In der 458. Nacht begann Scheherazade ihrem Gemahl, dem König Schahryar, die Geschichte der schönen und klugen Sklavin Tawaddud zu erzählen: „Einst lebte in Bagdad ein reicher Kaufmann. Als er starb, hinterließ er seinem einzigen Sohn Abu el-Husn ein großes Vermögen. Doch der Reichtum raubte Abu el-Husn den Verstand, und er gab das Geld seines Vaters mit beiden Händen aus. Bald hatte er sein ganzes Erbe verprasst, und ihm blieb nichts mehr außer einer Sklavin, die ihm sein Vater vermacht hatte. Die Sklavin hieß Tawaddud, war von unvergleichlicher Schönheit und Lieblichkeit sowie eine Meisterin in den Künsten und der feinen Bildung. Sie sprach: ,Mein Gebieter, führe mich zu Harun ar-Raschid, dem Beherrscher der Gläubigen, und verlange für mich einen Preis von 10.000 Dinaren.‘ Abu el-Husn folgte ihrem Rat. Als sie vor Harun ar-Raschid standen, fragte dieser die Sklavin: ,In welchen Wissenschaften bist du bewandert?‘ ,Mein Kalif‘, antwortete Tawaddud, ,ich kenne die Grammatik, die Dichtkunst, die Rechtswissenschaft, die Auslegung der heiligen Schriften, die Sprachkunde, die Geschichte der Alten, die Rechenkunst, die Geometrie, die Philosophie.‘ Mit einer ungeduldigen Handbewegung unterbrach der Kalif die Aufzählung und wandte sich an ihren Herrn: ,Ihre Beredsamkeit erstaunt mich. Darum will ich Männer rufen, die mit ihr über alles, was sie zu wissen behauptet, disputieren sollen. Wenn sie dann richtig antwortet, so will ich dir ihren Preis zahlen.‘
Darauf ließ der Kalif Meister der Dichtkunst, Ärzte, Astronomen, Philosophen und Gelehrte aus allen Wissenschaften zu sich in den Palast kommen, wo sie im Staatssaal Platz nahmen. Tawaddud saß auf einem goldenen Schemel und glich einem funkelnden Stern. ,Beherrscher der Gläubigen‘, sagte sie. ,Befiehl den Gelehrten, mich zu befragen.‘ Einer nach dem anderen prüfte nun die Gelehrsamkeit der Sklavin. Es waren schwere Fragen, von denen Abu el-Husn und selbst Harun ar-Raschid keine hätte beantworten können. Aber Tawaddud sprudelten die richtigen Antworten aus dem Mund wie das Wasser aus einer Bergquelle. Jeder Gelehrte gestand am Ende, sich nicht mit der Weisheit der Sklavin messen zu können. Schließlich trat ein Philosoph vor und forderte: ,Sage mir, was geschieht, wenn der erste Tag des Jahres auf einen Dienstag fällt.‘ Tawaddud antwortete: ,Der Tag gehört dem Mars. Und das deutet auf den Tod der Großen unter den Menschen, viel Zerstörung und Blutvergießen.‘ ,In welche Senke schien die Sonne nur ein einziges Mal und danach nie wieder und wird auch dort bis zum Jüngsten Tag nicht mehr scheinen?‘, wollte der Philosoph nun wissen. ‚Das ist das Rote Meer, als Moses es mit seinem Stab teilte.‘, erwiderte Tawaddud ohne zu zögern. ,Löse mir dieses Rätsel!‘, verlangte der Philosoph dann: ,Bilde aus den zehn Ziffern von 0 bis 9 so lauter Quadratzahlen, dass die Summe dieser Zahlen so klein wie möglich wird. Du darfst dabei keine Ziffer fortlassen und auch keine mehrfach verwenden. Und keine der Quadratzahlen darf mit der 0 beginnen oder nur aus der 0 bestehen.‘“ Da bemerkte Scheherazade, dass der Morgen graute, und sie unterbrach ihre Erzählung.
Wenn Sie wissen wollen, wie es Tawaddud weiter erging, können Sie es nachlesen in Scheherazades Erzählungen aus der 459. bis 462. Nacht der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.






