bild der wissenschaft: Die berufliche Ausbildung verändert sich rasant. Warum setzen immer mehr Unternehmen auf Bildungssoftware, Herr Prof. Hendricks? Hendricks: Unser Institut hat vor kurzem die Personalentwickler der Top-100-Unternehmen in Deutschland befragt, wie sie es in ihren Häusern mit dem elektronisch unterstützten Lernen – neudeutsch: E-Learning – halten. Ergebnis: Einerseits versprechen sich die Unternehmen ein effizienteres Lernen, indem man nicht mehr so sehr auf Vorrat paukt wie früher, sondern sich erst eine Lösung beschafft, wenn ein Problem auftaucht. Andererseits gehen die Personalentwickler davon aus, dass das heute unabdingbare lebenslange Lernen nur funktioniert, wenn man es selbst organisiert. Wer das tut, muss neben den konventionellen Lehrmitteln aus mindestens drei Gründen auch Bildungssoftware nutzen: Aktualität, Veranschaulichung, Interaktivität. bdw: Wie viel Prozent der Unternehmen setzen bereits auf E-Learning? Hendricks: Von den Unternehmen, die diese Frage beantworteten, gab es nur wenige, für die E-Learning noch keine Rolle spielt. Bei den übrigen gab es eine große Streubreite von „langjährige Erfahrungen” bis „punktuelle Erfahrungen”. Auch die Einschätzung des Nutzens ist sehr unterschiedlich. bdw: Welches Engagement zeigen die deutschen Universitäten beim E-Learning? Hendricks: Da könnte noch etliches verbessert werden. So sah mich der Vizepräsident einer deutschen Hochschule Achsel zuckend an, weil er das Wort bisher noch nie vernommen hatte. Anders in den USA. Dort ist man gerade dabei, mit multimedialen Lehrprodukten den Weltmarkt zu erobern. Das Massachusetts Institute of Technology stellt demnächst seine E-Learning-Materialien ins Netz. Auf diese Weise kann sich der Studierende die Informationen, die er als Fundament für den darauf aufbauenden akademischen Diskurs braucht, oft anschaulicher aneignen als etwa durch Bücher. bdw: Berührungsängste vor Computern haben die heutigen Schüler und Studierenden ja nicht mehr. Hendricks: Wie stark sich Computer breit gemacht haben, offenbart schon allein ein Blick auf E-Mail-Anschlüsse. Unter meinen Studenten haben inzwischen mindestens 90 Prozent einen persönlichen Anschluss – daheim oder über die Uni. Was ausgebaut werden muss, ist eine didaktische Aufbereitung der E-Learning-Materialien in der Lehre. Es reicht nicht, Vorlesungsmanuskripte ins Netz zu stellen. Wir müssen die Lehrinhalte multimedial so aufbereiten, dass ein Mehrwert entsteht. Wir müssen Animationen anbieten und die Inhalte so vernetzen, dass sich der Lernende mühelos ergänzende Informationen auch außerhalb des eigenen Fachgebiets erschließen kann. Im Fachjargon nennt man das: Hyperstrukturen schaffen. Kurzum: Ein multimediales Lehrprodukt ist völlig anders zu gestalten als ein Buch. bdw: Wer soll das leisten? Hendricks: Jede Universität braucht zunächst Teams, die multimediales Lehrmaterial entsprechend dem fachlichen Input des Lehrpersonals produzieren. Im Lauf der Zeit werden die Hochschullehrer dann selbst so fit, dass sie wissen, wie man gute Bildungssoftware produziert. Allerdings werden bis dahin noch viele Jahre ins Land gehen. bdw: Wie sieht es in der Schule aus? Hendricks: Die Schule hat sich am frühesten mit diesen Produkten auseinander gesetzt. Einerseits haben Schulbuchverlage sehr früh entsprechende Produkte entwickelt. Andererseits haben die oft gescholtenen Kulturministerien in diesem