Für viele Athleten ist der Bereitstellungsraum vor einem großen Finale eine Art Folterkammer. Die acht Teilnehmer eines Olympia- oder Weltmeisterschafts-Endlaufs im Schwimmen oder in der Leichtathletik werden in einem Zimmer oder einem Zelt zusammengepfercht wie unruhige Rennpferde in einer Koppel und warten dort darauf, von einer Hostess feierlich vor die aufgeputschte Menge im Stadion geführt zu werden. Quälende Minuten – manchmal bis zu einer halben Stunde – vergehen, in denen die Sportler in höchster Anspannung zum Nichtstun verurteilt sind. So sitzen sie da, Angesicht zu Angesicht mit ihren Gegnern wie die Gladiatoren im Circus Maximus, die wussten, dass sie sich gleich gegenseitig massakrieren würden.
Michael Groß hat in seiner langen internationalen Schwimmkarriere viele solcher Räume gesehen. Das Unwohlsein, das schon der bloße Gedanke an sie bei manchen Athleten verursacht, kannte er indes nie. „Ich war vor einem großen Finale eigentlich immer gut gelaunt”, erinnert er sich. „Ich war immer zum Plaudern und Flachsen aufgelegt.” Doch die Lockerheit und freudige Aufgekratztheit des Deutschen wirkten auf die Gegner, die ohnehin oft schon entnervt waren, häufig provokant. Wer sowieso schon Angst vor dem Kampf gegen Groß im Wasser hatte, dem erschien der selbstbewusste Frankfurter spätestens im Bereitstellungsraum endgültig unbesiegbar.
Michael Groß hat nie einen Sportpsychologen in Anspruch genommen, wiewohl die achtziger Jahre, die Ära seiner großen Erfolge, eine erste Hochphase der angewandten Sportpsychologie waren. Michael Groß machte in sportpsychologischer Hinsicht instinktiv alles richtig. „Wahrscheinlich muss man sagen, dass ich auch hierin ein Talent war”, glaubt der heute 40-Jährige mit dem Abstand von 13 Jahren zu seinem letzten Wettkampf.
Dieses Talent würden ihm Experten ohne zu zögern bescheinigen. Prof. Hans Eberspächer von der Universität Heidelberg, einer der Pioniere der angewandten Sportpsychologie in Deutschland, begleitete schon 1976 die deutsche Olympia-Mannschaft nach Montreal. Eberspächer bezeichnet als Kernziel der psychologischen Vorbereitung im Hochleistungssport, dass sich der Athlet im entscheidenden Augenblick geistig ausschließlich im „Hier und Jetzt” befindet. „Ich darf nicht darüber nachdenken, wie viel ich trainiert habe, was von diesem Spiel oder diesem Lauf abhängt, was passiert, wenn ich gewinne oder verliere. Ein Fußballspieler beispielsweise darf nur daran denken, den nächsten Ball zu spielen. Damit wird dieser Ball das Wichtigste auf der Welt – und zugleich das Unwichtigste.”
Absolutes Gift sind das, was Eberspächer als „Bewertungsspiele” bezeichnet. Etwa, wenn ein Athlet sich bei Olympischen Spielen ständig sagt, dass dies der wichtigste Wettkampf der Welt und der wichtigste Wettkampf seiner Laufbahn sei. „Das ist völlig unprofessionell”, betont Eberspächer. „Es ist egal, ob ich beim Kreissportfest bin oder bei Olympia, ich muss das, was ich geübt habe, so gut tun, wie ich es in diesem Augenblick nur irgend kann, nichts anderes. Die Frage der Bedeutung und der Konsequenzen darf sich gar nicht stellen.”
Das hatte Michael Groß befolgt. „Ich war völlig ruhig bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften”, sagt Groß, der heute als selbstständiger Unternehmensberater arbeitet. „Ich konnte ja nichts mehr tun. Ich hatte mich gewissenhaft vorbereitet. Jetzt ging es nur noch darum, das abzurufen, was ich tausendmal geübt hatte.” Nicht einmal die Angst, dass es ausgerechnet jetzt misslingen könnte – jene Angst, die vielen Sportlern zum unerträglichen Druck wird – brachte Groß aus der Ruhe: „Ich wusste immer, dass das Leben auch weiter geht, wenn ich verliere.”
