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Die vielfältigen Herausforderungen für Architekten von morgen
Noch nie konnten Architekten vollkommen nach eigenem Gusto agieren. Doch wo der Beruf deshalb schon immer verschiedenste Kompromisse und Limitierungen kannte, so wird es aktuell und in Zukunft noch spannender und knackiger.
Der Architekt als eine Person, deren einzige Limitierung die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft ist – so stellen es sich viele vor. In Wahrheit allerdings waren selbst die Mies van der Rohes, die Frank Lloyd Wrights, die Hans Scharouns und andere große und kleine Vertreter ihrer Zunft immer schon Gratwanderer, die Ansprüche aus unterschiedlichsten Richtungen miteinander in Einklang bringen mussten und müssen. Darunter solche, die sich einander teils im Höchstmaß zuwiderlaufen.
Für die kommenden Architektengenerationen werden diese „klassischen“ Herausforderungen jedoch nur noch eine Basis sein. Nicht zuletzt unter dem Eindruck von Klimawandel und einer sich ändernden Arbeitswelt.
Unverändert von vorgestern bis übermorgen: Die grundsätzlichen Herausforderungen für Architekten
Als Frank Lloyd Wright Mitte der 1930er erstmals die künftige Baustelle des später legendären Hauses Fallingwater betrat, konnte er den Überlieferungen zufolge schon nach einigen Blicken dem Auftraggeber verkünden, das Gebäude habe vor seinem geistigen Auge bereits Gestalt angenommen.
Doch selbst wenn Fallingwater heute zu den bekanntesten architektonischen Meisterleistungen der Moderne gehört – und Wright von der auftraggebenden Familie Kaufmann nahezu unlimitierte gestalterische Freiheiten erhielt – so ist die schwierige Geschichte dieses Baus doch (auch) eine, die davon zeugt, wie viele Konzessionen ein Architekt machen muss.
Zudem ist das direkt über einem Fluss stehende Gebäude nur ein Beispiel von Millionen. Jeder Architekt unterliegt grundsätzlich vier verschiedenen Realitäten, die seine Arbeit mehr oder weniger stark einschränken, respektive in eine Richtung schieben. Wichtig für das Verständnis dieses Textes ist, dass diese vier Punkte auch in Zukunft weiterhin gültig sein werden.
Eigene architektonische Visionen und Stile
Selbst bei einem unbekannten Gebäude könnten so manche Profis problemlos feststellen, aus welcher Feder der Entwurf stammt – zumindest, wenn es sich um einigermaßen bekannte Architekten handelt, oder solche, deren gestalterische Sprache sich irgendwie merklich von der Masse abhebt.
Denn Fakt ist: Jeder Architekt hat einen eigenen Stil, auf dem jede Vision für ein neues Projekt zumindest teilweise basiert. Dieser Stil fußt auf mehreren Punkten:
Der eigene persönliche Geschmack, dessen Quelle letztendlich bis ins frühe Kindesalter zurückreicht.
Die Summe der Eindrücke von positiven und negativen architektonischen Vorbildern personeller und bautechnischer Natur.
Die prägenden Erlebnisse und beeinflussenden Personen im Rahmen der Ausbildung – etwa Professoren oder Projektvorgaben.
Die allgemeine Natur eines Projekts.
Das persönliche Interesse und die Herangehensweise an Projekte.
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Das alles vermischt sich zu einer Art „architektonischem Fingerabdruck“. Würde man hundert Architekten beispielsweise ein ländliches Einfamilienhaus frei designen lassen, so kämen hundert völlig unterschiedliche Entwürfe heraus.
Natürlich möchte wohl jeder Architekt sich selbst in seinen Projekten verwirklichen; nicht nur in besonders prestigeträchtigen. Gleichsam ist das bereits ein Ausgangspunkt für die Gratwanderung. Denn je nachdem, wie rigide die weiteren Einschränkungen sind, kann es sehr schwer werden, noch seinen eigenen Stil zu verwirklichen.
