Mit digitalen Filtern lassen sich Gesichter heute in Echtzeit virtuell verändern. Wir können Selfies von uns mit Hasenohren, Mäusenase oder Kulleraugen machen, virtuell Makeup auftragen oder uns einen Bart wachsen lassen. Dabei folgen die grafischen Effekte jeder unserer Bewegungen, sodass wir unser variiertes Ich auf dem Smartphonebildschirm betrachten können, als würden wir in einen Spiegel schauen. Solche Filter sind meist nur Spielerei, können aber auch der Forschung dienen.
Digitaler Filter im Videotelefonat
Ein Team um Utkarsh Gupta von der University of North Dakota interviewte 50 Freiwillige in Videotelefonaten zu autobiografischen Erlebnissen. Dabei sahen die Testpersonen ihr eigenes Gesicht in dem Live-Video auf dem Bildschirm – teils in unveränderter Form, teilweise mit einem digitalen Filter so modifiziert, dass die Gesichtszüge kindlich wirkten. Der Gedanke dahinter: „Als sich unsere Kindheitserinnerungen bildeten, hatten wir einen anderen Körper. Wir fragten uns also: Wenn wir den Menschen helfen könnten, Aspekte dieses Körpers wieder zu erleben, könnten wir ihnen dann helfen, ihre Erinnerungen aus dieser Zeit abzurufen?“, erklärt Co-Autorin Jane Aspell von der Anglia Ruskin University in Cambridge in Großbritannien.
Und tatsächlich: Die Personen, die sich selbst während des Interviews mit kindlichem Gesicht sahen, beschrieben Erlebnisse aus ihrer Kindheit detaillierter als Probanden, deren Gesicht unverändert auf dem Bildschirm erschien. Ging es dagegen um Episoden aus der jüngeren Vergangenheit, zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das körperliche Selbst und das autobiografische Gedächtnis miteinander verbunden sind, sodass vorübergehende Veränderungen der Körpererfahrung den Zugang zu entfernten autobiografischen Erinnerungen erleichtern können“, folgert Aspell.
Echte oder fabulierte Erinnerungen?
Die Forschenden hatten allerdings keine Möglichkeit, die Echtheit der berichteten Erinnerungen zu überprüfen. Denkbar wäre also auch, dass die Testpersonen, deren Gesicht mit dem digitalen Kindheits-Filter verändert wurde, einfach eine lebhaftere Fantasie an den Tag legten und sich nicht wirklich besser erinnerten. Auch Erwartungseffekte könnten eine Rolle gespielt haben. Als weitere Einschränkung weisen Gupta und seine Kollegen darauf hin, dass der verwendete Filter die Gesichter lediglich allgemein kindlicher erscheinen ließ, ohne das wirkliche Gesicht der Probanden in einem bestimmten Alter abzubilden.
Trotz dieser Limitationen sind die Forschenden optimistisch, dass sie einem echten Phänomen auf der Spur sind. „Womöglich könnten weitere, ausgefeiltere Körpertäuschungen eingesetzt werden, um Erinnerungen aus verschiedenen Phasen unseres Lebens zu erschließen – vielleicht sogar aus der frühen Kindheit“, sagt Aspell. Normalerweise unterliegen Erinnerungen aus unseren ersten drei Lebensjahren der sogenannten kindlichen Amnesie und sind für uns nicht mehr abrufbar. Die Autoren denken zudem an einen möglichen therapeutischen Einsatz: „In Zukunft könnte es möglich sein, die Illusion anzupassen, um Interventionen zu schaffen, die den Erinnerungsabruf bei Menschen mit Gedächtnisstörungen unterstützen könnten“, hofft Aspell. Dafür sind allerdings weitere Studien erforderlich.