Groß hatte die Botschaft seiner Eltern verinnerlicht, dass der Sport eine schöne und wichtige Sache sei, aber niemals existenziell: „Ich habe immer gleichzeitig an meine Ausbildung, an die 50 Jahre meines Lebens nach dem Sport gedacht.” Dem Sport und somit dem Erfolg keine übermäßige Bedeutung beizumessen, stellte sich paradoxerweise als Erfolgsrezept heraus. „Der Athlet muss wissen, dass ihn niemand schief anschaut, wenn es mal schief geht, dass das keine Katastrophe ist”, sagt der Essener Psychologe Dr. Ulrich Kuhl, der in Athen die deutsche Schwimm-Nationalmannschaft betreuen wird.
Michael Groß beherrschte die sportpsychologischen Grundregeln perfekt:
• Freudige, nicht übernervöse oder – aus lauter Angst – apathische Erwartung des Wettkampfes,
• gelassene Konzentration auf die anstehende Aufgabe,
• sich nicht unter Erfolgszwang stellen.
„Manche Sportler”, sagt Kuhl, „müssen hingegen sehr sehr hart arbeiten, um diese Einstellungen zu erreichen.” Voraussetzen darf man nicht, was Groß so selbstverständlich von der Hand ging. Die Situationen, denen Top-Athleten ausgesetzt sind, meint Eberspächer, sind extrem, vergleichbar mit den Belastungen von Chirurgen, Piloten oder Topmanagern. Zu einem bestimmten vorgegebenen Zeitpunkt zuverlässig eine Topleistung zu erbringen, gut zu sein, wenn es darauf ankommt, das ist für viele Sportler ein schier unüberwindliches Problem.
Psychologisch weniger begabte Athleten als Michael Groß leiden häufig unter dem „Trainingsweltmeister-Syndrom”: Ein Athlet bringt im Training oder bei Aufbauwettkämpfen Spitzenleistungen, wenn es jedoch darauf ankommt, versagt er. Kuhl konnte in seiner mehr als 20 Jahre langen Praxis als Sportpsychologe viele Trainingsweltmeister kurieren. Einer seiner heikelsten Klienten war zu Beginn der achtziger Jahre der Fußballclub Eintracht Trier. Saison um Saison rettete die Mannschaft nur mühsam den Klassenerhalt in der zweiten Fußballbundesliga, obwohl die Mannschaft eindeutig das Potenzial hatte, ganz vorne mitzuspielen. Doch statt den im Fußball üblichen Weg zu gehen und den Trainer zu entlassen, zog der Verein Ulrich Kuhl zu Rate.
Kuhl tat vor allem zweierlei. Zunächst brachte er die Spieler dazu, miteinander zu reden. Dadurch wurde manches Problem gelöst: So verließ ein Außenstürmer ständig seine Position, weil er aus dem Mittelfeld nie angespielt wurde. Der Mittelfeldspieler sagte hingegen, er spiele den Außenspieler nie an, weil dieser ohnehin nie auf seiner Position anzutreffen sei. Im offenen Gespräch konnten diese leistungshemmenden Missverständnisse geklärt werden.
Darüber hinaus stellte Kuhl nach vielen Gesprächen und Beobachtungen fest, dass die Mannschaft zu ängstlich spielte. Die Einstellung zum Spiel war ein doppelter negativer Druck, der die Spieler lähmte: „Wir dürfen auf keinen Fall verlieren.” Und: „Wir müssen unter allen Umständen gewinnen.” Je später in der Saison die Mannschaft auf einem schlechten Tabellenplatz stand, desto schlimmer hemmte sie sich durch die ungute Mischung aus Versagensangst und Erfolgszwang. Kuhl hatte eine einfache Lösung: Er empfahl dem Trainer, die Mannschaft zu risikoreichem Spiel zu ermutigen. Und untersagte ausdrücklich Trainer wie Mitspielern, auf eine mutige, aber misslungene Aktion mit Schimpfen oder Abwinken zu reagieren. Das Ergebnis waren viele risikoreiche Spielzüge, die zwar manchmal misslangen, aber immer häufiger zum Erfolg führten. Die Mannschaft kletterte vom 14. auf den 3. Platz.