Die Wünsche des auftraggebenden Kunden
Bereits früh im Studium werden angehende Architekten in aller Welt mit einem Witz konfrontiert. Er existiert in unterschiedlichsten Varianten, geht aber immer auf eine Kernaussage zurück:
„Der Job wäre perfekt, wenn es keine Auftraggeber gäbe.“
Denn der Auftraggeber – oder Kunde – ist ein immerwährender Quell von Limitierungen und Einschränkungen, etwa:
Kosten
Farben
Raumaufteilung
Materialien
Formen
Wohnkonzepte
Schon, wenn der Kunde nur eine einzelne Person ist, prallen schlichtweg zwei mitunter stark unterschiedliche Geschmäcker und Vorstellungen aufeinander. Da auch in der Architektur der Kunde König ist, muss ein Architekt immerzu fähig sein, sich diesen Limitierungen unterzuordnen.
Ein Beispiel von vielen sind die Meisterhäuser der Dessauer Bauhaus-Siedlung. Entworfen wurden sie vom Bauhaus-Gründer Walter Gropius persönlich – natürlich äußerlich und innerlich den Lehren dieser Schule entsprechend. Doch obwohl die Häuser überwiegend von den Meistern des Bauhauses bewohnt wurden, richtete nach heutigem Wissen nur einer von ihnen sein Haus komplett im Bauhaus-Stil ein – László Moholy-Nagy.
Ein anderes Beispiel ist Farnsworth House aus der Feder von Ludwig Mies van der Rohe. Hier kam es sogar zu einem Prozess zwischen Architekt und Auftraggeberin, weil diese mit dem Haus so gar nicht einverstanden war.
Einschränkungen durch Physik und Materialien
Auch Physik und Technik gehören zu denjenigen Dingen, die schon so manchem Architekten Sorgenfalten auf die Stirn trieben – und es für immer tun werden. Das gilt besonders (allerdings nicht ausschließlich) in Sachen Dimensionierung und davon ausgehender Statik.
Einmal mehr kann selbst die große Architektur dafür ein Beispiel liefern: Das erwähnte Haus Fallingwater. Wright wollte die weit auskragenden Balkone möglichst filigran gestalten, damit sie trotz der Konstruktion aus Stahlbeton nicht so wuchtig wirkten. Das jedoch kollidierte mit der Statik.
Angeblich konnten sich die Balkone nur deshalb bis heute halten, weil der ausführende Bauingenieur nach eigenen Berechnungen die Bewehrung des Betons deutlich verstärkte. Trotzdem senkten Sie sich bereits während der Bauphase ab und mussten vor einigen Jahren aufwendig saniert werden.
Gesetze und andere staatliche Vorgaben
Ob das Farnsworth House heutzutage und in Deutschland wohl genehmigungsfähig wäre? Es bestehen zumindest begründete Zweifel:
Je nach Bebauungsplan des Wohngebiets könnte die rundherum gläserne Fassadengestaltung nicht genehmigungsfähig sein.
Das Gebäude steht dicht am häufig über die Ufer tretenden Fox River (deshalb liegt es brusthoch über Umgebungsniveau). Mitunter wäre der Bauplatz daher hierzulande nicht als Bauland gestattet.
Es ist eine Ölheizung verbaut, die heute nur dann noch genehmigungsfähig ist, wenn mindestens 65 Prozent der Gesamtwärme regenerativ erzeugt werden.
Natürlich ist es unfair, deutsche Maßstäbe der 2020er an ein Haus anzulegen, das in den frühen 1950ern in den USA errichtet wurde (wobei zweifelhaft ist, ob das Gebäude auch unter aktuellen US-Gesetzen nochmal so genehmigt würde).
