Geld kann man hören – nicht nur, wenn man seinen Geldbeutel schüttelt, sondern auch am Telefon: Wer schon mal während einer Online-Überweisung versehentlich den Hörer von der Gabel genommen hat, weiß, wie Bezahlen auf elektronisch klingt. Anstatt geklimpert und geknistert wird gepiepst, gesummt und geknackt.
Bargeldloses Bezahlen liegt voll im Trend. Alle Statistiken zum Thema „Cash ohne Brieftasche” zeigen nach oben. Zahlungen im Wert von über 34 Billionen Euro huschten im vergangenen Jahr, sauber verpackt in Pakete aus digitalen Nullen und Einsen, durch die Telefonnetze. Die verschiedenen Wege, wie man mit Hilfe eines gut gefüllten Girokontos die Leitungen zum Piepsen bringen kann, sind dabei sehr vielfältig.
Das klassischste aller bargeldlosen Systeme, der Scheck, hat im Trubel der digitalen Geld-Welt zusehends an Bedeutung verloren. „Zwischen Privat- und Geschäftskunden ist das Scheckaufkommen mittlerweile so gut wie Null”, konstatiert Dirk Stein, der sich als Experte für Finanzdienstleistungen beim Bundesverband deutscher Banken (BdB) mit den Bezahlsystemen im Handel beschäftigt. Spätestens seit vor zwei Jahren die Garantie der Banken für Euroschecks aufgehoben wurde, gehört die papierene Bezahlverpflichtung zur aussterbenden Spezies.
Andere Systeme hingegen boomen mit teils zweistelligen jährlichen Zuwachsraten. Im stationären Handel sind es drei Systeme, die in Deutschland um die Bezahlgunst der Kunden und die Investitionslust der Händler und Dienstleister werben: Kreditkarten, so genannte Debitkarten – wozu auch die EC-Karte gehört – und die Geldkarte. „Karte statt Cash” lautet bei allen Dreien die Devise, doch in ihrer Funktion, den Kosten und Risiken, unterscheiden sie sich deutlich (siehe S. 98 „Was das digitale Geld kostet”). Die Kreditkarte fristet in Deutschland ein Schattendasein, anders als in den credit-card-begeisterten USA, wo selbst der Kaugummi auf Pump bezahlt wird. Gerade mal 4,8 Prozent des bargeldlosen Umsatzes im Einzelhandel werden hierzulande über Visa, Mastercard, American Express & Co abgewickelt – sehr viel mehr wird es wohl auch nicht werden. Dem Handel sind die Gebühren, die bei jedem Einkauf an die Kartengesellschaft fällig werden, schlicht zu hoch. Zwei bis zehn Prozent des Kaufbetrags hat ein Händler auf diese Weise – je nach Kreditkartengesellschaft und Art der Transaktion – bei jedem Geldgeschäft weniger in der Tasche. „Die Kreditkarte wird in Deutschland immer nur ein Produkt für größere Beträge bleiben”, prophezeit daher Bezahlexperte Dirk Stein.
Ähnlich ergeht es bisher der Geldkarte auf dem Gebiet der kleinen Summen. „Die Karte mit dem Chip”, wie Werbestrategen das Lieblingskind der Banken getauft haben, kommt nicht aus den Startlöchern. Wie auf einer Telefonkarte kann der Besitzer auf den goldenen Chip entweder mittels Geheimzahl oder in bar Beträge bis zu 200 Euro buchen und das elektronische Geld dann in Parkhäusern, Eisdielen, Schnellrestaurants und an Fahrkartenautomaten in kleinen Portionen abstottern. Weder PIN-Nummer noch Unterschrift braucht er dazu.
Über ein Schattenkonto, das die Bank im Hintergrund führt, wird ein Betrug durch findige Bastler ausgeschlossen, die mit Lötkolben und Notebook versuchen könnten, ihre Karte am Schreibtisch selbst wieder aufzuladen. Doch trotz intensiver Werbung ist die „Parkgroschenkarte” laut Statistik der Bundesbank über einen Jahresumsatz von 100 Millionen Euro bislang nicht hinausgekommen. Über 80000 Händler akzeptieren zwar die Geldkarte in Deutschland, bereits vor zwei Jahren prangte auf 67 der über 120 Millionen Cash-Karten der goldene Chip, und an fast 40000 Stellen in Schnellrestaurants, Bahnhöfen und Banken lässt sich die elektronische Geldbörse inzwischen wieder befüllen. Nur: Der Durchbruch steht immer noch aus – vermutlich, weil der Drang der Kunden, Kleinstbeträge bargeldlos zu bezahlen, nicht besonders ausgeprägt ist. Beim Bankenverband hofft man aber weiter. „Die Zukunft der Geldkarte wird positiv”, orakelt Dirk Stein. „Die EC-Karte hat schließlich auch ein wenig Zeit gebraucht, bis sie zum Renner wurde.”
