Aber man muß die 600 Seiten ja nicht an einem Stück lesen: Jedes Kapitel ist ein abgeschlossener Essay einer von über 200, die der fast 60jährige Gould über 25 Jahre lang monatlich im Natural History Magazine” publiziert hat. Darin schlägt er überraschende Brücken: zwischen Macbeth und dem Jurassic Park oder zwischen kreolischen Sprachen und Schnecken. Oft gelingt ihm dies gekonnt etwa im Kapitel Cordelias Dilemma, wo er mit dem Schweigen von König Lears Tochter Cordelia vehement dafür plädiert, auch negative Forschungsergebnisse zu publizieren. Manchmal wirken die Brücken allerdings etwas morsch: etwa wenn er versucht, eine Erklärung dafür zu finden, warum der Naturforscher Linné und König Gustav III. gemeinsam auf einem schwedischen 50-Kronen-Geldschein abgebildet sind.
Goulds zentrales Thema ist die Evolution. Mit den seltsamen fossilen Bärtierchen belegt er seine Lieblingstheorie, daß die Evolution kein steter Prozeß ist, sondern von plötzlichen Ereignissen vorangetrieben wird eine Theorie, die bis heute heftig diskutiert wird. Goulds Held ist Charles Darwin, und seine Feinde sind die Kreationisten, die die Evolutionstheorie für nicht belegt halten und an eine Schöpfung Gottes glauben. In anderen Essays geht es um Literatur etwa um das Schneckenbuch von Edgar Allan Poe , um die Funktion von Museen, die Spielarten der Eugenik und die prinzipiellen Grenzen von Naturwissenschaften. Wenn manchmal die endlose Einschübe in Klammern auch nerven das Stochern in Goulds Heuhaufen lohnt sich.
Dr. Karin Hollricher