Aber das Beispiel zeigt sehr gut, wie stark jeder Architekt der Notwendigkeit unterliegt, unterschiedlichste staatliche Gesetze, Vorgaben, Normen und dergleichen zu beachten – die zudem immer wieder angepasst werden. Naturgemäß können diese sehr einschränken, selbst, wenn sie nicht allzu streng sind.
Der Grat wird noch schmäler: Zusätzliche Herausforderungen für den Architekt von morgen
Es erfordert bereits Fingerfertigkeit, die vier genannten Punkte zu einem stimmigen Gesamtkonzept zu verarbeiten – zumal man immer noch den Zeitgeist als höchst wandlungsfähige Komponente einbeziehen muss. Der Beweis: Die sehr umfassenden Lehren des einstigen Bauhauses, obwohl tausendfach in aller Welt gezeigt, wurden nach der Blütezeit kaum noch in ihrer Gesamtheit angewendet. Die Bundeszentrale für politische Bildung spricht in einer ihrer Zeitschriften gar von „Das untote Bauhaus“.
Doch selbst wenn Architekten schon immer gute „Jongleure“ sein mussten, so werden künftige Generationen diese Kunst noch viel stärker beherrschen müssen. Denn es kommen noch mehr Herausforderungen hinzu.
Zunehmende Nutzung von Solarenergie
Wie wichtig der Ausbau nachhaltiger Energien ist, dürfte sattsam bekannt sein. Der Architekt ist dabei gleichzeitig eine Leitfigur und – wenn man es so nennen möchte – „Leidtragender“. Denn insbesondere Solartechnik (in Form von Photovoltaik und Solarthermie) hat diverse Vorbedingungen und sorgt für Einschränkungen
Die allgemeine geographische Lage und Ausrichtung eines Gebäudes.
Die Gestaltung und Fläche der Wände sowie Glasscheiben darin.
Die Formgebung und Fläche des Daches.
Denn Sonnenenergie wird dann am besten genutzt, wenn sie auf eine möglichst große Fläche fällt – und das idealerweise tages- und jahreszeitunabhängig im 90-Grad-Winkel.
Hinzu kommt eine stete, rasche Weiterentwicklung der Technik. Noch vor wenigen Jahren etwa waren günstige, leichte, überall anzubringende Solarsysteme kaum denkbar. Als Balkonkraftwerke feiern sie heute große Erfolge aufgrund der sehr niedrigschwelligen, vielfältigen Nutzbarkeit – nicht nur um den Balkon herum.
Nicht zuletzt, weil schon heute in mehreren Bundesländern Solarpflichten gelten, werden Architekten künftig kaum herumkommen, Gebäude einerseits stärker für eine optimale Sonnennutzung auszulegen und andererseits dafür bei der gestalterischen Freiheit Abstriche zu machen – denn Solartechnik ist zwangsläufig sichtbar. Wohl gibt es bereits transparente Solarmodule. Doch liefern diese weniger Leistung und sind nicht so „unsichtbar“ wie etwa eine herkömmliche Glasscheibe.
Wo ein heutiger Architekt sich beispielsweise bei der Farbgebung der Fassade nur am Bebauungsplan und Kundengeschmack orientieren muss, könnte morgen eine umfassendere Solarpflicht den Handlungsspielraum deutlich reduzieren – was wiederum hochkreatives Denken erfordert, um dennoch eine andere optische Note zu designen, die nicht bloß nach einer typischen Haussilhouette, verkleidet in Solarmodulen, aussieht.
Geringere Planungssicherheit
Das zurückliegende Hin und Her um die Neugestaltung des Gebäudeenergiegesetzes (medial in dem Zusammenhang oft falsch zum Heizungsgesetz verkürzt) hat einmal mehr verdeutlicht, wie rasch sich Vorgaben wandeln können. In eine ähnliche Richtung tendiert die eigentlich von der EU geplante Verpflichtung zur Sanierung energetisch besonders schlecht dastehender Bestandsbauten. Die kürzlich beschlossene neue EU-Gebäuderichtlinie wurde explizit um diesen Passus entschärft. Individuelle Sanierungspflichten wird es nicht geben.
