Das Buch von Paul M. Churchland provoziert: Die Wahrnehmung und den menschlichen Geist will der amerikanische Philosoph allein auf den Hirnstoffwechsel zurückführen. Damit stellt er das abendländische Denken in Frage, nämlich die Vorstellung, daß Geist und Körper nicht mit einer Wissenschaft zu fassen seien. Genau das versucht Churchland zu tun: Mit Vektoren beschreibt er, wie in Verbänden hintereinander geschaltete Nervenzellen zusammen eine höhere Hirnleistung erzeugen.
Nach einem kurzen Blick auf den Stand der Hirnforschung geht es in der ersten Hälfte des Buches darum, was simulierte Neuronen-Netze heute schon alles fertigbringen. So können 1000 Neuronen zu vier Verbänden geordnet, unter zwölf Gesichtern ein einzelnes wiedererkennen – nach einigem Training, versteht sich. Andere Netze können Texte lesen und gesprochen wiedergeben. Wieder andere besitzen, indem sie den Output an den Input zurückmelden, eine Art “Kurzzeitgedächtnis”. Churchland ist sogar davon überzeugt, daß neuronale Netze im Prinzip auch soziale und moralische Aufgaben lösen können: Ethisches Verhalten ist für ihn mehr Wissen als Wollen.
In der zweiten Hälfte des Buches geht es darum, wann das Gehirn eine “Seelenmaschine” ist und was daraus für Wissenschaft, Philosophie und Gesellschaft folgt. Hier liegt Zündstoff für die allmählich anrollende Diskussion: Wie steht es mit der Verantwortung? Sind Mensch und Tier im Kopf gar nicht so verschieden? Vor allem aber: Wenn Bewußtsein das Kriterium ist, wo beginnt oder endet Leben? Eine entscheidende Frage für den Umgang mit Abtreibungen oder mit Patienten auf der Intensivstation.
Paul M. Churchland DIE SEELENMASCHINE Eine philosophische Reise ins Gehirn Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 1997 396 S., DM 58,-
Wolfgang Preßl