Tatsächlich ist die Karte mit dem Magnetstreifen und Beethovens holographischem Konterfei heute unangefochtene Nummer Eins im bargeldlosen Zahlungsverkehr. Die Zahlen sind beachtlich: Rein statistisch gesehen, besitzt jeder der 82 Millionen Deutschen nicht nur eine, sondern genau 1,41 Karten mit so genannter Debitfunktion. In über 400000 Läden, Kiosken und Tankstellen, die das Bezahlen per Karte akzeptieren, können so die Kassen zum Klingeln und die Leitungen zum Piepsen gebracht werden. Dabei ist es seit zwei Jahren egal, ob es sich tatsächlich um eine EC- oder nur um eine so genannte Bankkarte handelt. Einen rechtlichen Unterschied gibt es nicht mehr, auf neuen Karten sucht man auch das Beethoven-Hologramm vergebens. Nach Eingabe der Geheimnummer oder durch Unterschrift identifiziert, wird in beiden Fällen der Betrag vom Girokonto des Kartenbesitzers abgebucht. Einer Untersuchung des Europäischen Handels-Instituts (EHI) im Frühjahr 2002 zufolge wechselten auf diese Weise 2001 im Einzelhandel 83 Milliarden Euro den Besitzer. 23,3 Prozent des Gesamtumsatzes werden mittlerweile mit Hilfe der Kartenlastschrift beglichen. Für den Kunden ist sie kostenlos, nur der Händler muss, je nach Verfahren, unterschiedlich tief in die Tasche greifen.
Zwei weitere Trends haben das bargeldlose Bezahlen erfasst: Der zunehmende Handel via Internet und eine wachsende Mobilität. Die Analysten überschlagen sich fast mit positiven Zahlenkolonnen. Internet-Nutzer in Deutschland klickten im vergangenen Jahr auf Waren im Wert von 10,7 Milliarden Euro. Und auch hier zeigt der Pfeil nach oben. „Immer mehr Nutzer scheinen bereit zu sein, für Dinge aus dem Internet zu bezahlen”, hat Carsten Stroborn vom Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung (IWW) an der Universität Karlsruhe in einer Online-Umfrage herausgefunden. Entsprechend umkämpft ist der Markt – und entsprechend undurchsichtig. „Einen einheitlichen Standard gibt es nicht”, stellt Stroborn fest.
Beinahe wöchentlich verschwinden Anbieter von der Bildfläche und neue Zahlungsideen tauchen auf. Um die weltweit über 50 verschiedenen Zahlungssysteme auseinander halten zu können, unterscheidet man drei Verfahren – je nach Zeitpunkt des Bezahlens und dem Erhalt der Ware (siehe Grafik nächste Seite). Das Problem: Dem Händler sind die so genannten Pay-before-Verfahren am liebsten. Der Grundsatz „Zuerst das Geld und dann die Ware” senkt das Risiko für die Online-Verkäufer deutlich. Die Kunden wollen es gerade anders herum. „Die klassische Rechnung, Lastschrift und die Zahlung per Nachnahme stehen im mobilen Handel auf der Beliebtheitsskala immer noch ganz oben”, sagt Stroborn. Allerdings ist auch die Kreditkarte im Kommen – nicht zuletzt, weil die Kartengesellschaften mit „ Verified by Visa” und „SecureCode” neue Standards entwickelt haben, um Kreditkartendaten sicher übers Netz zu verschicken. Ein neuer Trend kommt gerade dazu: Bezahlen mit dem Handy.
In Westeuropa, haben Experten der Beratungsfirma TowerGroup errechnet, wurden mit dem Mobiltelefon als digitale Geldbörse im letzten Jahr für Klingeltöne, Spiele, Parkscheine und viele andere Dinge schon über 3 Milliarden Euro ausgegeben. 2006 sollen es über 50 Milliarden Euro sein. Doch auch hier fehlen bisher einheitliche Standards. Bei E-Plus können Spiele und Klingeltöne gekauft werden, die mit speziellen Tarifen auf Rechnung abgewickelt werden. T-Mobile bietet in seinen T-Zones an, Blumen und andere Artikel via Mobiltelefon zu verschicken – der Betrag wird mittels einer Geheimzahl am Handy bestätigt und dann vom Konto abgebucht. „Bis jetzt gibt es aber nur Insellösungen, die kritische Masse hat noch kein Verfahren erreicht”, sagt Manfred Männle, der bei der Stuttgarter Software-Firma Encorus Standards für mobiles Bezahlen entwickelt.