Zwei Beispiele dafür, wie rasch sich Architekten auf wechselnde Vorgaben einstellen müssen. Denn beide Richtlinien sahen eigentlich sehr deutlich besagte Verpflichtungen vor, bevor sie doch wieder entschärft wurden.
Hinzu kommt die Förderlandschaft. Dass diverse Fördertöpfe nicht ewig bestehen, ist für Architekten Usus. Vergleichsweise neu ist jedoch zumindest, wie rasch Förderprogramme beendet werden – teils lange vor dem eigentlich geplanten Enddatum.
Die Gründe für all diese Herausforderungen mögen weitgehend politischer Natur sein. Das ändert für morgige Architekten jedoch nichts an einer Tatsache: Die allgemeine Planungssicherheit ist nicht mehr so groß, wie es einst der Fall war. Nicht einfacher wird es, weil der einzelne Architekt daran selbst mit noch so viel Geschick nicht viel ändern kann.
Steigende Diskrepanzen zwischen Raum-Designs und Energetik
Zumindest in der jüngeren Vergangenheit gab es einen Punkt, an dem sich Architekten und Auftraggeber schnell einig waren – übrigens weitgehend gleich ob im privaten Wohnungsbau oder bei gewerblichen Immobilien:
Möglichst große Offenheit,
wenige Wände,
viel natürliches Licht durch großzügige Glasflächen.
Das ist schon deshalb vorteilhaft, weil weniger Wände gleich mehr Nutzfläche sind – schließlich fällt der durch eine Wand und den Öffnungswinkel etwaiger Türen belegte Raum ersatzlos weg.
Zugleich traf es den energetischen Zeitgeist, zumindest teilweise. Denn große Glas- und dafür wenige Wandflächen bedeuten ein insgesamt helles Ambiente, das weniger künstliche Beleuchtung erfordert.
Allmählich wendet sich allerdings das Blatt. Hauptgrund dafür ist ein komplexes Zusammenspiel aus Kosten und dem Thema Wärmeenergie:
Mangels Wände großvolumige Räume benötigen insgesamt mehr Energie, um auf eine bestimmte Temperatur gebracht und gehalten zu werden.
Es ist ungleich schwieriger, solche Räume hinsichtlich ihrer Nutzung in Bereiche unterschiedlicher Temperaturen aufzuteilen. Das führt ebenfalls zu höherem Energieverbrauch – Stichwort Nicht-Aufenthaltsräume – und kann zudem die Nutzungsqualität beeinträchtigen.
Bezogen auf einen bestimmten Wärmedurchgangskoeffizienten ist Fensterglas pro Flächeneinheit deutlich kostspieliger als die meisten anderen Baumaterialien für Wände. Einfach gesprochen: Ein Quadratmeter gut wärmedämmendes Fenster ist deutlich teurer als ein Quadratmeter gut wärmedämmendes Wandmaterial.
Die Erwärmung des Innenraums aufgrund des Sonnenlichts kann in klimawandelbedingt heißen Sommern eine größere Notwendigkeit für Kühlung verursachen und dadurch die winterlichen Einsparungseffekte bei der Beheizung negieren.
Das offene Wohnraumkonzept steht deshalb an einem Scheideweg. So selbstverständlich wie bisher dürfte es nicht mehr eingesetzt werden können. Womit wir einmal mehr beim Farnsworth House angelangt wären: Seine Gestaltung mit gläsernen Außenwänden und mit nur geringster innerer Aufteilung könnte mitunter bald schon überkommen wirken – obwohl die Architektur für immer „modern“ sein wird.
Mögliche Einschränkung nutzbarer Stoffe durch das Nachhaltigkeitsgebot
Der moderne Architekt muss seit einiger Zeit immer stärker das Thema Graue Energie bzw. Graue Emissionen in seine Betrachtungen aufnehmen. Also Verbräuche und Emissionen, die zum Gewinnen, Herstellen, Transportieren, Verbauen usw. von Baustoffen und -materialien anfallen.
