Für den Gürtel mussten es schon die schmucken Muscheln aus der Ägäis sein. Das Beil war nur akzeptabel, wenn es aus der Slowakei kam. Und das Messer bekam seinen Wert erst mit einer Klinge aus holländischem Feuerstein: Der Bandkeramiker von Welt wusste, was „ in” war. Wie Jugendliche heute Nike oder Adidas tragen, das Taschenmesser aus der Schweiz oder das Kostüm nur von Chanel sein darf – genauso markenbewusst lebte man schon vor 7000 Jahren in Deutschland.
Die Kultur der ersten Bauern in Mitteleuropa, nach der Verzierung ihrer Töpfe Bandkeramiker genannt, war über riesige Entfernungen – nämlich von der Ukraine bis zum Pariser Becken – erstaunlich einheitlich. Alle trugen das Gleiche und aßen aus demselben Geschirr. Über ein halbes Jahrtausend, von 5500 bis 5000 v.Chr., hielt diese Gemeinschaft, die als Volk nicht zu fassen ist, zusammen.
Wie die Steinzeit-Union funktionierte, untersucht Prof. Andreas Zimmermann von der Universität Köln. „Es handelt sich um ein Netzwerk aus gegenseitigen Verpflichtungen”, erläutert er. Der gute Kontakt wurde gepflegt durch Gaben, die mit entsprechenden Gegenleistungen vergolten werden konnten. Gedeihliche Nachbarschaft förderten die Steinzeitler wie wir heute: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.
Es gab Dinge, die man sich aus der Nähe besorgen konnte. Rote Farbsteine beispielsweise durften in keiner Siedlung fehlen. Die Frauen färbten sich mit dem Pulver das Haar leuchtend rot. Die Steine waren so wertvoll, dass man sie den Verstorbenen mit ins Grab gab. Dieser Rötel kommt in großen Mengen in den südlichen Mittelgebirgen Deutschlands vor. Gewisse Luxusdinge aber kamen von weit her: Die in der ganzen Jungsteinzeit an Rhein und Elbe hoch geschätzten großen Spondylusmuscheln stammten aus der östlichen Ägäis, 1500 Kilometer entfernt. Aus den handtellergroßen Muscheln wurden Armringe, Schmuckanhänger und Gürtelverschlüsse hergestellt. Und Radiolarit, ein leuchtend roter Feuerstein, kam aus Ungarn über 700 Kilometer in die ersten Bauernsiedlungen in Unterfranken.
Die Alpen scheinen für einzelne Transporte kein Hindernis gewesen zu sein. Der Geologe Alexander Binsteiner hat nachgewiesen, dass „Ötzis” Dolchklinge aus einem italienischen Silex-Bergwerk nördlich von Verona stammte (bild der wissenschaft 7/1995: „Ötzis Handelspartner”). Die Steinzeitler exportierten Messer von hier bis nach Niederbayern und in die Westschweiz. Um 3500 v.Chr., gegen Ende der Jungsteinzeit, gab es dann schon eine etablierte Route durch die Alpen.
Alexander Binsteiner hat darüber hinaus eine professionelle Handelsroute von Regensburg in die Prager Bucht ausfindig gemacht, wo in einer Grube mehr als 1000 Feuersteinbohrer aus Arnhofen gefunden wurden. Der agile Feuersteinforscher hat entlang der Flüsse Donau und Regen an 60 Plätzen Silex-Abfallhaufen gefunden, immer am Wasser, nie in der Nähe einer Siedlung. Nach Binsteiners Szenario verarbeiteten hier Feuersteinhändler, die streckenweise mit Einbäumen unterwegs waren, ihr steinernes Rohmaterial während der Rast zu gut verkäuflichen Fertigprodukten. Binsteiner propagiert seine „ Feuersteinstraße” als ältesten europäischen Handelsweg. Die Route hatte immerhin tausend Jahre Bestand.
