Der Förderverein der Schule meiner Kinder organisiert für die Eltern monatliche Vorträge von Wissenschaftlern, Künstlern und Politikern in der Aula und füllt mit den überzogenen Eintrittsgeldern seine ständig leere Kasse. Obwohl die Themen überhaupt nicht interessant sind, kann man sich diesen Vorträgen kaum entziehen, wenn man nicht als Geizkragen dastehen möchte. Am letzten Montag sprach der Myrmekologe Aloys Wiener über eine Ameisenart, die er vor einigen Jahren im Dschungel des Amazonas entdeckt hat. An Ameisen interessiert mich eigentlich nur, wie ich sie aus der Wohnung fern halten kann. Dennoch fuhr ich mit meiner Frau zur Schule.
„Ich lagerte mit meinem Expeditionsteam an einem Nebenfluss des Amazonas”, berichtete Dr. Wiener. „Wir hatten am Nachmittag unsere Wäsche gewaschen und an einem Seil, das wir zwischen zwei Bäumen gespannt hatten, zum Trocknen aufgehängt. Gegen Abend nahmen wir die Wäsche ab, ließen das Seil aber hängen. Ich schlief in der Nacht schlecht und wachte schon kurz vor Sonnenaufgang auf. Als ich im Halbdunkel durch unser Lager ging, sah ich auf dem Seil kleine blaue Ameisen sitzen. Ich kannte die Art nicht, und es stellte sich später tatsächlich heraus, dass sie niemand jemals beschrieben hatte. Ich gab ihr den Namen Formica wienerii. Auf dem 9 Meter langen Seil zählte ich 37 Ameisen. Sie saßen dort in unregelmäßigen Abständen völlig reglos.
Kurze Zeit später schob sich die Sonne langsam über den Horizont und schien auf die Baumwipfel. Dann tauchte sie die Kronen und schließlich auch die Stämme in ihr Licht. Genau in dem Augenblick, in dem der erste Strahl auf das Seil fiel, erwachten alle 37 Ameisen zum Leben und begannen, das Seil entlang zu krabbeln. Die Richtung, die sie dabei wählten, schien rein zufällig zu sein. Sie behielten ihren einmal gewählten Weg jedoch unbeirrt bei. Nur wenn sich zwei Ameisen begegneten, machten beide kehrt und krabbelten in entgegengesetzten Richtungen weiter. Gelangte eine Ameise an ein Ende des Seils, so verließ sie es und lief am Baumstamm hinab zum Boden.”
„Bewegten sich die Ameisen genauso schnell wie unsere Ameisen?” , fragte jemand aus dem Publikum. Wiener antwortete: „Ich habe die Geschwindigkeit der Tiere sorgfältig gemessen und Verblüffendes festgestellt: Jede Ameise krabbelte mit einer Geschwindigkeit von 1,5 Zentimeter pro Sekunde.” „Wie lange hat es denn gedauert, bis die letzte Ameise das Seil verlassen hat? Oder krabbeln vielleicht immer noch einige Ameisen auf dem Seil hin und her?”, fragte eine Frau. „So eine dumme Frage kann auch nur die Krause stellen”, raunte mir meine Frau zu. „Wieso?”, fragte ich verständnislos. „Man kann sich doch leicht überlegen, wann die letzte Ameise spätestens das Seil verlassen haben muss”, sagte meine Frau.
Wissen Sie, wie viele Minuten, nachdem die Ameisen ihre Wanderung begonnen hatten, spätestens keine von ihnen mehr auf dem Seil war?
So machen Sie diesen Monat mit
Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des Verlags und deren Angehörigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Schicken Sie bitte Ihre Lösung auf einer Postkarte bis zum 30. April 2015 an:
bild der wissenschaft, Kennwort „Cogito 4|15″
Ernst-Mey-Str. 8, 70771 Leinfelden-Echterdingen
oder per E-Mail an: cogito@konradin.de
Die Lösung und die Namen der Gewinner werden im Juli-Heft 2015 auf der Leserbrief- Seite veröffentlicht.
Sonstige Zuschriften zu Cogito bitte an: wissenschaft@konradin.de
… und das gibt es zu gewinnen
Unter den Einsendern der richtigen Lösung werden fünf Bücher ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. In seinem Buch „ Spielend gewinnen” stellt der promovierte Volkswirt und versierte Journalist Nils Hesse die wichtigsten Gewinnstrategien für 50 beliebte Brett-, Karten- und Würfelspiele vor – zum Beispiel für Schach, Go, Backgammon, Malefiz, Vier gewinnt, Reversi, Halma, Cluedo, Monopoly, Risiko, Skat, Kniffel, Lotto und Roulette. Er gibt dabei viele taktische Tips, analysiert die Logik des jeweiligen Spiels und erklärt gut verständlich, wo die Chancen und Risiken liegen. Wer gerne und viel spielt, hat mit diesem Buch schon gewonnen – ob auch auf dem Spielbrett, das wird sich dann zeigen. Weitere Informationen zum Buch finden Sie auf der Website des Verlags: www.springer-spektrum.de




