Autisten haben einen besonderen Blick für Details. Zum Beispiel bei einem Tannenzweig: Ein gewöhnlicher Mensch sieht ihn als Ganzes. Ein Autist sieht hingegen viele kleine und große Nadeln, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen.
Diese Eigenschaft kann nützlich sein – etwa beim Prüfen von Autochips. So durchsucht ein autistischer Consultant der Auticon GmbH in Berlin den Quellcode Zeile für Zeile nach Fehlern. „Unser Mitarbeiter hat bei 300 000 Programmierzeilen innerhalb von 2 Wochen 50 relevante Fehler gefunden und dazu 200 Schönheitsfehler” , berichtet der Geschäftsführer der Firma Dirk Müller-Remus. Dank ihrer sehr guten visuellen Fähigkeiten erkennen Autisten Muster in Sekundenschnelle. So wird eine Schwäche zur Stärke.
Seit der Software-Konzern SAP vor einigen Monaten verkündete, Autisten als IT-Mitarbeiter einstellen zu wollen, rühmen Medien landauf, landab deren Fähigkeiten. Denn solche Menschen besitzen noch mehr Begabungen, die in der Wirtschaft gefragt sind: Fleiß, Liebe zum Detail und starkes logisches und analytisches Denken. Ein weiterer Pluspunkt: Ihre Konzentration lässt nicht nach, auch wenn sie einen Vorgang 100 Mal wiederholen müssen. „Der Rekrutierungsprozess ist in vollem Gange”, sagt Alicia Lenze, SAP-Pressesprecherin der Abteilung Human Ressources und Diversity. „In Deutschland planen wir, acht Mitarbeiter mit Autismus einzustellen.” Bei SAP in Indien arbeiten bereits sechs Autisten im Software-Testing. In Irland sind fünf ausgewählt. Bald soll auch die Suche nach geeigneten Mitarbeitern in den USA und Kanada starten.
Geburtsort des Programms ist Bangalore in Indien. Dort unterstützten Angestellte des Unternehmens in einer freiwilligen Initiative die Ausbildung von autistischen Kindern und Jugendlichen. Der Lerneifer und das Geschick der Kinder im Umgang mit Computern brachten die Verantwortlichen auf die Idee, Autisten in die Firma zu holen.
Dabei vertraut der Konzern auf die Erfahrung des dänischen Unternehmens Specialisterne, das ausschließlich Autisten fördert. Es hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Gemeinsam mit Kooperationspartnern wie SAP will es eine Million Arbeitsplätze für Menschen mit Autismus schaffen. Alicia Lenze erklärt: „ Schätzungen zufolge ist rund ein Prozent der Weltbevölkerung von Autismus betroffen. Diesen Anteil wollen wir im Unternehmen widerspiegeln.” Bei weltweit etwa 66 000 Mitarbeitern wären das immerhin 660 Angestellte.
„Ich habe einen guten Eindruck von dem Projekt. Es hat Modellcharakter”, urteilt der Autismusforscher Kai Vogeley, leitender Oberarzt am Zentrum für Neurologie und Psychiatrie an der Universitätsklinik Köln.
Fasziniert von Buchhaltung
Doch Dirk Müller-Remus sieht die Ziele des Konzerns skeptisch. „Ich hoffe, SAP hat gut recherchiert. Das Problem ist, dass viele Autisten aufgrund ihrer Behinderungen nicht in der Lage sind, zu arbeiten, weil sie etwa zu große Probleme im sozialen Umgang haben. Außerdem interessieren sich nicht alle für den IT-Bereich.”
Man muss also genau hinschauen, wer in der Arbeitswelt gut aufgehoben ist – und das hat Müller-Remus getan. Auticon hat er 2008 gegründet. Die Firma beschäftigt bundesweit 24 Menschen mit dem Asperger-Syndrom, einer schwachen Ausprägung von Autismus (siehe Kasten unten „Gut zu wissen: Das Asperger-Syndrom”). Müller-Remus vermittelt sie als IT-Berater für Qualitätssicherung oder als Software-Tester an Unternehmen wie Vodafone, Telecom und reBuy, einem An- und Verkaufsshop im Internet. Doch er betont, dass er autistische IT-Spezialisten nicht als „bessere Fachkräfte” sieht.