Ein Beispiel dafür ist einer der beliebtesten Baustoffe überhaupt – Beton. Seine grenzenlose Formbarkeit in kaltem Zustand (und direkt auf der Baustelle) in Verbindung mit der enormen Stabilität und Witterungsbeständigkeit und geringsten Kosten haben ihn zu einer hochbeliebten Wahl gemacht. Aktuell allerdings steht Beton (bzw. Zement) aufgrund des hohen Energiebedarfs und CO2-Ausstoßes bei der Herstellung immer stärker in der Kritik.
Beton ist nicht der einzige Stoff auf dieser Liste – und sie wird mutmaßlich noch größer werden. Egal ob Tropenhölzer, schlecht recycelbare Mischkunststoffe, diverse Natursteine, übermäßiger Stahl-Einsatz oder schlicht zu große benötigte Materialmengen: Fast alles, woraus ein Gebäude besteht, unterliegt einer immer kritischeren Betrachtung. Hinzu kommt eine Rückkehr von Baumaterialien, die – wenigstens seit dem Kriegsende – vielfach in Vergessenheit geraten waren.
Naturgemäß spielen hierbei Erwägungen rund um den Schutz von Klima, Natur und Umwelt die größte Rolle. Ebenso muss die Material-Thematik jedoch aus einem Blickwinkel der Kosten betrachtet werden – dazu mehr in einem weiteren Kapitel.
Für morgige Architektengeneration bedeutet es jedoch stets die Notwendigkeit, materiell umzudenken und sich von vielleicht Liebgewonnenem zu verabschieden.
Mehr Sanierung, weniger Neubau
Der Idealzustand eines Architekten ist ein Projekt, das sozusagen auf einem leeren Zeichenblatt beginnt. Also die Möglichkeit, etwas bei Null beginnend zu entwerfen und nur Rücksicht auf unveränderliche Umgebungsbedingungen nehmen zu müssen – etwa Landschaftsformationen.
Das Problem daran: So sehr diese Herangehensweise alle gestalterischen Freiheiten bietet, so wenig ist sie doch zukunftsträchtig.
Neu bauen ist fast immer die kostspieligste Möglichkeit, umbauten Raum zu erschaffen.
Viele Städte, Kommunen etc. haben bereits heute die Grenzen des Flächenwachstums erreicht.
Die Urbanisierung schreitet weiterhin voran, selbst wenn sie sich seit der Pandemie mancherorts etwas abgeschwächt hat.
Privatleben und Arbeit verschmelzen insbesondere durch das massive Aufblühen des Home Office immer stärker. Zudem ist diese Herangehensweise aus klimapolitischen Gründen sehr sinnvoll, weil unter anderem das Pendeln für viele Menschen wegfällt.
Ein Großteil des Wohngebäudebestandes in Deutschland ist recht alt und hat energetischen Nachholbedarf.
Nicht zuletzt mit Blick auf zunehmende Unwetter sollten weitere Flächenversiegelungen möglichst unterbleiben.
Lebensmodelle werden in der Breite immer vielfältiger bzw. diverser. Das hinterlässt nicht zuletzt Spuren bei Raumzuschnitten, die nicht mehr zeitgemäß sind.
Das alles bedeutet eines: Künftige Architekten werden höchstwahrscheinlich deutlich weniger Neubaukonzepte verfolgen können, als vielmehr bereits bestehende Bauten umfassend umgestalten müssen.
Ein oftmals hierfür herangezogenes Beispiel sind urbane Bürogebäude. Nicht zuletzt durch den steigenden Homeoffice-Anteil unterliegen diese vielerorts einem erhöhten Leerstand. Gleichsam gibt es in vielen Städten buchstäblich hoffnungslos wenig Wohnraum, um die Zuzügler zu vertretbaren Preisen unterbringen zu können.
