Im 19. Jahrhundert war China, zuvor die führende Hightech-Macht, plötzlich ärmer als Afrika. Heute befindet sich das Land im Wiederaufstieg. Und der führt keineswegs zum Abstieg des Westens.
Man schrieb den 14.September des Jahres 1793, als Lord George Macartney, Gesandter Seiner Britischen Majestät König George III., sich seiner Sternstunde nahe wähnte: Mitsamt seiner Delegation erhielt er an diesem Tag die seit Jahren ersehnte Audienz bei Qianlong, Kaiser des Reiches der Mitte, am Hof in Peking. Sein wahres Ziel: erstmals Handelsbeziehungen mit China zu installieren. Sein angebliches Anliegen: dem Kaiser die Glückwünsche der britischen Krone zum 80. Geburtstag zu überbringen.
China stand zu jener Zeit im Zenit seiner Macht. Keiner seiner Vorgänger hatte jemals ein größeres Territorium beherrscht als Kaiser Qianlong (1735 bis 1796) aus der mandschurischen Qing-Dynastie – vom Amur im Nordosten und Tibet im Westen bis zur Grenze des tributpflichtigen Burma im Südwesten. Chinas Volkswirtschaft war die unumstritten größte der Welt und produktiver als sämtliche Länder Westeuropas zusammen. Der Export von Seide, Lack, Porzellan und Tee in den Westen blühte und brachte Geld ins Land. Das blieb dort – denn an Importen war China kaum interessiert.
Von ebenso wenig Interesse war für Qianlong und seine Hofbeamten, was schon seit Jahrzehnten jenseits des Horizonts, im fernen Europa, vorging. Dort griffen Innovationen im Denken, in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft um sich: Aufklärung, Liberalismus, industrielle Revolution mit Verbrennungskraft- maschinen und industrieller Massenfertigung. Die Europäer wollten ihre Waren nach China verkaufen. Sie drängten auf Handelsabkommen und auf Handelsmissionen in den Häfen des legendären Riesenreichs.
Jetzt, an diesem 14. September 1793, schien die Chance endlich gekommen – von Angesicht zu Angesicht mit dem obersten Repräsentanten Chinas. Um seiner Absicht Nachdruck zu verleihen, überbrachte Macartney Gastgeschenke, die Eindruck machen sollten – darunter wertvolle wissenschaftliche Instrumente. Hätte er allerdings die Schriftzeichen auf der Standarte lesen können, die ein Höfling vor der britischen Delegation vorantrug, wäre er ernüchtert gewesen: „Gesandter aus England, welcher Tribut bringt” , stand da.
Kaiser Qianlong lehnte ab. Diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen? Was konnten ihm die ungehobelten Langnasen schon bieten? „Wir haben nicht den geringsten Bedarf an den Manufakturwaren deines Landes”, beschied er König George III. in einem später verfassten Schreiben und forderte ihn stattdessen auf, „ewigen Gehorsam” zu schwören. Macartney kehrte unverrichteter Dinge nach Hause zurück.
China ruhte Ende des 18.Jahrhunderts auf den Lorbeeren einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Bereits seit 2000 Jahren, seit der chaotischen „Zeit der streitenden Reiche” (475 bis 221 vor Christus), war dies ein stabiler, in sich ruhender Staat. Gelehrte und der Erwerb von Wissen genossen traditionell größte Wertschätzung – der Nährboden für eine blühende Kultur, für Wirtschaft und Wissenschaft: Eisenguss, Stahl, Papier, Porzellan, Buchdruck, Schießpulver und Kompass waren im Fernen Osten sehr viel früher bekannt als in Europa. Auch das Beamtensystem war für damalige Verhältnisse überaus modern: Jeder konnte nach bestandener Prüfung in den Dienstadel aufsteigen – eine Auslese der Tüchtigsten ohne Standesschranken.
China leuchtete. Doch ab etwa 1450 schottete die Ming-Dynastie das Land immer stärker gegen Einflüsse von außen ab. Hofstaat und Aristokratie waren sich selbst genug, neue Gedanken wurden als Störung des Friedens betrachtet. Auch wenn das Land noch über drei Jahrhunderte lang seine Größe und seinen Einfluss bewahrte: Aus Stabilität wurde Verknöcherung. Viel zu spät kam 1898 ein Versuch von Kaiser Guangxu, das erstarrte System aufzubrechen: Die Konservativen am Hof stürzten den Kaiser und beendeten seine „ Hundert-Tage-Reform”. Guangxus Getreue wurden verfolgt, einige hingerichtet.