Was sich durchsetzen wird, ist fraglich und hängt nicht zuletzt von nationalen Vorlieben beim Bezahlen ab. Wer zum Beispiel nach Wien fährt, kann dort schon per Handy und dem so genannten Paybox-Verfahren einen Parkschein lösen. Nach einer einmaligen Registrierung schickt der Parkende eine SMS-Nachricht mit der gewünschten Parkzeit an eine Servicenummer. Er wird daraufhin von dort zurückgerufen, gibt eine Geheimzahl ein und erhält die Bestätigung wieder per SMS zugeschickt. Da haben die Österreicher die Nase vorn. In Deutschland wurde das gleiche Verfahren von der Deutschen Bank im vergangenen Jahr wegen mangelnden Erfolgs eingestellt.
Wie man früher bezahlt hat
Ein halbes Schwein gegen ein Amulett, das Säckchen Salz für drei bis vier Biberfelle – die Geschichte des bargeldlosen Bezahlens ist schon ein bisschen älter. In der Zeit nach den Sammlern und Jägern war es zuerst der Amerikaner und bekennende Sozialist Edward Bellamy, der 1887 in einer Zukunftsvision die Menschen im Jahr 2000 mit Kreditkarten bezahlen sah – die bargeldlose Utopie war aus Pappe. In einer Welt ohne Geld und Zwänge wurde bei jedem Einkauf ein Stückchen davon abgeknipst.
Im hinteren Gästezimmer des „Major Cabins Grill” in New York ging die Geschichte 60 Jahre später in die nächste, konkretere Runde. Das Steakhouse gehörte 1949 zu den besten der Stadt – und war zugleich das Lieblingsrestaurant von Frank McNamara. Als der Geschäftsmann eines Abends seine Brieftasche vergessen hatte, kam er auf die Idee, eine Karte einzuführen, mit der er bezahlen könne. Er gründete den „Diners Club” – die erste Kreditkartengesellschaft der Welt. Von da an ging es mit dem Plastik-Cash richtig los, und 1968 erblickte die EC-Karte das Licht der Welt. Damals entschied sich die deutsche Kreditwirtschaft für die Scheckgarantie und gab ab Anfang der siebziger Jahre die kleine Kunststoffkarte an ihre Kunden aus.
Auf dem geheimnisvollen Magnetstreifen sind seither im wesentlichen Kontonummer, Bankleitzahl, Gültigkeitsdatum und natürlich die Geheimzahl in drei Spuren unterschiedlicher Länge codiert. Bei der Kreditkarte wird auch der Name mit gespeichert. Doch in punkto Sicherheit zeigten sich bald Lücken. Findige Bastler können heute ohne Probleme die Streifen entziffern, das passende Lesegerät gibt’s im Internet zu kaufen. Die Geheimzahl ist zwar verschlüsselt, doch der benutzte Code, der so genannte Data-Encryption-Standard (DES), wird von Experten nur zur „ mittleren Sicherheitsstufe” gezählt. Im Gegensatz dazu ist der goldene Chip auf der Geldkarte nicht mehr nur Speicher, sondern ein echter Computer. Mit ihm lassen sich die Daten weitaus sicherer und vor allem in deutlich größerem Umfang speichern und zusätzlich noch verarbeiten – zum Beispiel bei der Verschlüsselung, oder wenn der Chip einem Rabattsystem mitteilen soll, dass dem Kunden eine Ware gratis zusteht.
Beim Online-Banking – dem Überweisen von Geld via Internet – hieß das Zauberwort in den ersten Jahren BTX und war der Bildschirmtext der Deutschen Post. Ans WWW, das bunte World Wide Web, war damals noch nicht zu denken. Allenfalls ein paar Wissenschaftler schickten sich lange Datenkolonnen über die Kabelnetze. Heute verfügen mit Hilfe der Geheimzahlen PIN und TAN laut aktueller Bundesbank-Statistik fast 30 Millionen der 87 Millionen Girokonten über die Möglichkeit zum Online-Banking. Tendenz: steigend.
