Um Krebserkrankungen zu behandeln, setzen Ärzte häufig eine Chemotherapie ein. Doch die schlägt nicht immer an. Wissenschaftler forschen deshalb an unorthodoxen Alternativen – zum Beispiel an Bakterien, die sich gezielt in einem Tumor ansiedeln und ihn zerstören. Das planten Mediziner bereits vor einem halben Jahrhundert, im ersten Erscheinungsjahr von bild der wissenschaft (Heft 1/1964, „Bakterien gegen Krebs”).
Vor 50 Jahren hatte dieser Ansatz jedoch einen gewaltigen Haken. Zwar zerstörten Clostridium-Bakterien die Tumorzellen in untersuchten Mäusen. Aber anschließend klaffte im Gewebe eine Wunde. Die meisten Tiere überlebten die Behandlung nicht.
Heutzutage können Wissenschaftler Bakterien gentechnisch maßschneidern. Das geschieht zum Beispiel im Labor von Siegfried Weiß am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Hier untersuchen Forscher das Potenzial von Salmonella typhimurium als Krebsbekämpferin.
„Diese Salmonellenart löst Typhus bei Mäusen aus”, sagt der gelernte Immunologe Weiß. „Für Menschen ist sie nicht schädlich. Man bekommt höchstens Durchfall.” Es handelt sich um sogenannte fakultativ anaerobe Bakterien, die sich in sauerstoffarmer Umgebung besonders wohlfühlen und stark vermehren. Genau das ist die für die Tumorbekämpfung notwendige Eigenschaft.
„Ab einer bestimmten Größe muss sich der Tumor selbst mit Blut versorgen”, erläutert der Braunschweiger Forscher. „Wenn er schnell wächst, kommt das Einsprießen von neuen Blutgefäßen nicht mehr nach. Der Tumor enthält dann abgestorbene Regionen, sogenannte Nekrosen. Dort herrscht Sauerstoffarmut, solche Bereiche gibt es sonst im Körper nicht.”
Im Idealfall siedeln sich die Salmonellen genau dort an und fressen den Tumor regelrecht von innen auf. Darüber hinaus können sie das Immunsystem anregen, gegen den Krebs zu kämpfen. Die Herausforderung besteht nun darin, diese nützlichen Eigenschaften der Bakterien zu bewahren, sie aber ansonsten unschädlich zu machen. „Man kann essenzielle Gene des Stoffwechsels ausknocken”, erklärt Weiß die Vorgehensweise. „Das schwächt die Bakterien so sehr, dass sie dem Immunsystem nicht mehr davonwachsen können.”
Von Tests an Menschen ist dieses Verfahren aber noch Jahre entfernt: Die Braunschweiger müssen zuvor hieb- und stichfest nachgewiesen haben, dass die gentechnisch veränderten Bakterien sowohl effizient als auch sicher sind.
In dieser Hinsicht ist ein internationales Forscherteam um Jan Theys von der Universität Maastricht in den Niederlanden weiter. Es nutzt gentechnisch veränderte Clostridium-Bakterien, um in einem Tumor eine vorher verabreichte „Pro-Drug” zu aktivieren, die erst dann ihre Wirkung in der Krebsgeschwulst entfaltet. Das funktioniert bei Mäusen und Ratten gut. Aber „der Schritt von noch so vielversprechenden Tierversuchen zu menschlichen Patienten ist nicht einfach”, sagt Theys.
Ursprünglich waren erste klinische Studien für 2013 geplant. Der Zeitplan konnte jedoch nicht eingehalten werden. „Es gibt viel regulatorischen Papierkram”, stöhnt der Zellbiologe. „Das ist ein Vollzeitjob. Wir als akademisches Zentrum können das gar nicht leisten.” Außerdem sind klinische Studien teuer und benötigen Investoren.
Aber Theys ist unbeirrt. Er vermutet, dass der Bakterienansatz in Kombination mit einer Strahlentherapie gute Ergebnisse brächte, und verbreitet Optimismus: „Wir sind fest entschlossen, das in einen Patienten zu bekommen.”
Franziska Konitzer