Doch da lag der fernöstliche Riese längst schon am Boden. Um ihre Handelsbilanz zu verbessern, hatten Amerikaner und Engländer ab etwa 1820 begonnen, in großem Stil Opium nach China zu schmuggeln. Als die Regierung in Peking 1838 das Opium verbot, zeigte sich, wie stark das Land zu diesem Zeitpunkt bereits technologisch abgehängt und damit wehrlos war: Mit dampfgetriebenen Kanonenbooten, die die großen chinesischen Ströme hochfuhren, zwangen die westlichen Mächte China, das Rauschgift weiter zuzulassen sowie Häfen und Märkte zu öffnen.
Hinzu kam, dass die Ernteerträge mit dem Bevölkerungswachstum nicht mehr Schritt hielten und die Menschen hungerten. Eine Reihe von Aufständen sowohl gegen die mandschurische Kaiserdynastie als auch gegen die Kolonialherren zerrütteten das Land noch weiter. „ China war zu jener Zeit ärmer als Afrika” – so beschreibt Konrad Seitz, Publizist und ehemaliger deutscher Botschafter in Neu-Delhi, Rom und Peking, das Desaster.
Noch 1820 war das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) Chinas fast anderthalbmal so groß wie das Westeuropas (229 Milliarden Dollar gegenüber 164 Milliarden). Dann kam der tiefe Fall: 1870 war das BIP der Staaten Westeuropas um mehr als das Doppelte auf 370 Milliarden Dollar gewachsen, während das chinesische auf 190 Milliarden geschrumpft war. Aus der stolzen Wissenschafts- und Wirtschaftsnation war ein kolonisiertes Volk von verarmten Opiumrauchern geworden.
Doch ein Jahrhundert nach dem Fall regte sich in dem geschundenen Riesen wieder Leben. Nach der Mao-Ära, die China nach den Wirren von Republik, japanischer Besetzung und Bürgerkrieg politisch wiedervereinte, setzte sich der neue starke Mann an der Staatsspitze, Deng Xiaoping, ein ehrgeiziges Ziel: Er wollte das Land auch wirtschaftlich wieder zu einer festen Größe in der Welt machen.
In den 30 Jahren seit Maos Tod am 9. September 1976 hat China ein schier unglaubliches Wirtschaftswunder vollbracht. „Wang qian kan”, „Nach vorne schauen”, lautete die Parole der Partei. Und China hat nach vorne geschaut – oder aufs Geld, was das Wort „ qian” anders betont bedeutet: Seit Deng auf dem dritten Plenum des 11. Zentralkomitees 1978 die Fesseln der Planwirtschaft gelockert hat, ist die chinesische Wirtschaft im Schnitt um neun Prozent pro Jahr gewachsen.
Vor allem zwei Reformen haben das chinesische Wirtschaftswunder ausgelöst. Die erste: In einem radikalen Bruch mit Maos Kurs der Autarkie öffnete Deng das Land nach außen. Den Anfang machte 1979 die Einrichtung von vier Sonderwirtschaftszonen im Süden, darunter Shenzhen nahe Hongkong. Diese Sonderwirtschaftszonen sollten zunächst Kapital aus der Nachbarschaft anlocken, aus Hongkong, Macao und Taiwan. Sie lösten aber eine Flut von weltweiten ausländischen Investitionen aus.
Dengs zweite wichtige Reform galt der Landwirtschaft. Um sie anzukurbeln, erlaubte er den Bauern, einen Teil ihrer Ernte frei zu verkaufen. Das löste einen Boom aus: Die Bauern entkollektivierten die Landwirtschaft und kehrten zu privaten Kleinbetrieben zurück – mit dem Ergebnis, dass in wenigen Jahren die Agrarproduktion um knapp zehn Prozent stieg. Mit dem Geld, das sie erwirtschafteten, gründeten die Bauern kleine Unternehmen und wurden so zum Motor des wirtschaftlichen Aufschwungs.
Von 1973 bis 1990 hat sich das BIP Chinas von 740 Milliarden auf 1,6 Billionen Dollar mehr als verdoppelt. Danach zündete der Aufschwung erst richtig: Von 1990 bis 2005 hat sich das BIP fast versechsfacht, auf 9,4 Billionen Dollar. Dazu trug bei, dass Ende 2004 das nationale Statistikamt Chinas die Wirtschaftsleistung des Landes neu bewertet hatte: Der Anteil der Dienstleistungen, hatten die Statistiker herausgefunden, sei bislang zu niedrig angesetzt gewesen und liege um 16,8 Prozent höher als angenommen. So fand sich China plötzlich auf Rang vier der Länder mit der weltweit größten Wirtschaftsleistung wieder – hinter den USA, Japan und Deutschland, aber vor Frankreich und Großbritannien.
