„Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.” Auch Soziologen klammern sich hartnäckig an die Überzeugung, dass vom Rausch der Flitterwochen eine dauerhafte Beseligung übrig bleibt. Denn ein zentrales Ergebnis der sozialwissenschaftlichen Forschung steift den romantischen Idealen des Märchens den Nacken: In allen bisher untersuchten Nationen und in allen sozialen Schichten legen Verheiratete ein gesteigertes Wohlbefinden an den Tag. Nach der vordergründigen Deutung wäre die Ehe somit eine Ressource, die dem Menschen Kraft zum Meistern des Lebens gibt.
Doch dieser Befund hat einen Schönheitsfehler: Er steht mit einem anderen zentralen Ergebnis auf Kriegsfuß, wie nun ein Team um den Psychologen Ed Diener von der University of Illinois zu bedenken gibt. In unserer Psyche existiert nämlich ein grundlegender Mechanismus, der alle emotionalen Schwankungen überraschend schnell nivelliert. Diese „hedonische Adaption” (bild der wissenschaft 4/2002, „Die Gefühlsbremse”) ebnet euphorisierende Glücksgefühle ebenso wie quälende Trauer- oder Verlustempfindungen ein: Lottogewinner und Querschnittsgelähmte fühlen sich sechs Monate nach dem Schicksalsereignis ähnlich „ normal”.
Wenn der Gewöhnungseffekt auch das Eheglück „auffrisst”, dürften sich Verheiratete eigentlich nicht besser fühlen als ihre ledigen Nachbarn, meinten die Forscher um Ed Diener. Vielleicht sei der vermeintliche Ehebonus nur eine Momentaufnahme, vielleicht verberge sich dahinter nur die Tatsache, dass glückliche Menschen leichter einen Partner finden.
Die bisherigen Studien, die nur einen Querschnitt durch die Bevölkerung analysierten, können solche Alternativen nicht ausschließen. Um diese Schwäche zu überwinden, haben die Autoren die Daten des internationalen „Sozioökonomischen Panels” (SOEP) zerpflückt. Das ist eine seit 1984 jährlich wiederholte Befragung, an der zurzeit etwa 12000 deutsche Haushalte mit mehr als 20000 Menschen teilnehmen. Durch den Langzeitcharakter der Auswertung konnte jetzt ergründet werden, was vor und nach einer Hochzeit mit dem Gefühlshaushalt der Getrauten passiert. Die Ergebnisse stellen eindrucksvoll die gleichmacherische Kraft der hedonischen Adaption unter Beweis. Im statistischen Durchschnitt brachte der Abschluss des ewigen Bundes eine leichte Erhöhung des Wohlbefindens. Doch bereits nach einer Karenzzeit von zwei Jahren hatte sich dieser wohlige Kick in Normalität aufgelöst.
Auf der anderen Seite setzten sich spätere Eheleute bereits Jahre vor ihrer Hochzeit durch eine allgemein höhere Lebenszufriedenheit von ihren Zeitgenossen ab. Der behauptete Zusammenhang zwischen Ehe und Wohlbefinden war also eine statistische Täuschung, schließen die Autoren: Eheleute sind von vornherein etwas glücklicher. Und: Das durch die Ehe gestiftete Hochgefühl hält nicht lange an.
Von der grundlegenden Tendenz zur emotionalen Nivellierung setzten sich ein paar „Ausreißer” ab. „In der Tat sind einige Leute glücklicher, als sie es vor der Ehe waren. Bei einer gleich großen Zahl gab es einen deutlichen Trend zu einer unglücklicheren Verfassung”, so die Psycho-Forscher. Die Ehe ist also nicht nur begrenzt selig machend, sie beinhaltet zugleich die Gefahr negativer Nebenwirkungen.
Auch die tief greifende Erfahrung eines Partnerverlustes wird durch die hedonische Adaption kompensiert. Eine Verwitwung beeinflusst das Lebensgefühl aber nachhaltiger als eine Eheschließung – es dauert viel länger, bis die Egalisierung einsetzt. Witwer und Witwen, die nicht wieder heirateten, gewannen erst acht Jahre nach dem Todesfall ihre ursprüngliche Lebenszufriedenheit zurück.
In den neu bewerteten Daten fand sich noch ein anderer, verblüffend demokratischer Drall: Den Menschen, die sich anfangs am besten fühlten, brachte die Ehe am wenigsten Zuwachs an Glück, doch ein Partnerverlust haute sie am stärksten um. Wer schon viel hat, der hat offenbar weniger zu gewinnen – und dem setzt ein Verlust am meisten zu.
Rolf Degen




