Untreue ist in unserer modernen Gesellschaft gemeinhin verpönt. Dabei können Seitensprünge aus evolutionärer Sicht durchaus Vorteile haben: Für Männer ergibt sich dadurch die Möglichkeit, ohne Investitionen in elterliche Fürsorge ihr genetisches Erbe weiterzugeben. Frauen profitieren, wenn sie sie sich mit besonders fruchtbaren oder genetisch besser ausgestatteten Männern paaren. Auch die Aussicht auf zusätzliche Ressourcen wie Geld kann aus Sicht des weiblichen Geschlechts für ein außereheliches Stelldichein sprechen. Während folgenschwere Seitensprünge mithilfe von Vaterschaftstests heute ohne weiteres zu enthüllen sind, war dies früher nicht so leicht. “Natürlich ist Ehebruch ein populäres Thema beim Klatsch und Tratsch, in Witzen, Fernsehen und Literatur”, sagt Maarten Larmuseau von der Katholischen Universität Leuven. “Doch das wissenschaftliche Wissen über dieses Phänomen ist noch immer beschränkt – vor allem mit Blick auf die Vergangenheit.”
Wie oft kam es bei verheirateten Paaren früher zu Seitensprüngen, die außereheliche Vaterschaften zur Folge hatten? Dieser Frage sind Larmuseau und seine Kollegen nun mithilfe von Familienstammbäumen und DNA-Analysen auf den Grund gegangen. Für ihre Studie suchten sich die Forscher in Belgien und den Niederlanden 513 Kombinationen aus jeweils zwei erwachsenen Männern, die genealogischen Belegen zufolge einen gemeinsamen Vorfahren väterlicherseits haben. Die Idee dahinter: Gab es in der Familiengeschichte dieser Männer “Kuckuckskinder” müsste sich dies aus dem genetischen Profil ihrer Y-Chromosomen herauslesen lassen. Insgesamt blickte das Team mit dieser Methode 500 Jahre weit in die westeuropäische Vergangenheit zurück und damit auch in Phasen, die von drastischen gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt waren: zum Beispiel die rasche Urbanisierung während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.
Verlockung in der Großstadt
Die Auswertungen ergaben: Insgesamt waren folgenschwere Seitensprünge verheirateter Männer früher nicht häufiger als heute. Die Rate solcher Ereignisse lag demnach im Schnitt bei nur rund einem Prozent. Gleichzeitig offenbarten die Ergebnisse jedoch, dass dieser Wert abhängig von sozioökonomischen und demografischen Faktoren stark schwankte – den Schätzungen zufolge von 0,4 bis 5,9 Prozent. Wie die Wissenschaftler herausfanden, kam es etwa in Bauern- oder Kaufmannsfamilien deutlich seltener zu solchen Ereignissen als bei Arbeitern aus den unteren Gesellschaftsschichten. Einen großen Einfluss hatte darüber hinaus die Bevölkerungsdichte: Je größer die Stadt war, in der eine Familie lebte, desto mehr Indizien für Seitensprünge fanden die Forscher.
Zusammengenommen ergab sich dadurch ein Spitzenwert der Seitensprünge bei Familien aus unteren Gesellschaftsschichten, die in den dicht besiedelten und stetig wachsenden Städten des ausgehenden 19. Jahrhunderts wohnten. “Unsere Forschung zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für außereheliche Fortpflanzungsereignisse in der Familiengeschichte stark von den sozialen Umständen der Vorfahren abhängt”, konstatiert Larmuseau. Damit bestätigen die Ergebnisse gängige Theorien: Sowohl die Motivation als auch die Möglichkeiten für Seitensprünge variieren demnach je nach sozialem Kontext. Für die betroffenen Familien im 19. Jahrhundert war es auch die Anonymität der Großstadt, die außereheliche Stelldicheins leichter realisierbar machte. Die Motivation war dabei vor allem bei armen Menschen hoch, weil sie sich von außerehelichen Verbindungen womöglich ein besseres Leben erhofften.





