Der Monsun ist eines der wichtigsten Klimasysteme der Erde. Die saisonal wiederkehrende Umkehr von Windfeldern beschert viel Feuchtigkeit im Sommer und sorgt so für regelmäßigen Regen. In Asien bestimmt der Monsun damit über das Schicksal von Millionen Menschen. Denn gravierende Abweichungen von den normalen Niederschlagsmengen können die Ernte in China, Indien, Bangladesh und anderen Ländern vernichten und Hungersnöte auslösen.
Wetteraufzeichnungen in Asien sind rar und reichen nur etwa 140 Jahre zurück. David M. Anderson von der Universität in Boulder, Colorado, Jonathan T. Overpeck von der Universität in Tucson, Arizona, und Anil K. Gupta vom indischen Institute for Technology in Kharagpur haben eine indirekte Methode gewählt, um weiter in die Vergangenheit vorzustoßen. Sie bestimmten die Änderung des Anteils von versteinertem Plankton in Sedimenten des arabischen Meeres entlang der Küste von Oman. Das Plankton der Art Globigerina bulloides macht 5 bis 40 Prozent der Sedimentproben aus. Die Forscher zerlegten die Bohrkerne in zwei Millimeter dicke Schichten und datierten sie mit einer in Geologie und Archäologie häufig angewandten Methode, indem sie das Verhältnis von Kohlenstoff-Isotopen bestimmten. Daraus zogen sie Rückschlüsse auf die Windgeschwindigkeiten des südwestasiatischen Monsuns in den vergangenen 1000 Jahren. Denn die winzigen Meeresorganismen gedeihen umso besser, je höher die Wellen schlagen, je stärker der Wind also bläst.
„Wir haben von Jahrhundert zu Jahrhundert erhebliche Unterschiede in den fossilen Schichten entdeckt”, berichtet Anderson. So blies der Monsun zwischen 1200 und 1400 n. Chr. relativ stark. Im 17. Jahrhundert wurde er deutlich schwächer und erreichte vermutlich sein Minimum der letzten 10000 Jahre. Europa erlebte damals eine besonders kalte Periode, die heute Kleine Eiszeit genannt wird. In den letzten vier Jahrhunderten, als die nördliche Hemisphäre sich erwärmte, nahm die Windstärke des Monsun stetig zu. Die Ursache dafür war – nach Modellrechnungen – eine Abnahme der mit Schnee bedeckten Flächen in Eurasien. Für den Zusammenhang zwischen dem Temperaturanstieg im Norden und dem Monsun im Süden hat Geologe Anderson gleich mehrere Erklärungen parat: Sie könnten beide mit dem Anstieg von Treibhausgasen, vulkanischen Aerosolen oder der Sonneneinstrahlung zusammenhängen.
Anderson hält jeden dieser Faktoren für plausibel, da sie alle größere Temperaturunterschiede der Luft über Land und Meeren verursachten, die Auslöser des Monsuns. In Asien wird der Monsun von der Temperaturdifferenz zwischen dem Tibetanischen Plateau, das Anderson mit „einer leeren Bratpfanne auf dem Herd” vergleicht, und dem Indischen Ozean gespeist.
Die Parallelen zwischen der Entwicklung der Temperatur auf der Nordhalbkugel und des Anteils von versteinertem Plankton in den Meeressedimenten vor der Küste Omans in den vergangenen 1000 Jahre sind verblüffend. Anderson und seine Kollegen vermuten daher, dass auch in den kommenden Jahrhunderten die Temperatur im Norden die Stärke des Monsuns beeinflussen wird. Ihre Ergebnisse stützten „die Hypothese, dass die Stärke des Süd-West-Monsuns im kommenden Jahrhundert zunimmt, wenn die Konzentrationen der Treibhausgase in der Atmosphäre steigen und nördliche Breiten sich weiter erwärmen”, resümieren die Forscher in ihrer Arbeit, die im amerikanischen Wissenschaftsmagazin Science erschienen ist.
Zwar ist zu befürchten, dass eine Zunahme des Monsuns zu mehr Bodenerosion, Dürren und Überschwemmungen führt. Katastrophengeschrei sei dennoch nicht angebracht, beschwichtigt Anderson. Extremereignisse in der Vergangenheit könne man von den Bohrkernen nicht ablesen. Und Aussagen, die vom Wachstum des Planktons abgeleitet würden, seien naturgemäß mit größeren Unsicherheiten behaftet als direkte Wetterbeobachtungen. Auf konkrete Prognosen mag Anderson sich daher nicht festlegen: „Ich bin Geologe und kein Spezialist für Vorhersagen.”
Wolfgang Blum