An den Feuersteinen, aus denen die Menschen Messer und Rasierklingen, Beile und Pfeilspitzen fertigten, wird das Markenbewusstsein der Jungsteinzeitler deutlich. Obwohl es allerorten Silex irgendeiner Sorte gab, waren zu verschiedenen Zeiten nur bestimmte Fabrikate in Mode. „Eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist nicht erkennbar, überall gab es erreichbares Ersatzmaterial”, staunt der Kölner Steinzeitforscher Zimmermann. Die meisten Bandkeramiker brauchten weniger als einen Tagesmarsch, um an geeignetes Rohmaterial zu kommen.
Dennoch ist am Beginn der Jungsteinzeit, in der zweiten Hälfte des 6. Jahrtausends v.Chr., in weiten Teilen des Landes nur der Feuerstein aus Rijkholt bei Maastricht begehrt. In der anschließenden stichbandkeramischen Zeit wird der schön gebänderte Plattenhornstein aus Arnhofen bei Regensburg beliebt. Erst nach der Stichbandkeramik löst sich das strenge Markenbewusstsein auf, und es werden verschiedene Materialien verwendet, anstatt auf die Ware aus den renommierten Bergwerken zu warten.
Die Steine wurden ohne Straßen und Wagen transportiert, das Rad haben die Europäer etwa zeitgleich mit den Orientalen um 3000 v.Chr. erfunden. Der Steinzeitler nahm nur das mit, was er selber oder ein Rind auf dem Rücken tragen konnte. Große Mengen mussten sowieso nicht bewegt werden. Der Kölner Archäologe hat ausgerechnet, dass eine Familie pro Jahr nur etwas mehr als ein Kilogramm Feuerstein brauchte, um die nötigen Werkzeuge anzufertigen.
Professionelle Lastenträger können bei einem Tagesmarsch von 30 Kilometern über 20 Kilogramm transportieren. Zimmermann: „Es musste also nur eine Person im Jahr nach Rijkholt geschickt werden, um den Bedarf von fast 20 Familien zu decken.” Bei solch geringem Verbrauch schickte sicher nicht jede Familie einen Vertreter zum Bergwerk. Der gemeinschaftliche Lastenträger konnte das überschüssige Steinmaterial an Freunde und Verwandte weitergeben oder in benachbarten Gebieten gegen andere Dinge eintauschen.
Die Forscher sind uneins, warum zu Beginn der Jungsteinzeit ein bestimmter Feuerstein fast 400 Kilometer weit zu den Abnehmern transportiert wurde. Die einen sprechen von kommerziellem, profitorientiertem Handel. Andere, wie Zimmermann, zweifeln daran, dass es ein Profitdenken wie heute gab: „Bei einer auf Dauer angelegten Geschäftsbeziehung kann das, was weitergegeben wird, den gleichen Wert haben wie die Aufrechterhaltung der Geschäftsbeziehungen selbst.”
Seine Ansicht wird bestätigt von Untersuchungen auf der Aldenhovener Platte bei Köln, der größten bisher erforschten Siedlungslandschaft der Bandkeramiker. Dort fanden die Archäologen ein dichtes Netz von Orten, die sich in Größe und vor allen Dingen in ihrer Rolle im Wirtschaftsgeschehen unterschieden. 30 Kilometer vom Bergwerk Rijkholt entfernt hatten offenbar nicht alle Bewohner des Landstrichs direkten Zugang zu den begehrten Steinen. Unbearbeitetes Material gab es vor allem in den größeren Siedlungen. In kleineren Dörfern überwogen dagegen die fertigen Werkzeuge.
Der Kölner Forscher ist überzeugt: „Gerade das feine Kontaktnetz zwischen den einzelnen Siedlungen verhinderte eine profitorientierte Weitergabe des Feuersteins.” Bekam man den Rohstoff nicht bei dem einen Nachbarn, ging man eben zum nächsten. So passierte es wohl auch, dass der Rijkholt-Feuerstein plötzlich als „mega-out” aus dem Markt fiel – das Bergwerk war mitnichten erschöpft. Zimmermann vermutet hier eine Störung der Tauschringe.