Ein anderer Kunde von Dr. Kuhl war Thomas Rupprath. Der Schwimmer war der klassische Trainingsweltmeister: Die Trainingsdaten deuteten darauf hin, dass er das Zeug zur Weltspitze hatte, im Wettkampf blieb er jedoch deutlich hinter diesen Möglichkeiten zurück. Kuhl brauchte nur einige wenige Sitzungen mit Rupprath und dessen Trainer, Henning Lambertz, um das Problem zu lösen. Rupprath hatte den mutigen Schritt getan, sich als Schwimmer für das Profi-Dasein zu entscheiden. Seine Existenz hing davon ab, dass er Weltklasseleistungen zeigte und das vergegenwärtigte er sich während des Wettkampfes. Gedanken wie „Wenn ich nicht Rekord schwimme, muss ich wieder arbeiten gehen” schossen ihm durch den Kopf und lähmten ihn. „Es ging darum, mit ein paar einfachen Techniken wie Selbstgesprächsregulation und Autogenem Training diese Gedanken zu ‚parken‘”, so Kuhl. „Vereinfacht gesagt, haben wir den Dialog des Athleten mit sich selbst verändert.” Seither ist Rupprath ganz im Hier und Jetzt, wenn er auf dem Startblock steht, schwimmt Welt- und Europarekorde und holt Medaillen bei internationalen Meisterschaften. Und seine Sponsoren sind zufrieden.
Zur deutschen Schwimm-Nationalmannschaft wurde Kuhl von einem geholt, der ein ähnliches psychologisches Naturtalent ist wie Michael Groß. Ralf Beckmann wurde nach dem enttäuschenden Abschneiden der Schwimmer bei den Spielen von Sydney zum Cheftrainer berufen. Mit beinahe dem gleichen Personal, das in Sydney nur drei Bronzemedaillen gewonnen hatte, waren die Schwimmer unter Beckmann ein Jahr später bei der Weltmeisterschaft in Japan mit vier Gold-, sieben Silber- und acht Bronze-Medaillen eine der erfolgreichsten Mannschaften. Das Geheimnis: reine Psychologie.
Kuhl beschreibt Beckmanns Stil als „straff-locker”. Beckmann macht klare Zielvorgaben, schafft jedoch gleichzeitig ein Klima, „ in dem jeder seine Würde als Mensch behält, wenn es schief geht”. Erfüllt ein Schwimmer seine Vorgabe nicht, bekommt er von den Mannschaftskameraden einen Klaps oder wird in den Arm genommen. Und am Abend spricht der Cheftrainer in aller Ruhe mit dem Athleten, hilft ihm, das negative Erlebnis hinter sich zu lassen und sich auf das nächste Rennen zu konzentrieren. Alle Sportler nehmen Anteil an der Leistung der anderen, Erfolge geben der ganzen Mannschaft Energie, Misserfolge führen nicht wie in der Vergangenheit zu einer Negativspirale, sondern werden aufgefangen.
Dass Beckmann allein mit psychologischem Fingerspitzengefühl die Schwimmer zu einem der stärksten Verbände im deutschen Sport gemacht hat, brachte den Schwimmverband dazu, noch mehr in diese Sparte zu investieren. Beckmanns Erfolg hat den Schwimmern gezeigt, dass in der Psychologie die größten Leistungsreserven verborgen sind. „Wenn wir bei 70 Prozent unseres Potenzials liegen, brauchen wir nicht über die Psychologie nachzudenken”, sagt DSV-Generalsekretär Jürgen Fornoff. Das war der Stand von 2000. Jetzt, so Fornoff, lägen die Schwimmer bei 90 Prozent ihrer Möglichkeiten, den Zugriff auf die letzten 10 Prozent soll Kuhl ermöglichen.
So möchten sich auch die Sportpsychologen selbst sehen: Nicht als „Feuerwehr”, wenn kein anderes Mittel mehr hilft, sondern als eine Art Spezialtrainer, die eine häufig vernachlässigte Leistungskomponente schulen und so brachliegende Potenziale freisetzen. „Der Mensch ist ein biologisch-ökologisch-sozial-mentales System”, sagt Eberspächer. „ Wenn ich mir anschaue, was in den vergangenen 50 Jahren in die Ausbildung der Physis, die Sportmedizin, die Biomechanik, die Verfeinerung der Sportgeräte investiert worden ist, und was andererseits in die Ausbildung des mentalen Bereiches investiert wurde, dann ist klar, wo noch die größten Potenziale liegen.”
