gelder: „Gerade deshalb sollte man seine Wertgegenstände so aufbewahren, dass sie schwierig aufzuspüren sind. Man sollte niemals einen ganzen Schatz an Wertgegenständen wie Portemonnaie, Uhr und Schmuck direkt neben der Eingangstür ablegen.“ Damit mache man Einbrechern das Beutemachen unnötig leicht. ■
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