Queen Victoria, Regentin von Großbritannien und Irland, ging als „Witwe von Windsor” in die Annalen ein. Als ihr Mann Albert im Alter von 42 Jahren starb, begann für die Königin eine Trauerzeit, die bis zu ihrem eigenen Tod 40 Jahre später dauerte. Sie trug fortan Witwentracht, ließ Alberts Schlafzimmer in Windsor völlig unverändert und ordnete an, seine Betttücher und Handtücher regelmäßig zu wechseln. Am Esstisch war stets für den Verstorbenen mitgedeckt. Das – so sind sich die Psychologen einig – ist nicht die „normale” Art, um einen geliebten Menschen zu trauern. Üblicherweise vergeht der Schmerz mit der Zeit oder wird zumindest schwächer, wenn die Seele Trauerarbeit geleistet hat – eine Art angeborenes „Reparaturprogramm”. Bei Queen Victoria brachte die Zeit dagegen keine Linderung, und es gelang ihr nicht, sich mit der neuen Situation ohne ihren Ehemann abzufinden. Die Psychologen sprechen in diesem Fall von „ pathologischer” oder „komplizierter” Trauer. Die Betroffenen klagen etwa über intensive Verlassenheitsgefühle und darüber, dass das Leben keinen Sinn mehr habe. Symptomatisch ist auch, wenn der Hinterbliebene ständig über den Verlust spricht oder aber dieses Thema völlig meidet. Die Menschen neigen dann oft zu selbstschädigendem Verhalten, vernachlässigen ihre Arbeit, Freunde und Familie und entwickeln Schlaf- und Essstörungen sowie Depressionen. „Dazu kommen immer wieder auch körperliche Beschwerden wie Herzschmerzen”, berichtet Hansjörg Znoj, Psychologe an der Universität Bern.
Etwa 15 Prozent der Trauernden kommen nicht über den Verlust eines geliebten Menschen hinweg, nennt der Psychologe Allan Horwitz von der State University of New Jersey eine ungefähre Schätzung. Besonders oft sind es Eltern, die ihr Kind verloren haben, oder Hinterbliebene von Verstorbenen, die sich das Leben genommen haben. Auch ein plötzlicher oder gewaltsamer Tod kann den Abschied extrem schwer machen. Knapp die Hälfte der Angehörigen von den Anschlagsopfern des 11. September 2001 litt noch nach drei Jahren unter Symptomen der komplizierten Trauer.
BELASTUNGEN ERHÖHEN DAS RISIKO
Eine Theorie, die auch Znoj vertritt: Ob jemand extrem trauert oder sich nach einiger Zeit erholt, hängt unter anderem von der Bindung zur Mutter in der frühen Kindheit ab. Wenn sie oder eine andere enge Bezugsperson nicht feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht, kann die Bindung unsicher werden. „Das erhöht die Gefahr für komplizierte Trauer”, betont Znoj. Auch wenn jemand bereits vor dem Verlust an einer psychischen Störung leidet, ist das Risiko größer, mit der Trauer nicht fertig zu werden. Erst seit gut zehn Jahren ist unter Psychologen anerkannt, dass es eine krankhafte Art zu trauern gibt. Zwei Arbeitsgruppen legten 1997 und 1999 entsprechende Diagnosekriterien fest. Die Hirnforscherin Mary-Frances O’Connor von der University of California in Los Angeles lieferte kürzlich physiologische Belege dafür, dass bei einfacher und komplizierter Trauer im Gehirn unterschiedliche Mechanismen ablaufen.
In einer Studie untersuchte sie 23 Probandinnen, die Mutter oder Schwester durch Brustkrebs verloren hatten, 11 zeigten Symptome einer komplizierten Trauer. Alle Frauen sollten Fotos der Verstorbenen sowie mit Trauer assoziierte Wörter betrachten, die sich mit Fotos neutraler Personen und neutralen Wörtern abwechselten. Dabei maß ein Gehirnscan, welche Regionen in ihrem Kopf jeweils aktiv waren. Das Ergebnis: Betrachteten die Patientinnen mit krankhafter Trauer eine entsprechende Foto-Wort-Kombination, waren Neuronen im Belohnungszentrum, im Nucleus accumbens, aktiviert. Bei den normal Trauernden blieb das Belohnungszentrum dagegen stumm. Die Forscherin sieht hier eine erste Erklärung, warum manche Menschen sich so tief in ihre Trauer verstricken. „Ständige Trauergedanken können regelrecht süchtig machen”, so O’Connor.
