Hans Weinerth, Jahrgang 1935, gründete 1990 die SICAN-Gruppe und übernahm den Vorsitz der Geschäftsführung. Damit hat der Honorarprofessor der Technischen Universität Berlin zwar nicht das Metier Mikroelektronik gewechselt, wohl aber die Unternehmensgröße: Davor war der gelernte Elektroingenieur und Physiker an vorderster Mikroelektronik-Front im Elektronik-Riesen Philips tätig. Auf die Zukunft der Mikroelektronik in Deutschland angesprochen, beschwört Weinerth “unsere Innovationskraft und unseren spezifisch europäischen kulturellen Hintergrund” als einzige erfolgversprechende Überlebensstrategie. Dafür wiederum sei entscheidend, was die jungen Hochschul-Absolventen an Kenntnissen und Einstellungen mitbringen, wenn sie ins Berufsleben eintreten. Aus diesem Grund engagiert er sich als Vorsitzender mehrerer bundesweiter Kommissionen und Arbeitskreise seit Jahren für die Modernisierung der Ingenieur-Ausbildung.
Das Unternehmen SICAN Die “SICAN Gesellschaft für Silizium-Anwendungen und CAD/CAT Niedersachsen mbH” wurde 1990 auf Initiative der Bundesländer Niedersachsen und Hamburg sowie des Bundesforschungsministeriums im Wissenschaftspark Hannover gegründet. Dabei stand der Wunsch Pate, in Norddeutschland das Feld Mikroelektronik zu fördern. Das Unternehmen wird Ende 1997 etwa 300 Mitarbeiter zählen, dazu 250 innerhalb des SICAN-Verbundes in Hamburg, Erfurt, Jena, Braunschweig, Hannover (Universität) und Berlin-Brandenburg. Seinen Umsatz von zirka 100 Millionen Mark (1996) erzielt es mit der Entwicklung Integrierter Schaltungen und Mikroelektronik-basierter Systeme. Die Schwerpunkte der SICAN liegen auf Telekommunikation und Datentechnik.
bild der wissenschaft: Herr Prof. Weinerth, die vor anderthalb Jahren eingeweihte Dresdener Halbleiter-Fabrik von Siemens wurde in der Öffentlichkeit euphorisch begrüßt. Holt die Mikroelektronik hierzulande auf?
Weinerth: Ich will die moderne und leistungsfähige Dresdener Fabrik bestimmt nicht miesmachen. Dahinter stehen 2,7 Milliarden Mark an Investitionen. Aber man sollte die Relationen sehen: Allein im Jahr der Dresdener Einweihung, 1995, waren weltweit 40 Chipfabriken dieser Größenordnung geplant, 13 davon in Taiwan. Wegen des Preisverfalls auf dem Halbleitermarkt wurden einige davon auf Eis gelegt, aber 20 sind inzwischen gebaut. Um es klar zu sagen: Deutschland konnte seine Position in der Mikroelektronik im internationalen Vergleich gegenüber den siebziger Jahren gerade mal halten.
bild der wissenschaft: Sie führen eine Firma, die gegen diese Schwäche angehen soll – zumindest regional in Norddeutschland. Sehen Sie Erfolge?
Weinerth: Wir sind nur ein vergleichsweise kleines Mikroelektronik-Unternehmen. Aber auf die Arbeitsplatzsituation in Norddeutschland hat unser Unternehmen schon positive Effekte gehabt. Die seit 1990 bei uns selbst geschaffenen Arbeitsplätze – wir steuern dieses Jahr im SICAN-Verbund auf die 550 zu – darf man getrost mit 5 multiplizieren, wenn man die Beschäftigungsimpulse bei unseren Anwendern einbezieht. Und das sind generell sehr sichere, modern strukturierte Arbeitsplätze.
bild der wissenschaft: Die Zahl der Arbeitsplätze sagt nicht alles. Hängen Sie am Förder-Tropf?
Weinerth: Wir haben 1990 mit 100 Prozent Förderung durch die öffentliche Hand begonnen. Aber derzeit erwirtschaftet die SICAN etwa 80 Prozent ihres Etats selbst. Unser Umsatz steigt jährlich um rund 50 Prozent. Laut Planung soll die öffentliche Finanzierung zehn Jahre nach der Gründung nahe Null liegen, und danach sieht es tatsächlich aus.
bild der wissenschaft: Sie werben mit der Aussage, einen wachsenden Anteil Ihres Umsatzes außerhalb Europas zu erzielen – mit welcher Strategie?
Weinerth: Wir nutzen unsere Chance als Dienstleister für Halbleiter-Hersteller und -Anwender. Seit Ende der achtziger Jahre spezialisieren sich einige Unternehmen darauf, die Schaltkreise für Chips am Computer zu konstruieren. Auch die SICAN wurde zunächst als reines Chip-Design-Haus gegründet, arbeitet aber inzwischen zu etwa zehn Prozent als Halbleiterfirma ohne Fertigung, als “Fab-less Semiconductor House”. Diesen Anteil wollen wir in den kommenden Jahren weiter steigern und müssen dazu Marketing und Vertrieb ausbauen. Damit ist gleichzeitig unser strategisches Hauptziel in einem Satz umrissen. Wir hoffen, unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter zu verbessern, auch in Fernost und in den USA.
bild der wissenschaft: Was hatten Sie bislang den US-Konkurrenten voraus?