Vielleicht hatten die Bauern sich um die Weideflächen für ihr Vieh gestritten und wandten sich einem anderen Anbieter zu. Die Süddeutschen verfügten über einen hervorragenden Stein: Der gebänderte Hornstein aus Arnhofen bei Regensburg wurde Mode und überregional eingetauscht. Nur selten ist klar, womit die Steinabnehmer „zahlten”. Auf der Handelsachse von den Niederlanden in die Slowakei wurde eindeutig Rijkholt-Feuerstein nach Südosten geliefert, der Nordwesten bekam von dort ein anderes heiß begehrtes Mineral der Zeit: Amphibolit – ein besonders feinkörniger Stein, der nur in der Slowakei vorkommt. Aus ihm sind fast alle Dechsel – die kleinen Beile für die Holzbearbeitung – zwischen Thüringer Wald und Holland gefertigt worden. Andere Gegengaben sind vorstellbar, aber archäologisch nicht nachzuweisen: Von Kleidern, Haustieren bis hin zu gesammelten Heilpflanzen könnte vieles getauscht worden sein. Salz aus Österreich zum Beispiel spielte später eine große Rolle.
In welchem nahezu industriellen Maßstab Feuerstein abgebaut wurde, zeigt ein anderes Zimmermann-Projekt: das Silex-Bergwerk im bayerischen Arnhofen. Dessen qualitätsvoller Feuerstein wurde schon im 6. Jahrtausend v.Chr. genutzt, große Mode wurde er aber erst mit dem Beginn der stichbandkeramischen Zeit (4900 bis 4700 v.Chr.). In Siedlungen von Westfalen bis Niederösterreich und Tschechien verwendeten die steinzeitlichen Werkzeugmacher abrupt am liebsten die süddeutschen Steinknollen. Und die spezialisierte Arnhofener Feuerstein- Industrie lieferte zudem fertige Qualitätsprodukte – vor allem ihre extrem scharfen Erntesicheln und die langen Messer waren begehrt.
Das prähistorische Bergwerk ist durch den modernen Kiesabbau gefährdet. Die bayerischen Archäologen sichern mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft in hastigen Notgrabungen die steinzeitlichen Bergbauspuren. Bisher sind über 3000 Quadratmeter und mehr als 400 Schächte untersucht worden – ein Bruchteil des ursprünglichen Bergwerks.
In Arnhofen trieben die Steinzeitler im Laufe eines Jahrtausends mindestens 30000 Schächte in die feuersteinhaltige Erde. Bis zu acht Meter tief gruben sich die Bergleute mit Geweihhacken oder Holzspaten zum begehrten Gestein hinab. Die Schächte waren in zirka ein bis zwei Wochen fertig, die schmalsten nur 90 Zentimeter breit – das war für den durchschnittlich 1,60 Meter großen Kumpel der Jungsteinzeit völlig ausreichend. Die Abbaugruben lagen in Reihen akkurat nebeneinander. Zimmermann ist fasziniert: „Das spricht für eine geplante Arbeit, eine Parzellierung des Landes.” Offenbar wurden Zugang und Ausbeutung reguliert.
Das Ende der europäischen Feuerstein-Industrie kam mit einem neuen Werkstoff: Kupfer. Schon „Ötzi” besaß neben seinem Feuersteindolch eine Kupferaxt. Eine Zeit lang existierten die beiden Werkstoffe nebeneinander, bis der Feuerstein am Ende des 3. Jahrtausends endgültig von der Bronze abgelöst wurde. Die Feuerstein-Union, die über ein Jahrtausend ganz Mitteleuropa versorgt hatte, verschwand.
Die Suche nach Kupfererz führte zu einem Aufschwung von früher wenig beachteten Landschaften. Neue Wegenetze bildeten ein neues Handelsnetz – und das wiederum mit europäischen Ausmaßen.
KOMPAKT
• Das Handelsnetz der ersten europäischen Bauern reichte von der Ägäis bis in die Niederlande. • Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft – auch in der Steinzeit. • In Arnhofen bauten Kumpel vor 7000 Jahren in industriellem Maßstab Feuerstein ab, den Stahl der Steinzeit.
Almut Bick




