Was für ein unordentliches Grab! Schutt im Treppenhaus, ein auseinander genommener vergoldeter Holzschrein, vier Kanopen-Krüge aus Kalzit für die Eingeweide, vier „Zauberziegel” aus Lehm, ein goldener Halskragen in Geierform, ein goldenes Kollier mit Blumenmotiven, Schmucksteine, Werkzeuge, Fayencen, Möbelreste, Glas, Keramik, Siegelabdrücke im Boden, ein Sarg mit Mumie, Dreck. Entdeckt wurde die ominöse, nicht von Grabräubern heimgesuchte Ruhestätte 1907 im Tal der Könige in Theben auf der Westseite des Nils. Seitdem trägt sie die offizielle Bezeichnung „ KV 55″ (Kings Valley 55) und hat mehr Forscherhirn gefordert und mehr Spekulationen hervorgebracht als jedes andere königliche Grab aus der 3000-jährigen altägyptischen Geschichte. Das ist nicht verwunderlich, denn die Unordnung setzte sich nach dem ersten Augenschein durch den exzentrischen amerikanischen Finanzier Theodor Davis und seinen britischen Ausgräber Edward Ayrton fort: Der zerlegte Holzschrein, der die altägyptischen Mumiensärge umschloss, war für Königin Teje hergestellt worden. Teje war die einflussreiche Gattin von Amenophis III. und Mutter von Echnaton. Ihr Name ist auf dem Schrein erhalten, die sonst üblichen szenischen Darstellungen des königlichen Lebens jedoch wurden nachträglich herausgeschnitten. Die Kanopen-Krüge waren zunächst für Kija gedacht. Kija war eine Nebenfrau Echnatons und eventuell Mutter Tutanchamuns. Ihre Eingeweide sind darin aber nie bestattet worden. Die Krüge wurden für einen königlichen Besitzer umgestaltet, sein Name jedoch bereits im Altertum abgeschliffen. Die Siegelabdrücke im Boden der Grabkammer stammten von Tutanchamun, Echnatons Sohn, der als Kind auf den Pharaonenthron kam und die Gegenreformation einleitete. Zumindest zwei der vier „magischen Ziegel”, die mit ihren Zaubersprüchen als Talisman dienten, trugen den Namen Echnatons. Der Sarg – so die Ergebnisse der exzellenten Restaurierung der Sargwanne im Münchner Museum für Ägyptische Kunst – war eindeutig für Echnaton bestimmt und wurde offenbar in einer zeitlichen Notsituation umgearbeitet. Dabei wurden die Echnaton-Kartuschen, die Namensschilder der ägyptischen Herrscher, säuberlich herausgeschnitten. Damit sind so ziemlich alle Ingredienzien und Personen des altägyptischen Königsdramas zwischen etwa 1370 und 1350 v.Chr. versammelt: Zwei königliche Frauen, ein Ketzer-König, ein schemenhafter Nachfolger, ein kindlicher Thronerbe und jede Menge Fragen. Jetzt scheint ein Ende der Rätselei in Sicht – vorläufig zumindest, denn die Ägyptologen haben eines gelernt: Überraschungen durch neue Funde oder verbesserte Forschungsmethoden sind in ihrem Fach obligatorisch. Die brennendste Frage seit fast 100 Jahren lautet natürlich: Wer ist die Mumie in dem Sarg? Wer war die Mumie, muss man genauer fragen, denn bei der dilettantischen Bergung des mumifizierten Leichnams – der unsägliche Theodor Davis wickelte ihn einfach aus – zerfiel er zu Staub. Die Wissenschaftler können nur noch das Skelett untersuchen. Die ersten Deutungen durch zufällig bei der Bergung anwesende Mediziner personalisierten die Knochen zu einer älteren Frau – wunderbar passend zum Wunschdenken Davis’, das Grab der Königin Teje gefunden zu haben. Schon die ersten professionellen Untersuchungen aber machten klar, dass die Knochen zu einen Mann gehörten. Seitdem wird – zum Teil erbittert – gestritten, wie alt der Bestattete bei seinem Tod war. Denn es wäre natürlich zu schön, wenn man mit diesem Leichnam endlich den bislang unauffindbaren Echnaton materialisiert hätte. Die ersten Datierungen der Knochen durch Anthropologen waren niederschmetternd: Sie diagnostizierten einen 23- bis maximal 25-jährigen Mann. Das wäre bei einer nachgewiesenen Regierungszeit Echnatons von 17 Jahren sehr knapp – danach hätte er seine Kulturrevolution im Kindesalter von 6 oder 8 Jahren losgetreten. In den folgenden Jahrzehnten wurde wissenschaftlich gefeilscht wie auf einem orientalischen Basar, nur drei oder vier Jahre mehr hätten Echnaton ja schon wieder möglich gemacht. Nicholas Reeves ist („sofern die Anatomen ihre Meinung nicht wieder ändern”) überzeugt, dass der Körper in KV 55 zu Echnaton gehört. Vor allem das archäologische Gesamtbild des Grabes bestärkt ihn darin. Jedoch zweifelt der streitbare Ägyptologe am Eton College für Ägyptische und Klassische Kunst an der Altersbestimmung: „Wie jung Echnaton zur Zeit seines Amtsantritts auch gewesen sein mag, so kann es angesichts der Reformen, die