Als es ins große weltweite Netz ging, wurde die einst recht beschauliche Welt des digitalen Gelds zum schier unüberblickbaren Schlachtfeld. Ideen wie das Bezahlen mit einer Internet-Währung, Prepaid-Karten und externe Kartenlesegeräte sind ebenso verworfen worden oder in Verruf geraten wie das Bezahlen über eine 0900-Nummer. „Das Sterben hat begonnen”, konstatierte bereits im vergangen Jahr die Münchner Unternehmensberatung Mummert&Partner. Und es geht weiter: Mit Cybercoin, Ecash, Digicash, Payit-mobile, Streetcash und vielen anderen mehr sind klangvolle Namen zu Dutzenden in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Nach dem Aufschwung vor zwei Jahren sind die Beteiligten nun skeptisch geworden. „Auch eine Änderung im Pfandsystem braucht Jahre”, zieht Karsten Stroborn einen Vergleich. „Die Not für ein neues einheitliches Bezahlsystem im Internet scheint noch nicht groß genug zu sein.”
Was künftig bargeldlos passiert
Das Wort „Zukunft” hat beim Thema „Zahlen mit der Karte” nicht sieben, sondern vier Buchstaben: Chip. „In ein paar Jahren wird der Magnetstreifen ausgedient haben”, prophezeit Dirk Stein vom BdB. Schon jetzt ist die neueste Generation der Debitkarten mit Magnetstreifen und Chip ausgestattet, wobei die sensiblen Kundendaten auf dem Chip mit dem sehr sicheren SECCOS-Verfahren codiert sind, das die auch im Internet übliche so genannte asymmetrische Verschlüsselung verwendet. Die Anwendungsmöglichkeiten der Karte sollen in Zukunft noch viel reichhaltiger als heute werden. Eine digitale Unterschrift wird auf dem kleinen Kartencomputer Platz finden und die Prepaid-Funktion wird für viele Länder, unabhängig von der Landeswährung, zur Verfügung stehen. Zudem werden die Kaufvorlieben des Kunden gespeichert sein – was vor allem für den Händler nützlich wäre, der dann genau wüsste, wie oft der Kunde eine bestimmte Ware schon gekauft hat oder welche Marken er bevorzugt. Der elektronische Fahrschein und ein Rabattsystem funktionieren in einigen Städten bereits heute. Außerdem setzen die Banken trotz anfänglicher Misserfolge noch immer auf die Benutzung der Chipkarte beim Bezahlen im Internet.
Beim Handel im Internet wird über die Zukunft heftig gestritten. „Die entscheidende Frage für das elektronische Bezahlen ist, an welchem Teil der Zahlungskette die Wertschöpfung stattfindet”, erklärt Karsten Stroborn vom IWW in Karlsruhe. An der Frage: „Wer kriegt was vom Gebührenkuchen”, scheiden sich also die Interessen. Technisch sind alle Ideen machbar und sicher. Stroborns Prognose: „Wenn sich die Banken zusammenraufen, wird die Online-Überweisung in Verbindung mit der elektronischen Rechnung das Rennen machen.” Nach dem Einkauf bekommt der Kunde dann die Rechnung auf den Bildschirm seines PCs, wird direkt auf sein Online-Girokonto bei der Bank geleitet und kann mittels PIN und TAN die Überweisung veranlassen.
Auch das Handy ist noch im Rennen. Hier wollen vor allem die Mobilfunkbetreiber von ihrem riesigen Kundenstamm profitieren und sich ein Stück vom Kuchen des M-Payment, des mobilen Bezahlens, abschneiden. Immerhin 70 Prozent der Europäer sind bereits mobil. Und ein Großteil – das zeigen Studien – würde mit dem Handy bezahlen, wenn es denn ginge. Aus diesem Grund basteln T-Mobile, Vodafone sowie die Mobilfunkanbieter Telefónica Moviles (Spanien) und Orange (Großbritannien) gemeinsam an einem universellen System. „Simpay” soll es heißen. „Im nächsten Frühjahr wird Simpay für Furore sorgen”, prophezeit Troy Alvarez von der Softwareschmiede Encorus, die die passende Technik dazu entwickelt. Geht es nach den Vorstellungen der Entwickler, soll in einem mehrstufigen Prozess der Kunde in fünf bis sechs Jahren auch im Supermarkt mit dem Handy bezahlen können.
In Schottland und Spanien hat indessen die Zukunft bereits begonnen. Dort ist das Handy seit dem Sommer für Mastercard- und Maestro-Kunden der verlängerte Arm der Kredit- oder Debitkarte. Durch Eingabe der Rufnummer lässt sich Geld von einem auf ein anderes Kreditkartenkonto via Handy überweisen. Ob und wann in Deutschland „MoneySend” möglich wird, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Sollte es einst so weit sein, wird die Welt des Geldes noch einmal reicher. Dann piepst und surrt das Geld nicht nur digital in den Leitungen, sondern schwirrt auch noch lautlos in großem Stil durch die Luft.
Tobias Beck