Weinerth: Unseren Vorsprung bei “Asynchronous Transfer Mode” (ATM) und MPEG. Das sind zwei wichtige Verfahren, um Video- und Audio-Informationen schneller durch Datenleitungen schikken zu können, besonders für Multi- media-Anwendungen. Aufgrund unse- res Know-how können wir ATM- und MPEG-Schaltungen in kürzester Zeit den Kundenwünschen anpassen und kompakt auf Chips realisieren. Wir hatten uns schon in einem sehr frühen Stadium damit befaßt – so früh, daß andere uns den Vogel gezeigt haben. Ohne diesen Vorsprung hätte uns aber in den USA niemand auch nur zugehört.
bild der wissenschaft: Ist solch ein Vorsprung eine Frage des “Riechers”?
Weinerth: Ganz wesentlich ist es, ein interdisziplinär zusammengesetztes Team zu haben, in dessen Atmosphäre innovative Ideen nicht sofort niedergeknüppelt werden. Dieses Team muß hinreichend groß sein – schätzungsweise 50 Inge- nieure sind die “kritische Masse”.
bild der wissenschaft: Was die Kopfzahl angeht: Da sind Ihre Konkurrenten in Indien und Taiwan deutlich überlegen.
Weinerth: Ich kenne die Situation sehr wohl. In Indien beispielsweise sind Hunderte von Software-Ingenieuren in Fabriken zusammengefaßt. Eines der Unternehmen, die ich besucht habe, unterhält mehrere solcher Fabriken mit insgesamt 6000 Ingenieuren. Unsere indische Konkurrenz ist diszipliniert und technisch hervorragend ausgerüstet. Das Führungspersonal besteht häufig aus Indern, die in den USA ausgebildet wurden. Diese Firmen konzentrieren sich auf allgemeine Software und auf die weniger anspruchsvolle “Grundlast” der Chip-Entwicklung – zu Kosten, die bei etwa einem Drittel des Niveaus in den Industrieländern liegen.
bild der wissenschaft: Wie können Mikroelektronik-Entwickler in Deutschland den Kostennachteil ausgleichen?
Weinerth: Mit anspruchsvollen, komplexen System-Entwicklungen. Damit tun sich die Einrichtungen in den Schwellenländern sehr viel schwerer als wir. Andernfalls wäre auch die SICAN gar nicht lebensfähig.
bild der wissenschaft: Die Nachteile des Standorts Deutschland sind in aller Munde. Sehen Sie auch Vorteile?
Weinerth: Da ist fraglos unsere fundierte Ingenieur-Ausbildung zu nennen. Das ist eine von unseren Wettbewerbern unerreichte Stärke – die müssen wir, die muß Europa ausspielen. In Indien und Taiwan haben drei Viertel der Mitarbeiter in den Software-Fabriken einen “Bachelor Degree”. Der Bachelor entspricht – gemessen an der Ausbildungszeit – einem deutschen Hochschul-Vordiplom. Dagegen sind von den 250 SICAN-Mitarbeitern im Wissenschaftspark Hannover fast alle diplomierte Voll-Akademiker. Mehr als drei Viertel von ihnen sind Ingenieure, davon 20 Prozent promoviert und für anspruchsvolle Aufgaben entsprechend qualifiziert. So können wir trotz unseres deutschen Kostenniveaus auch im Ausland mithalten.
bild der wissenschaft: Wie erfahren eigentlich potentielle Kunden im Ausland von Ihrer Existenz – über Technologie-Beauftragte in den deutschen Botschaften?
Weinerth: Das wäre wundervoll. Aber wer von Deutschland aus auf dem Gebiet Mikroelektronik arbeitet und über Botschaften und Goethe-Institute Kontakte in den Gastländern sucht, muß Spießrutenlaufen. Ich habe das selbst auf Reisen in Japan und China erlebt. Man muß schon an sich halten, wenn man sieht, wie in unseren Vertretungen der Standort Deutschland fast vollständig über Goethe, Schiller und das Liedgut der Romantik dargestellt wird. Kein Wunder, daß man von Gesprächspartnern zu hören bekommt: “Kultur ist bei euch in Deutschland ja das Wichtigste. Von Mikroelektronik haltet ihr offenbar nicht viel.”
bild der wissenschaft: Was stört Sie daran?
Weinerth: Die negativen Konsequenzen. Ein Beispiel: Vor kurzem habe ich an der Universität in Singapur das Angebot gemacht, daß einige junge Mikroelektronik-Absolventen bei uns promovieren. Die Antwort – und das war kein Einzelfall! – tat mir richtig weh: “Mal sehen. Eigentlich schließen unsere jungen Wissenschaftler ja in Amerika ihre Ausbildung ab. Aber vielleicht finden wir einen, der auch nach Deutschland gehen würde.”
bild der wissenschaft: Wie ist Ihre Schlußfolgerung?
Weinerth: Daß wir erst dann einen Schritt weiter sind, wenn hierzulande der Gedanke Allgemeingut ist: Wir können uns nur soviel Kultur leisten, wie unsere Ingenieure zuvor an Lebensstandard erarbeitet haben.
Thorwald Ewe / Hans Weinerth




