Wir urteilen regelmäßig und blitzschnell über fremde Menschen. Dabei achten wir nicht nur auf das, was unsere Mitmenschen sagen, sondern auch darauf, wie sie es sagen. Im Alltag sowie bei Geschäftstreffen macht sprichwörtlich „der Ton die Musik“. Spätestens seit der Corona-Pandemie finden Gespräche jedoch zunehmend digital statt analog statt. Aber beeinflusst die gewählte Technologie, etwa bei einer Videokonferenz, welches Urteil wir uns über Gesprächspartner bilden? „Jetzt, da Videokonferenzen so allgegenwärtig geworden sind, haben wir uns gefragt, wie die Stimmen der Menschen die Eindrücke anderer beeinflussen könnten, über die gesagten Worte hinaus“, erklärt Seniorautor Brian Scholl von der Yale University.
Qualität des Mikros beeinflusst den Eindruck
Dieser Frage sind Forschende um Scholl und Erstautor Robert Walter-Terrill von der Yale University nachgegangen. Dazu führten sie sechs Online-Experimente durch, an denen insgesamt 5400 Personen teilnahmen. Das Team spielte den Testpersonen je eine von zwei kurzen Sprachaufnahmen vor, die entweder mit einem hochwertigen Mikrofon aufgezeichnet worden waren oder mit einem Gerät, das einen verzerrten und „blechernen“ Sound erzeugte. Beide Aufnahmen waren gut verständlich, hatten denselben Inhalt und waren von derselben Person gesprochen. Die Testpersonen hörten die beiden Versionen jeweils in verschiedenen Kontexten: bei einer Vorstellung in einem Bewerbungsgespräch, bei einem Statement in einem Dating-Profil oder bei einer Aussage gegenüber einer Autoversicherung. Anschließend sollten die Probanden ihren Eindruck beschreiben.
Die Auswertung ergab: Teilnehmende, die die hochwertigen Sprachaufnahmen hörten, gaben durchweg mit größerer Wahrscheinlichkeit an, dass sie den Bewerber einstellen, sich mit dem potenziellen Partner verabreden und der Aussage des Fahrers glauben würden. Die Testpersonen fällten demnach ein besseres Urteil über die Personen, deren Stimme mit einem hochwertigen Mikrofon aufgezeichnet worden war. Diesen Zusammenhang fanden Walter-Terrill und seine Kollegen bei allen getesteten Aufnahme-Paaren – unabhängig davon, ob die Stimme männlich oder weiblich war, einen amerikanischen oder britischen englischen Akzent hatte oder eindeutig von Menschen oder Computern erzeugt war. Stets schnitten die „Personen“ mit der metallisch-dünn klingenden Stimme schlechter ab als die Menschen mit angenehmerem Stimmklang. Je nach Testsituation wurden die „blechernen“ Stimmen als weniger intelligent, weniger anziehend oder weniger glaubwürdig wahrgenommen.
Irrationale Urteile könnten Ärmere benachteiligen
Die Erkenntnisse zeigen, dass gesellschaftliche Urteile in virtuellen Meetings auch von der Technik abhängen können, schließt das Team. Demnach spielen nicht nur Look, Kleidung und Körpersprache einer Person sowie der eingeblendete Hintergrund eine Rolle, sondern auch die Qualität des Mikrofons. „Das ist sowohl faszinierend als auch besorgniserregend, wenn der Klang Ihrer Stimme nicht nur von Ihrer Stimmanatomie, sondern auch von der Technologie bestimmt wird, die Sie verwenden“, sagt Scholl. Die Forschenden halten es für möglich, dass durch diesen Effekt unbewusst Personen benachteiligt werden, die sich kein gutes Mikro leisten können oder sich der schlechten Qualität ihres Mikros nicht bewusst sind. „Die hier berichteten Auswirkungen sind unangemessen und irrational, weshalb es besonders wichtig ist, sie zu identifizieren“, schreibt das Team.