Für eine Diagnose im Praxisalltag ist ein Hirnscan nicht geeignet, da die Kosten zu hoch sind. Und so bleibt es schwierig, die Trauerkrankheit von einfacher Trauer und anderen psychischen Störungen abzugrenzen – etwa Depressionen oder dem Posttraumatischen Belastungssyndrom, bei dem Menschen ein traumatisches Erlebnis nicht verarbeiten können. Oft treten diese Krankheiten auch gemeinsam auf. So leidet etwa jeder dritte kompliziert Trauernde auch an einer Depression.
GERINGE THERAPIE-ERFOLGE
Obwohl die komplizierte Trauer noch nicht in den psychologischen Handbüchern als Krankheit festgeschrieben ist – was Jahre dauern kann –, gibt es schon Therapieversuche. Erfolge misst man dabei anhand des „Trauer-Scores”. Er besagt, ob sich spezielle Symptome gebessert haben, etwa ob der Trauernde wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken kann. Insgesamt sind die Erfolge marginal. „Kompliziert Trauernde sprechen nicht auf Antidepressiva oder Psychotherapie an, auch wenn sich vielleicht einzelne depressive Symptome verbessern”, schrieb Richard Glass von der University of Chicago 2005 in der Fachzeitschrift Jama. Der Anlass war eine Studie von Katherine Shear, Psychologin an der Columbia University in New York.
Bei ihr erhielten 95 kompliziert Trauernde zur Hälfte eine interpersonelle Psychotherapie (eine Kurzzeittherapie mit psychodynamischen und verhaltens-kognitiven Elementen), wie man sie häufig erfolgreich bei Depressionen anwendet. Die andere Hälfte bekam eine spezielle Behandlung, bei der sich die Patienten erneut und im Detail mit den Umständen des Todes auseinandersetzen mussten. Die Therapie bestand aus 16 Sitzungen in 19 Wochen. Dabei wurden die schwierigen Aspekte des Todes bearbeitet, über die die kompliziert Trauernden nicht hinwegkamen. Das Besondere daran war, dass die Patienten nach Art einer Trauma-Therapie mit den Ereignissen immer und immer wieder konfrontiert wurden, indem sie die Todesumstände Revue passieren ließen und mit dem Verstorbenen Dialoge führten. Lediglich 28 Prozent der Teilnehmer profitierten von der normalen Therapie, aber auch nur 51 Prozent von der speziellen.
FALSCHE MEDIKAMENTE
Mithilfe der Hirnstudie von O’Connor kann man heute wenigstens erklären, warum Therapien größtenteils versagen. Antidepressiva etwa wirken nicht auf das Belohnungszentrum des Gehirns, wo Dopamin als Vermittler agiert, sondern im Serotonin-System. Die Psychologin Katherine Shear schloss: „Der Verstand weiß zwar, dass der Tote nicht mehr zurückkommt, aber die Gefühle können das nicht fassen.” Das Belohnungszentrum ist normalerweise bei einem angenehmen Reiz aktiv. „Deswegen ist es so wichtig, dem Patienten klar zu machen, dass der Tod endgültig ist”, meint Shear. Hoffnung gibt derweil eine noch nicht publizierte Studie der Münchner Psychologin Rita Rosner: 50 Patienten erhielten neben einer regulären Therapie eine spezifische Behandlung. In Interviews mussten sie etwa beantworten, was die schmerzhaftesten Aspekte des Verlustes waren. Sie sollten dabei lernen, ihre Beziehung zum Verstorbenen zu verändern. „Die Patienten mit der Trauertherapie schnitten bei den Trauerwerten deutlich besser ab” , meint Rosner. „Kompliziert Trauernde sollten sich auf jeden Fall professionelle Hilfe suchen”, rät die Psychologin.
Allerdings: Beim normalen Trauern kann eine Psychotherapie sogar schaden. So verlängerte sich die Trauerarbeit durch das Eingreifen eines Psychologen in einigen Studien, fand Barry Fortner, Psychologe an der West Clinic in Memphis, im Jahr 2000 in seiner Doktorarbeit heraus. In Fachkreisen vermutet man: Durch die vermehrte Auseinandersetzung mit dem Thema könnte der Verlust aktualisiert werden und so zu einer Verschlechterung des Zustands führen. Die Münchner Psychologin findet es nicht verwunderlich, dass normale Trauer keiner Therapie bedarf: „Sie kommt überall und in allen Kulturen vor.” Trauer an sich ist keine Krankheit, wie lange diskutiert wurde, sondern eine normale Gefühlsregung wie Freude und Ärger.