Die Sportpsychologen wollen fest in den Betreuerstab eines Hochleistungssportlers integriert werden, neben Ärzten und Physiotherapeuten. Immer wieder betont Ulrich Kuhl, dass er seine Tätigkeit als „dauerhaft begleitend” sieht. Auch die Methodik von Hans Eberspächer beruht auf einer Integration der psychologischen Vorbereitung in den Trainingsalltag. In den vergangenen fünf Jahren haben die Sportpsychologen auf diesem Weg, die Anerkennung als normalen Bestandteil der Sportlerbetreuung zu sehen, große Fortschritte erzielt. Der Deutsche Sportbund hat eine zentrale Koordinierungsstelle eingerichtet, um Sportlern den Zugang zu Psychologen zu erleichtern und stellt den einzelnen Sportverbänden immer bereitwilliger Mittel für psychologische Betreuung zur Verfügung.
Inzwischen wird die psychologische Betreuung unter Sportlern und Trainern immer mehr akzeptiert: „Bei älteren Trainern haben wir noch mit Vorurteilen zu tun, die die Psychologie immer gleich mit persönlichen Problemen, mit der ‚Couch‘ in Verbindung bringen. Jüngere Trainer und die meisten Sportler gehen aber sehr unbefangen und offen mit uns um”, sagt Eberspächer.
Was nicht zuletzt auch damit zu tun hat, dass sich die Sportpsychologie als seriöse wissenschaftliche Disziplin etabliert hat. Als die sportpsychologische Praxis vor gut 20 Jahren erstmals eine Hochkonjunktur erlebte, betraten allerhand Scharlatane die Szene und versprachen Vereinen und Athleten Wunderdinge. Mittlerweile wird das Bild jedoch von Leuten wie Eberspächer bestimmt. Es gibt 20 Professuren in Deutschland, die Arbeitsgemeinschaft Sportpsychologie hat 240 Mitglieder und die Sportpsychologie ist für Sportstudierende Pflichtfach. In der Zeitschrift „Sportpsychologie” werden vierteljährlich empirische Untersuchungen zu Themen von der Wirkweise mentalen Trainings bis hin zur Rolle der Psychologie in der Rehabilitation veröffentlicht. Nur im absoluten Spitzensport, so Eberspächer, ist es schwierig, auf der Grundlage gesicherter Wissenschaft zu praktizieren: „Wir arbeiten mit Weltmeistern und Olympiasiegern. Da ist es kaum möglich, für eine Studie eine Vergleichsgruppe zusammen zu bekommen.” Die Praktiker verlassen sich hier nicht zuletzt auf die Erfahrungen der Kollegen aus beinahe 30 Jahren Praxis.
Unter Athleten und Trainern setzt sich indes die Einsicht durch, dass der psychologische Faktor bei wachsender Leistungsdichte den Ausschlag zwischen Sieg und Niederlage geben kann. „Wir können den Sportler dazu bringen, verlässlich das zu leisten, was er kann”, sagt Wolfgang Wölfle, der die deutschen Leichtathleten psychologisch betreut. Wie viel das konkret ausmacht, bei einem Olympischen Finale etwa, wagt natürlich kaum ein Psychologe zu quantifizieren. Zu viele Faktoren spielen bei einer sportlichen Spitzenleistung eine Rolle, als dass man sie isolieren und messen könnte.
Hans Eberspächer allerdings behauptet forsch, im Zweifel mache die Psychologie 100 Prozent aus. Zur Verdeutlichung sagt er, dass jeder Mensch auf einen Stuhl steigen könne. Der Sportpsychologe sorge dafür, dass der Mensch auch auf einem Zehnmeterturm auf diesen Stuhl steigen könne – sprich: dass er etwas, was er kann, auch unter besonderen Umständen könne.
Der Psychologe hilft ihm dabei, das Richtige zu tun, und nicht darüber nachzudenken, was passiert, wenn er herunter fällt. Und trägt somit dazu bei, dass er tatsächlich nicht herunter fällt. Einfach nur auf den Stuhl zu steigen, lernt der Sportler von seinem Trainer. Wenn er es aber nicht auf dem Turm schafft, nützt es gar nichts.
Doch hin und wieder kommt es vor, dass ein Sportler sich fragt, welchen Sinn all seine Plackerei habe. Das ist der Leistung nicht eben zuträglich. Manchmal kann der Psychologe helfen. „Aber ich habe schon Sportlern geraten, ihre Karriere zu beenden”, gibt Hans Eberspächer zu. Manch einer ist eben oft genug in zehn Meter Höhe auf einen Stuhl gestiegen. Und sehnt sich nach Tätigkeiten, die psychologisch weniger heikel sind. ■
Sebastian Moll ist freier Sportjournalist. Er lebt und arbeitet in New York.
Sebastian Moll