Die Werkbank der Welt fertigt heute Konsumgüter für alle – und längst nicht mehr nur Christbaumkugeln oder Blechspielzeug. Günstige Kleidung, Fotokopierer, Autoradios, Computer, DVD-Player, Digitalkameras und Klimaanlagen, von Chinas Arbeitern zu niedrigen Löhnen hergestellt, bescheren auch dem Westen seit Jahren steigende Kaufkraft, ohne gleichzeitig die Inflation anzukurbeln. So errechnete die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley, dass US-Bürger durch Importe aus China im letzten Jahrzehnt 600 Milliarden Dollar gespart haben. 2006 exportierte China Waren im Wert von fast einer Billion Dollar, 27 Prozent mehr als im Jahr davor.
Die hinlänglich bekannte Kehrseite: Mit den Produktionskosten in Fernost können die Hersteller im Westen nicht konkurrieren. Fabriken im Westen werden geschlossen, Arbeitsplätze abgebaut. Angesichts dieser Entwicklung sehen Pessimisten schon den Untergang des Abendlandes heraufziehen. Asiens Aufstieg, orakeln sie, bedeute unseren Abstieg. China-Kenner Seitz widerspricht vehement: „Zu glauben, der Exportweltmeister Deutschland könnte zum Verlierer der Globalisierung werden, ist absurd”, kontert er.
Zwar werden tatsächlich in Europa Arbeitsplätze in der Massenproduktion abgebaut. Experten wie der Gießener Wirtschaftswissenschaftler Armin Bohnet sehen darin jedoch kein Zeichen nahenden Untergangs, sondern einen Anstoß für den unumgänglichen Strukturwandel zu Spezialprodukten: Präzisionsmaschinen, Medizintechnik, Produkte aus neuen, technologieträchtigen Industriezweigen wie der Nanotechnologie. „ Wir müssen”, sagt Bohnet, „den Wettbewerbern voraus sein, indem wir mehr Gewicht auf Bereiche legen, in denen wir als Ideengeber und als Entwickler neuer Technologien stark sind.”
Zudem sind die Globalisierungsgewinner China und Indien zu den wichtigsten Abnehmern für Produkte aus den westlichen Industrieländern geworden. So erwartet etwa der Flugzeughersteller Boeing, dass China in den nächsten 20 Jahren zum zweitgrößten Luftfahrtland der Welt nach den USA aufsteigt. Welche Chancen darin auch für westliche Flugzeugbauer stecken, allen voran für die Branchenführer Boeing und Airbus, erklärte Staatspräsident Hu Jintao im Frühjahr 2006: Bei einer Besichtigung des Boeing-Werks in Seattle sagte er, China benötige in den nächsten 15 Jahren 2000 neue Flugzeuge.
2006 importierte China immerhin Waren im Wert von 792 Milliarden Dollar, umgerechnet 610 Milliarden Euro. Nach Angaben der deutschen Bundesregierung ist Deutschland „mit Abstand Chinas größter europäischer Handelspartner”. In Zahlen: 2005 exportierten deutsche Unternehmen Waren im Wert von rund 21 Milliarden Euro nach Fernost. Das ist knapp das 80-Fache des Exportvolumens von 1972, als Deutschland und China diplomatische Beziehungen aufnahmen. „Hen deguo”, „sehr deutsch”, gilt auch in Fernost als Gütesiegel. So ist das Reich der Mitte heute drittgrößter Abnehmer von Maschinen und Anlagen aus Deutschland, nach den USA und Frankreich.
Und der Schritt nach Osten geht keinesfalls zwangsläufig mit Verlusten von Arbeitsplätzen in Deutschland einher. So will der Chemiekonzern Bayer in den nächsten Jahren in Shanghai für knapp zwei Milliarden Euro neue Produktionsanlagen bauen. 1200 Arbeiter sollen dort ab 2009 Kunststoffprodukte für die ganze Region Ostasien herstellen. Und das, nach Aussagen von Bayer-Vorstandschef Werner Wenning, ohne Auswirkungen auf den Standort Deutschland: „Wir bauen hier nichts auf, was wir in Deutschland stilllegen.”