VERLORENE RITEN
Wie die schmerzliche Erfahrung, wie Leere, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit letztlich überwunden werden, ist individuell sehr unterschiedlich. „Das hängt vor allem davon ab, wie gut ein Mensch in seiner Kindheit gelernt hat, mit Stress umzugehen”, erklärt Hansjörg Znoj. Es ist zudem aus empirischen Studien bekannt, dass die meisten Menschen bei ihrer Trauerarbeit verschiedene Phasen durchlaufen. Gleichzeitig ist Trauer stark kulturell überformt. In manchen Gesellschaften, etwa auf Bali, ist es verpönt, öffentlich zu weinen, während zum Trauerritual in Montenegro stundenlange Klagelieder gehören.
In Deutschland sind allgemeingültige Trauerriten inzwischen verloren gegangen. Früher gab es etwa das „Witwenjahr”, in dem die Hinterbliebenen Trauerkleidung trugen und nicht wieder heiraten durften. Heute empfinden die meisten Menschen dieses Jahr als zu lang, wie eine Befragung durch Psychologen der Universität Mainz im Jahr 2003 ergab. Die ehemalige Cosmopolitan-Chefredakteurin Angelika von Hatzfeld, die ihren Mann verloren hat, formulierte es so: „Man soll als Witwe bitteschön schnell zum Alltäglichen zurückkehren. Trauer ist vielen einfach lästig, sie stört ihr hoch gepflegtes Leben.” ■
KATHRIN BURGER, Wissenschaftsjournalistin in München, verlor früh ihre Mutter und weiß daher sehr gut, was Trauer bedeutet.
von Kathrin Burger
KOMPAKT
· Wie ein Mensch trauert, hängt auch davon ab, welche Bindungen er als Kind erlebt hat.
· Es gibt eine pathologische Art der Trauer.
· Gedanken an den Verstorbenen können das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren.
LESEN
Hansjörg Znoj KOMPLIZIERTE TRAUER Fortschritte der Psychotherapie Hogrefe, Göttingen 2004, € 19,95
Jan Assmann, Franz Maciejewski, Axel Michaels (Hrsg.) DER ABSCHIED VON DEN TOTEN Trauerrituale im Kulturvergleich Wallstein, Göttingen 2005, € 34,–
Franz Wellendorf, Thomas Wesle (Hrsg.) ÜBER DIE (UN)MÖGLICHKEIT ZU TRAUERN Klett Cotta, Stuttgart 2009, € 32,90
RICHTIG TRAUERN und Helfen
Viele unterschätzen die Wucht der Trauer, die Verzweiflung und Leere. Man sollte darauf achten, dass man gut schläft, gut isst, vielleicht Sport macht – auch wenn das schwer fällt, rät der Berner Trauerexperte Hansjörg Znoj.
Viele Menschen haben zudem Mühe, den Tod zu akzeptieren. Das menschliche Gedächtnis ist darauf geeicht, dass immer das passiert, was man erwartet. Wenn der Partner aber nicht mehr zur Tür hereinkommt, dann dauert es, das Gedächtnis neu zu ordnen. „ Besuche am Grab helfen, sich immer wieder zu erinnern, dass der Partner tot ist”, meint der Psychologe.
Trauer läuft heute sehr isoliert ab. Das ist an sich nicht schlimm, denn der Körper steuert sehr viel von selbst. Aber das Fehlen der Gemeinschaft birgt die Gefahr, dass man sich verliert. Gewisse Rituale regulieren Gefühle und erleichtern die Trauerarbeit.
Die Trauerreaktion ist ein Stresszustand, der sehr individuell abläuft. Mitunter verliert man dabei die Gabe, sich in andere hineinzufühlen. Das kann dazu führen, dass man sich vorübergehend vom Partner oder von den Eltern entfremdet, auch wenn diese ebenfalls unter dem Verlust leiden.
Bei der Unterstützung von trauernden Freunden sollte, so Znoj, nicht schnell getröstet werden mit Worten wie „Das wird schon wieder!”. Man sollte das Geschehene vielmehr ansprechen, etwa: „ Es tut mir furchtbar leid, dass dir so etwas passiert ist, ich kann es selbst kaum fassen.” Ablenkung ist ebenfalls hilfreich, denn Trauer ist sehr anstrengend. Auf einem Ausflug oder im Kino lassen sich neue Kräfte sammeln.