Nach Gesprächen mit mehreren Hundert Bewerbern stellte er fest, dass die meisten ein Spezialinteresse haben, etwa für IT, Technik, Kunst oder Sprachen. Müller-Remus: „Es ist unglaublich, wie viele Bewerber mit enormen Sprachkenntnissen aufwarten.” Dazu kommt, dass Autisten durch ihren Blick für Fehler eine Art Qualitätssicherung in sich tragen. Viele sind fasziniert von Buchhaltung, weil sie so logisch ist. Gut geeignet für sie ist auch die interne Revision, bei der Abläufe und Verfahren auf Fehler durchsucht werden. Die Kombination von Spezialinteresse und Qualitätssicherung ist für Müller-Remus der Königsweg, um Autisten in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Doch vor dem Start seines Unternehmens Auticon prüfte er zunächst, ob sich seine Idee überhaupt wirtschaftlich tragen kann. Denn er wollte nicht auf Fördertöpfe angewiesen sein. „In einer beliebigen Region mit einer Million Einwohnern sind vielleicht 0,3 Prozent Asperger- Betroffene. Von denen kommen für uns die 25- bis 50-jährigen infrage”, erklärt Müller-Remus. Jüngere Autisten seien zum Teil noch nicht reif für die Anforderungen. Und die Zahl der möglichen Bewerber schrumpfte weiter: Mithilfe eines Online-Fragebogens, den 130 Autisten beantworteten, stellte sich heraus, dass sich nur 15 Prozent von ihnen für IT interessierten. Es blieben 80 potenzielle Bewerber übrig, von denen am Ende 20 bis 30 als Mitarbeiter infrage kamen. Manche wollten auch gar nicht arbeiten.
Den Anstoß zur Gründung des Unternehmens gaben Müller-Remus’ autistischer Sohn und eine Selbsthilfegruppe, bei der der Auticon-Geschäftsführer eine Sitzung beobachten durfte. Dort berichteten 25 Menschen über ihren beruflichen Abstieg. „Da gab es viele unterbrochene Arbeitsverhältnisse. Und jetzt waren alle langzeitarbeitslos, trotz guter Ausbildung. Darunter waren viele helle Köpfe, das hat mich doch sehr bewegt. Ich konnte nicht begreifen, dass so begabte Menschen in der Arbeitslosigkeit verharren müssen”, sagt Müller-Remus. Viele Asperger-Betroffene wollen nicht als Behinderte abgestempelt werden. Sie betonen, dass sie einfach anders denken und fühlen und Informationen anders verarbeiten als „neurologisch typische Menschen”.
Tastsinn und Gehör sind phänomenal
Bei Blinden und Sehbehinderten ist das anders: Sie gelten als schwerbehindert. Wie andere Menschen mit Handicap haben sie große Probleme, einen Arbeitsplatz zu finden. 2012 betrug die Arbeitslosenquote bei nicht behinderten Menschen 6,8 Prozent, bei Menschen mit Handicap 14,1 Prozent. Viele Firmen zahlen lieber die Ausgleichsabgabe, statt 5 Prozent ihrer Stellen mit Schwerbehinderten zu besetzen, wie es der Paragraf 71 des Sozialgesetzbuchs für Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern vorschreibt.
Nur etwa 30 Prozent der Blinden sind nach Angaben des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes berufstätig. Nicht sehen zu können, ist auf dem Arbeitsmarkt ein großer Nachteil. Doch es gibt zwei Bereiche, in denen Blinde Sehenden überlegen sind: Sie hören viel besser und sie besitzen einen phänomenalen Tastsinn. Diese Fähigkeit brachte den Gynäkologen Frank Hoffmann vor einigen Jahren auf den Gedanken, blinde Frauen zu medizinischen Tastuntersucherinnen (MTU) auszubilden. Die Brustuntersuchung – eine Maßnahme, um Krebs frühzeitig zu erkennen – dauert beim Gynäkologen nur einige Minuten. Viel zu kurz und oberflächlich, hatte sich Hoffmann geärgert. „Ich dachte, wer die Brailleschrift lesen kann, müsste auch in der Lage sein, in der weiblichen Brust Knoten zu finden”, berichtet der Arzt aus Duisburg. „Discovering hands” heißt sein Projekt: „ Aufspürende Hände”.
Blinde „übersehen” nichts
Stefanie Gedenk ist seit März 2011 medizinische Tastuntersucherin. Die frühere Physiotherapeutin und Masseurin arbeitet in einer Frauenarztpraxis bei Fürth und unterrichtet angehende MTUs im Berufsbildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte in Nürnberg. Auf ihre Arbeit freut sie sich jeden Tag. „Zu Hause auf dem Sofa herumsitzen ist nichts für mich”, sagt die 33-Jährige.