Sollte Chinas Wirtschaft ins Stagnieren geraten oder gar zusammenbrechen, wären die Folgen unabsehbar – für China, aber auch für Deutschland und Europa. Ex-Botschafter Seitz glaubt sogar an eine Weltrezession, falls die chinesische Wirtschaft zusammenbräche. China ist bereits ein so wichtiger Teil der Produktionsnetze sowie ein Motor für die Wirtschaft hierzulande, dass eine Krise der chinesischen Wirtschaft nicht spurlos an Deutschland vorübergehen würde.
Fußangeln, über die China stolpern könnte, gibt es genug. Da sind etwa die Staatsbetriebe, deren Zahl mit rund 130 000 die der Privatunternehmen immer noch weit übersteigt. Aus manchen ehemaligen Kombinaten, etwa dem in Qingdao ansässigen Elektrogerätefabrikanten Hai’er, sind inzwischen hocheffiziente Betriebe geworden. Doch so mancher Koloss wird die Privatisierung kaum überstehen, und wenn doch, dann nicht ohne soziales Erdbeben.
Es ist ein Balanceakt, den die Regierung zu vollführen hat. Sie muss die ineffizienten Staatsbetriebe unbedingt modernisieren. „Doch dieses Unterfangen muss sehr behutsam angegangen werden, denn eine konsequente Restrukturierung würde den Verlust von zahlreichen Arbeitsplätzen nach sich ziehen”, beschreibt Monika Stärk, Geschäftsführerin des Ostasiatischen Vereins in Hamburg (OAV), das Dilemma.
Ein eng mit den maroden Staatsbetrieben zusammenhängendes Problem scheint hingegen inzwischen weniger drängend: die Gefahr, dass das Bankensystem zusammenbricht. Nach höchst erfolgreichen Börsengängen sind einige der Großbanken heute finanziell sehr gut ausgestattet, darunter die Industrial and Commercial Bank of China, die größte Bank Chinas: Ihre Kundenkartei ist größer als die Melderegister Frankreichs und Großbritanniens zusammen. Sie erlöste bei ihrem Börsengang in Shanghai und Hongkong im Oktober 2006 stolze 17,4 Milliarden Euro.
Keine Besserung ist bei den immensen Umweltproblemen in Sicht. China ist mit 3317 Millionen Tonnen (2005) bereits für den zweitgrößten Kohlendioxid-Ausstoß der Welt verantwortlich, nach den USA (5729 Millionen Tonnen). Zum Vergleich: Deutschland emittierte 2005 nur 854 Millionen Tonnen. Im Juni 2006 veröffentlichte die staatliche chinesische Umweltschutzbehörde einen Umweltbericht, den ersten seit zehn Jahren. Darin steht, die Umweltschäden im Lande schlügen mit jährlich zehn Prozent des BIP zu Buche. Im Klartext: Die Schäden an der Umwelt fressen das Wirtschaftswachstum auf.
Die Aussicht auf das schnelle Geld bringt manche Unternehmer dazu, ihre Fabriken ohne Rücksicht auf die Umwelt zu betreiben. Die lokale Bevölkerung jedoch ist immer weniger gewillt, die Zerstörung ihrer direkten Umwelt klaglos hinzunehmen. So sind Proteste im modernen China an der Tagesordnung – nicht nur wegen der Umweltzerstörung: Korruption von Beamten, Vertreibungen aus dem trauten Heim durch skrupellose Immobilienunternehmer, nicht gezahlte Löhne, schlechte Bedingungen am Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit – Anlass zur Unzufriedenheit gibt es zuhauf.
Die Regierung toleriert solche Proteste, solange sie lokal begrenzt bleiben und friedlich sind. Doch es kommt immer wieder zu Ausschreitungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei, sogar mit Verletzten und Toten. So erschossen Polizisten im Dezember 2005 im Dorf Dongzhou in der Provinz Guangdong drei Menschen nach einer Demonstration. Die Dorfbewohner hatten gegen Landenteignungen und unzureichende Entschädigungen protestiert.
Spekulationen, ob die sozialen Spannungen zu einem Bürgerkrieg eskalieren könnten, hält Margot Schüller, Wirtschaftswissenschaftlerin und Stellvertretende Direktorin des Hamburger Instituts für Asienkunde, für „Kaffeesatzleserei”: „Im Grunde hat die Zentralregierung alle diese Probleme – soziale Ungleichheit, Umweltverschmutzung, Zusammenbruch von Banken – bereits aufgegriffen.”