Bereich den Puls der Zeit richtig gefühlt und seit Mitte der achtziger Jahre die Weichen richtig gestellt. Inzwischen sind praktisch alle Schulen am Netz. Seit zwei, drei Jahren unterstützen auch die Lehrer diese Bewegung massiv. Bis 2003 werden sich rund 200000 Lehrer – immerhin ein Viertel aller deutschen Lehrer – an der Intel-Fortbildung „Lehren für die Zukunft” beteiligen, die das Ziel hat, E-Learning im normalen Unterricht zu praktizieren. bdw: Welchen Umsatzanteil haben E-Learning-Produkte am gesamten Bildungsmarkt? Hendricks: Für den Bereich der Lern- und Unterrichtssoftware hat der VdS-Bildungsmedien soeben einen Branchenumsatz von 35 Millionen Euro für 2001 genannt. Damit ist aber nur ein Teil des Bildungssoftwaremarktes erfasst. Man weiß allerdings, dass aufwändige Bildungssoftware schon mal eine halbe Million Euro und mehr an Entwicklungskosten verschlingen kann. Trotz der offenkundigen wirtschaftlichen Probleme, die Verlage mit diesem Standbein haben, ist zu konstatieren, dass die entsprechenden Abteilungen in den letzten Jahren ständig gewachsen sind. bdw: Soeben wurde „digita” – der von Ihnen ins Leben gerufene deutsche Bildungssoftwarepreis – zum siebten Mal verliehen. Was hat sich seit den ersten Auszeichnungen Mitte der neunziger Jahre verändert? Hendricks: Die Qualitätsspitze ist breiter. Früher hatten wir ganz wenige herausragende Einreichungen, jetzt haben wir häufig die Qual der Wahl. Dies gilt vor allem für Bildungssoftware in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Nach wie vor nicht so toll steht es um Produkte, die gesellschaftlich-historische Fragen beinhalten. bdw: Wie attraktiv ist die digita-Auszeichnung für Verlage? Hendricks: Die Versuchungen, uns für gewisse Produkte einzunehmen, sind immer da. Vor der Jurysitzung gibt es immer wieder Anrufe von Einreichern, die mal ein Hintergrundgespräch führen wollen. Doch da stehen wir natürlich drüber. Dass die Auszeichnung einen hohen Stellenwert hat, zeigt die Reaktion eines Verlags-Chefs, der seine Entwickler bei einem neuen Projekt befragt, ob sie damit einen digita-Preis zu gewinnen gedenken, ehe er das Budget genehmigt. bdw: Anders als bei vielen anderen Softwareprämierungen, legen Sie großen Wert darauf, dass jedes eingereichte Produkt genau geprüft wird. Hendricks: Wir haben einen Stamm von 50 Gutachtern, die den zehn Juroren Empfehlungen abgeben. Dabei werden für jedes Produkt mindestens zwei Gutachten erstellt. Für den diesjährigen Wettbewerb hatten wir insgesamt 107 Produkte zu sichten. In der Summe kamen wir dabei etwa auf gut 3000 Arbeitsstunden, die von Gutachtern, Juroren und der digita-Geschäftsstelle für digita 2002 geleistet wurden.
Prof. Dr. Wilfried Hendricks
studierte Erziehungswissenschaften, Politische Wissenschaften und Wirtschaftswissenschaften. Seit 1975 ist Hendricks (Jahrgang 1943) Professor am Institut für Arbeitslehre der Technischen Universität Berlin. 1995 war er Mitgründer des IBI-Instituts für Bildung in der Informationsgesellschaft e.V., dessen Leiter er bis heute ist. Seine Forschungsschwerpunkte sind Informations- und Kommunikationstechnologien in allen Sektoren des Bildungswesens. Mit dem „digita-Preis”, der in Zusammenarbeit mit der Stiftung Lesen und bild der wissenschaft vergeben wird, will er ein Signal setzen, das für Qualität von Bildungssoftware steht – ähnlich wie bei der Auszeichnung „Spiel des Jahres”.
Wolfgang Hess