Eine Brustuntersuchung bei Gedenk dauert etwa 30 bis 50 Minuten. Nach einem Vorgespräch tastet sie in kreisenden Bewegungen die Brust schichtweise ab, zuerst die Haut, dann die Mitte des Gewebes und zuletzt das Gewebe direkt vor dem Brustkorb. Zur Orientierung dienen ihr fünf senkrechte Streifen: einer in der Mitte des Brustkorbs, zwei über den Brustwarzen, zwei an der Seite des Brustkorbs. Blinde fühlen die abwechselnd glatten und rauen Quadrate der Streifen. Gedenk tastet den Brustbereich Bahn für Bahn und Quadrat für Quadrat ab. So kann sie sicher sein, nichts zu „übersehen”. Findet sie eine verdächtige Stelle, kann sie dem Arzt präzise den Fundort nennen.
Tastuntersucherinnen erspüren auffällige Gewebeveränderungen bereits ab einem Durchmesser von sechs bis acht Millimetern. Ärzte finden dagegen Knötchen meist erst, wenn diese mindestens 1,6 Zentimeter groß sind. Das ist das Ergebnis einer Studie, bei der mehrere Hundert Frauen sowohl von Ärzten als auch von MTUs untersucht wurden. Die blinden Frauen entdeckten bei mehr als zwei Dutzend Patientinnen auffällige Stellen, die Ärzte übersehen hatten. Zurzeit läuft im Universitätsklinikum Erlangen eine Studie, in der geprüft wird, ob eine Tastuntersucherin vielleicht sogar besser ist als Ultraschall und Mammografie. Frank Hoffmann betont: „Unsere MTUs sind ein Beispiel dafür, dass eine Behinderung auch eine Begabung sein kann.” •
Die Recherche hat die Berliner Journalistin ANGELIKA FRIEDL so gepackt, dass sie das Thema weiter verfolgen will.
von Angelika Friedl
Gut zu wissen: Das Asperger-Syndrom
Die Entwicklungsstörung gehört in das Spektrum des Autismus und kann sich ab dem dritten Lebensjahr bemerkbar machen. Die Betroffenen haben ein eingeschränktes Einfühlungsvermögen und eine mangelnde Sozialkompetenz: Sie können sich schlecht in andere hineinversetzen und deren Gefühle erkennen. Sie zeigen stereotype Verhaltensweisen und verwenden im Alltag starre Rituale, die ihnen Halt geben. Menschen mit dieser Störung haben oft ein ungewöhnliches Spezialinteresse, dem sie viel Zeit widmen – etwa Zugfahrpläne auswendig lernen. Sprache und Intelligenz sind in der Regel normal entwickelt, was das Asperger-Syndrom vom frühkindlichen Autismus unterscheidet. Es tritt bei etwa 2 bis 3 von 10 000 Kindern auf.
Im international gültigen Diagnosesystem ICD-10 ist das Asperger-Syndrom noch als eigenständige Diagnose verzeichnet. Der 2013 neu aufgelegte amerikanische Katalog DSM-V ordnet das Syndrom, ebenso wie den frühkindlichen Autismus, in die Gruppe der Autismus-Spektrums-Störungen ein. Daher sprechen viele Forscher bei Menschen mit Asperger-Syndrom mittlerweile von Autisten.
Kompakt
· Autisten haben besondere Fähigkeiten, dennoch finden viele keinen Arbeitsplatz.
· Der Software-Konzern SAP hat angekündigt, viele Autisten einzustellen.
· Blinde sind sehr feinfühlig und deshalb gut geeignet für Tastuntersuchungen.
INTERNET
Das Unternehmen Auticon beschäftigt ausschließlich Menschen mit Autismus: www.auticon.de
Bundesverband Autismus Deutschland e.V.: www.autismus.de
Der Verein „Autismus verstehen” bietet Informationen über Selbsthilfegruppen und Fortbildungen: www.autismus-verstehen.de
Informationen zur Ausbildung als medizinische Tastuntersucherin: www.discovering-hands.de
Ohne Titel
Rund die Hälfte aller Behinderten in Deutschland arbeitet. Während 69 Prozent der Menschen mit relativ geringen Beeinträchtigungen erwerbstätig sind, ist es bei den Schwerbehinderten weniger als die Hälfte. Immerhin jeder Vierte (26 Prozent) mit einem sehr schweren Handicap und einem GdB-Wert von 90 oder 100 hat einen Arbeitsplatz. Wie in der gesamten Arbeitswelt fällt es Männern leichter eine Arbeit zu finden als Frauen. Ab einem ärztlich diagnostizierten GdB von 50 wird in Deutschland eine Schwerbehinderung anerkannt.