er beinahe unmittelbar darauf in Angriff nahm, doch nur schwer ein Kind von solcher Unreife – im Extremfall ganze sechs Jahre alt – gewesen sein.” Es sei denn, er war Spielball politischer Parteien am königlichen Hof. Reeves stützt sich in seinem gerade erschienenen ebenso kenntnisreichen wie provozierenden Buch „ Echnaton” bei der Altersbestimmung lieber auf Befunde eines Anatomen, die das Gebiss im Sarg einem Mann von Mitte 30, die Langknochen gar – nach einer „neuen Röntgenuntersuchung” – einem Mann jenseits des 35. Lebensjahres zuordnen. Wunderbar für die Echnaton-Fraktion. Aber diese Ergebnisse stammen aus dem Jahr 1988. Inzwischen hat die wissenschaftliche Neugier nicht geruht. Das allerneueste Gutachten stammt aus dem Jahr 2000 und lässt den KV-55-Mann wieder mit knapp über 20 sterben. Die Forscher konstatieren eine familiäre Ähnlichkeit mit Tutanchamun, die auch über die gleiche Blutgruppe belegt scheint, und sie erkennen ihn als Mitglied der königlichen Familie an. Renate Germer, Ägyptologin und Naturwissenschaftlerin, zieht in dem Ausstellungskatalog „Das Geheimnis des goldenen Sarges” Bilanz: „ Die übereinstimmenden Resultate, dass es sich um einen jungen Mann gehandelt hat, der etwa im Alter von 18 bis 23, maximal wohl 25 Jahren verstorben ist, und an dessen Knochen keinerlei Krankheitsanzeichen vorliegen, sollten nun akzeptiert werden.” Eine klare wissenschaftliche Forderung. Aber: Wer lag im Sarg von KV 55? Reeves verficht die Echnaton-These und findet in Marc Gabolde einen vehementen Mitstreiter, der – im selben Ausstellungskatalog – eine historisch-philologische Beweisführung antritt und Echnaton mit 26 oder 27 Jahren sterben lässt – was ja dann zeitlich wieder realistisch sein könnte. Alfred Grimm von der Münchner Ägyptensammlung weiß aus der Restaurierung der Sargwanne, dass der Sarg pompös und luxuriös für Echnaton angefertigt wurde. Dass jedoch die königliche Kartusche – und nur dieses Namenszeichen – behutsam herausgeschnitten wurde, belegt für ihn, dass Echnaton nicht darin gelegen hat. Sylvia Schoske, Direktorin des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst in München, will das auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sehen: „Der Sarg ist technologisch und von den Materialien her vom Feinsten. Das war eine Kostbarkeit, so was wirft man nicht weg.” Vermutlich war die Totenkiste, wie üblich, schon zu Beginn von Echnatons Regierungszeit gefertigt worden, entsprach dann nicht mehr seinen religiösen Vorstellungen und wurde beim Umzug des Hofes nach Amarna in Theben untergestellt. Nach Echnatons Tod gab es einige kurzlebige Nachfolger. Da kam der ausrangierte Sarg gerade Recht, als schnell ein Totenschrein „für dieses etwas seltsame Notbegräbnis in KV 55″ benötigt wurde, so Sylvia Schoske – man brauchte nur den Namen zu tilgen. Und wer war das dann? Schoske: „ Wir gehen jetzt doch davon aus, dass Semenchkare in dem Sarg gelegen hat.” Ein neues Rätsel. Über Semenchkare, jenen schattenhaften Pharao, weiß die Wissenschaft so gut wie nichts. Und so spekulieren selbst seriöse Forscher im besten Boulevardstil, Semenchkare könnte ein bislang unbekannter älterer Bruder Tutanchamuns, jener Prinz, den eine ägyptische Pharaonenwitwe vom hethitischen Großkönig Suppiluliuma I. schriftlich anforderte oder Nofretete selbst gewesen sein. Zur letzten These würden zwar die männlichen Knochen aus KV 55 nicht passen. Aber: Echnatons ebenso schöne wie geheimnisvolle Gemahlin als Nachfolgerin ihres Götter-Gatten – das ist der Stoff, aus dem selbst Wissenschaftler Träume spinnen. Der kühle britische Ägyptologe Nicholas Reeves hat dazu eine philologisch-komplizierte, aus seiner Sicht robuste Beweiskette geschmiedet – bislang will ihm allerdings noch kein Kollege so recht folgen. Und Echnaton selbst? Sylvia Schoske geht davon aus, dass der Revolutionär friedlich im Bett gestorben ist. Viel spricht dafür, dass er in seinem Grab in Amarna beigesetzt wurde. Doch dort hat man keine Mumie gefunden. Entweder ist die Anlage so brutal zerstört worden, dass von dem Leichnam nichts mehr übrig blieb oder – und darauf deutet einiges hin: Tutanchamun hat seinen Vater pietätvoll nach Theben umbetten lassen. Denn die zerstörerische Verfemung all dessen, was mit Echnaton zu tun hatte, setzte erst später ein. Sylvia Schoske: „Vielleicht wartet irgendwo im Tal der Könige ein kleines, unbedeutendes Grab, wie KV 55, auf seine Entdeckung – und es tritt Echnaton hervor.”
Michael Zick