Schon von vielen Seiten wurden deshalb Forderungen laut, diesen ungenutzten Büro- zu deutlich notwendigerem Wohnraum umzubauen. Das ist naturgemäß keine einfache Aufgabe – weder aus technischer noch regulatorischer Sicht. Allerdings ist es vielfach die schlichtweg einzige Lösung, um den Notwendigkeiten der Gegenwart entsprechen zu können. Dann etwa, wenn die einzige Alternative in Nachverdichtung bestünde, die jedoch die Lebensqualität eines Quartiers erwiesenermaßen reduziert und die Bodenversiegelung weiter vorantreibt.
Natürlich bedeutet die Umgestaltung von bestehenden Bauten viel weniger architektonische Freiheit und erfordert vielfach starke Kompromisse. Allerdings waren Architekten immer schon den jeweiligen zeitgeistigen Anforderungen an das Bauen unterworfen. Anders gesprochen: Bis auf kleinere Ausnahmen muss Architektur immer für den einzelnen Mensch oder die Gesellschaft arbeiten – nicht für sich selbst.
Steigende Baukosten versus finanzielle Möglichkeiten
Die meisten Leser dieser Zeilen dürften am eigenen Leib mitbekommen haben, wie stark sich seit Anfang 2022 das Leben insgesamt verteuert hat. Das ist einer der wichtigsten Gründe dafür, warum die Bautätigkeit in jüngster Vergangenheit so massiv eingebrochen ist.
Bereits über die gesamten 2010er hinweg waren die Baukosten aufgrund der Niedrigzinsphase gestiegen. Als dann durch den Ukraine-Krieg die Inflation anzog und man als Gegenmaßnahme die Zinsen anhob, entstand sozusagen ein architektonisches Dilemma, das aus gesamtwirtschaftlichen Gründen bis heute andauert.
Naturgemäß lässt sich nicht voraussagen, wie sich die Preise in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entwickeln werden. Doch nicht zuletzt deshalb, weil die energetischen Bauvorgaben kaum weniger streng werden dürften, erscheint es eher unwahrscheinlich, dass Bauen (kaufkraftbezogen) deutlich günstiger wird.
Für Architekten bedeutet das, einfach gesprochen, eines: Die meisten Auftraggeber, egal ob staatlicher, unternehmerischer oder privater Natur, werden
schlichtweg weniger Geld zur Verfügung haben,
viel stärker auf Preise achten und
weniger kostentreibende Exklusivität wünschen.
Naturgemäß wird es auch in Zukunft noch finanziell potente Auftraggeber geben, bei denen die Kosten eine viel geringere Rolle spielen. In der Masse werden Architekten jedoch damit leben müssen, auf weniger Spendierfreudigkeit hoffen zu können – mit entsprechenden Folgen für die gestalterische Freiheit.
Zusammengefasst: Steigende Herausforderungen bevorzugen den fähigen Architekten
Der Mensch wuchs schon immer mit steigenden Anforderungen. Denn je größer sie sind, desto mehr werden neue, unkonventionelle, einfach bessere Denkweisen und Lösungsansätze gefordert.
Auf den ersten Blick mag die Zukunft für Architekten schlichtweg bloß schwieriger und limitierter wirken. Tatsächlich jedoch ist sie gerade aufgrund der steigenden Anforderungen eine große Chance, Architektur in ihrer Gesamtheit anders anzugehen als bisher.
Künftige Architektengenerationen werden natürlich kreativer und härter arbeiten müssen, als es sowieso schon der Fall ist. Wer diese Tätigkeit jedoch mit Leib und Seele ausübt, der wird definitiv daran wachsen und Gefallen daran finden, trotz eines immer enger werdenden „Korsetts“ ständig kreative und überzeugende Ansätze zu finden – erst recht, wenn diese ausgetretene Pfade verlassen.
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