Peking werde an jeder Front aktiv, sagt Schüller: Die Börsengänge der Banken sorgten für ein finanzielles Polster, das vergrößert werde durch die immensen Devisenreserven des Staates von etwa einer Billion Dollar. Zum Vergleich: In deutschen Banken lagern umgerechnet etwa 115 Milliarden Dollar. Die Umwelt stehe ebenso auf der Agenda wie die soziale Schere zwischen Aufschwungsgewinnern und -verlierern, zwischen armen und reichen Provinzen, zwischen Stadt und Land. Keine Rede ist mehr von Deng Xiaopings Postulat, dass einige zuerst reich werden müssten, bevor alle von den neuen Zeiten etwas haben. „Nachhaltiges Wachstum” und eine „harmonische Gesellschaft” heißen die neuen Leitziele der Partei.
„Die Chinesen sind bereit, ihrer Führung zu folgen, wenn diese ihnen ein gutes Leben verschafft”, beschreibt China-Insider Konrad Seitz die Mentalität der Menschen im Reich der Mitte. Tatsächlich sind 400 Millionen seit dem Beginn der Reformen der Armut entronnen. Der Rest gibt alles, es ihnen gleichzutun. Was schwierig ist – denn nicht einmal das immense Wachstum Chinas reicht offensichtlich aus, um genug Arbeit zu schaffen.
Etwa 25 Millionen neue Arbeitsplätze, so Expertenschätzungen, braucht China Jahr für Jahr. Doch nur 11 Millionen kommen dazu. Eine paradoxe Situation: Die Wirtschaft wächst mit fast zehn Prozent im Jahr, und trotzdem gibt es immer mehr Arbeitslose. Den Herren in Peking bleibt kaum etwas anderes übrig, als das Wirtschaftswachstum mit aller Kraft voranzutreiben.
2006 verzeichnete die chinesische Regierung einen Handelsüberschuss von 177 Milliarden Dollar. Nur solange der Export blüht, wächst die Wirtschaft. „China braucht ein Mindestwachstum, um soziale Sicherheit zu garantieren und Arbeitsplätze für die wachsende Bevölkerung zu schaffen”, erläutert OAV-Geschäftsführerin Stärk. „Und das liegt nicht weit unterhalb der derzeit erzielten Wachstumszahlen.”
Dass Chinas Wirtschaft in absehbarer Zeit an Tempo einbüßt, scheint wenig wahrscheinlich. Im Gegenteil: „China dürfte auch in den kommenden Jahren weiter ein hohes Wachstum erreichen und bis 2015 – das Sozialprodukt in Kaufkraft zum Dollar berechnet – die USA überholen”, ist Seitz überzeugt. Damit hat das Land das ungeschriebene Gesetz für geschlagene Schwergewichtsboxer „They never come back” widerlegt.
„Die Chinesen, ein Viertel der Menschheit, sind aufgestanden”, hatte Mao am 1. Oktober 1949 verkündet, dem Tag der Staatsgründung der Volksrepublik. 30 Jahre nach seinem Tod greift China nach dem Platz, den das Land zwei Jahrtausende lang innehatte und der ihm nach Meinung seiner Bewohner auch zusteht: dem Platz an der Weltspitze. ■
WERNER PLUTA arbeitet als Technik- und Wissenschaftsjournalist in Hamburg. Ein Themenschwerpunkt des regelmäßigen bdw-Autors ist China.
Werner Pluta
Ohne Titel
• Durch Abschottung hat China ab etwa 1450 seine weltweite Führungsposition verloren.
• Mit Landwirtschaftsreformen und der Öffnung nach außen reformierte Deng Xiaoping das gebeutelte Riesenreich.
• Deutschland, wie Europa insgesamt, profitiert von Chinas Wiederaufschwung.
Ohne Titel
Chinas Handelsüberschuss – die Differenz zwischen Exporten und Importen – ist 2006 um 74 Prozent gegenüber dem Vorjahr in die Höhe geschossen: auf die Rekordsumme von 177,5 Milliarden US-Dollar (2005: 102 Milliarden Dollar). 2006 hat der neue Wirtschaftsriese Waren im Wert von 969 Milliarden Dollar auf den Weltmarkt geworfen und für 792 Milliarden Dollar Industriegüter und Rohstoffe eingeführt. Doch das seit Deng Xiaopings Reformen boomende Wachstum hat seine Kehrseite: Die Einkommensschere zwischen Stadt- und Landbevölkerung öffnet sich immer weiter.
Ohne Titel





