bdw: Deutsche Forscher wollen Embryonale Stammzellen (ES-Zellen) aus den USA importieren, um neue Therapien und die Züchtung von Gewebe oder ganzen Organen für Transplantationen zu erforschen. Auch wenn der Import von ES-Zellen nicht gegen die Buchstaben des deutschen Gesetzes verstoßen würde wäre er nicht ein Bruch mit dessen Geist?
WINNACKER: Natürlich trifft den Import menschlicher embryonaler Stammzellen der Vorwurf der Doppelmoral, denn ihre Herstellung ist bei uns verboten. Das Problem der Doppelmoral ist jedoch längst nicht auf diesen Fall beschränkt und belastet uns an allen Ecken und Enden beim Umgang mit Atomstrom, bei der künstlichen Befruchtung und so weiter. In all diesen Fällen werden Forschungs- und andere Risiken an das Ausland abgegeben, um dann, nach deren Beseitigung, die Chancen der entsprechenden Technologien in vollen Zügen und um so eifriger zu nutzen.
In diesem Zusammenhang ist es unerträglich, daß Wissenschaftler, die sich notgedrungen im Umfeld dieser Fragestellungen bewegen, von Politikern nicht nur alleine gelassen werden, sondern daß ihnen auch noch der Vorwurf mangelnder Moral gemacht wird. Der Vorwurf der Scheinheiligkeit trifft aus meiner Sicht die Wissenschaft am allerwenigsten. Warum kann es denn sein, daß bei uns eine menschliche Embryozelle besser geschützt ist als ein Fetus, der abgetrieben wird in anderen Abteilungen der Spitäler aber bereits am Leben erhalten werden könnte? Auf die Antworten der Parlamentarier bin ich sehr gespannt. Sie machen die Gesetze.
bdw: Brauchen wir eine gesetzliche Neuregelung des Umgangs mit menschlichen Embryonen?
WINNACKER: Das Embryonenschutzgesetz muß vorerst nicht geändert werden. Zentrale wissenschaftliche Fragen wie die nach der „Reprogrammierung” von Genomen, wie sie beispielsweise die Erzeugung des Klonschafs „Dolly” aufgeworfen hatte, können und sollen zunächst an tierischen Embryonen untersucht werden. Auch soll die Wissenschaft einer Alternative zu menschlichen ES-Zellen nämlich Stammzellen aus dem erwachsenen Körper, sogenannten adulten Stammzellen vermehrt Aufmerksamkeit schenken.
bdw: Warum beschränken sich hiesige Forscher nicht einfach darauf, ausschließlich das Potential von Stammzellen aus dem erwachsenen Körper zu untersuchen?
WINNACKER: Ob sie den Einsatz von ES-Zellen obsolet machen, ist derzeit unklar. Dafür ist unser Wissen über beide, die adulten und die embryonalen Stammzellen, viel zu neu. Vom rein wissenschaftlichen Standpunkt aus könnte es auch wichtig sein, die Eigenschaften von ES-Zellen mit denen sogenannter embryonaler Keimzellen, EG-Zellen, zu vergleichen. Die Herstellung von Vorläuferzellen unserer Keimzellen aus abgetriebenen menschlichen Feten steht nicht im Widerspruch zu geltendem Recht. Abgesehen davon, daß der Präsident der DFG ohnehin nicht an Förderentscheidungen beteiligt ist, wird all das derzeit von einer Gutachtergruppe bewertet. Bevor eine Bewilligung erfolgen kann, werden Projekte mit embryonalen Stammzellen einer mehrstufigen ethischen und juristischen Prüfung unterzogen.
bdw: Falls sich zeigen sollte, daß menschliche ES-Zellen durch nichts zu ersetzen sind: Bliebe für Sie „verbrauchende Embryonenforschung” ein Tabu?
WINNACKER: Es gibt für mich derzeit keine wissenschaftlichen Ergebnisse, die meine ethischen Bedenken im Hinblick auf den Einsatz menschlicher Embryonen hinfällig machten. Sollte der Fall eintreten, daß sich weder adulte Stammzellen noch embryonale Keimzellen für die Herstellung von Geweben oder sogar Organen für das therapeutische Klonen als geeignet erweisen, dann muß neu überlegt werden. Dann muß aber auch erwiesen sein, daß mit tierischen Embryonen die Herstellung spezifischen Gewebes oder bestimmter Organe möglich ist und daß die Übertragung dieses Befundes auf menschliche Zellen aussichtsreich und sinnvoll erscheint. Dann und nur dann! würde ich an die Öffentlichkeit gehen und sie auf diese Alternativen hinweisen. Aber auch dann wäre für mich „verbrauchende Embryonenforschung” aus grundsätzlichen Erwägungen nicht akzeptabel. Deswegen habe ich mich seinerzeit für das Embryonenschutzgesetz so stark gemacht. Für diesen Fall müßte man sich auf überzählige Embryonen beschränken, die eigentlich nicht, aber de facto doch bei künstlichen Befruchtungen immer wieder entstehen und, statt beseitigt zu werden, an dieser Stelle zum Einsatz kommen könnten.
Bernhard Epping / Ernst-Ludwig Winnacker




