Pierre Baron de Coubertin hatte Ende des 19. Jahrhunderts eine wunderschöne Idee. Der Historiker und Journalist propagierte ein neues Lebensideal, das persönliche Tüchtigkeit mit edlem Wettkampf verband: Sport um der Teilnahme willen, nicht ausschließlich um zu siegen. Gerade so, wie es die alten Griechen in den Olympischen Spielen der Antike vorgelebt hatten – glaubte er. Geld, Begierden und Egoismen sollten darin nichts zu schaffen haben.
Coubertins Idee von den Olympischen Spielen entstammte dem Reich der Sehnsucht nach edler Einfalt und stiller Größe. Unter seiner Hand entstand das verklärte Bild eines friedlichen Wettstreits, den eine Aristokratie unter sich austrägt, um die Besten zu küren. Nicht der Sieg sollte dabei das Wichtigste sein, sondern die Feier der Gemeinsamkeit. Der Erfolg des neuen Modells wurde von seinem Erfinder wohlkalkuliert: Seine Anleihen bei der Griechen-Verklärung seiner Zeit schmeichelte den gesellschaftlichen Eliten, die hier eine Chance sahen, Nationalismus mit universalen Werten und körperliche Ertüchtigung mit Moral zu verbinden.
Coubertin traf den Nerv der Zeit, als er mit den Olympischen Spielen ein Stück Antike ins moderne Leben zurückholte. Alle wichtigen Elemente, die er und seine Mitstreiter in das Gedankengut des „Olympismus” einführten, waren den Lebensidealen der führenden Schichten seiner Zeit entlehnt. Der „Amateur” sollte im Sport ein zweckfreies Handeln verwirklichen, in dem Charakter, Haltung und Lebensführung veredelt wurden.
Das Wort „Amateur” bezeichnet ursprünglich einen Kunstliebhaber, einen durch sein Einkommen abgesicherten Kenner des Schönen. Im Sport sollte nun auch der Liebhaber körperlicher Ertüchtigung eine Ästhetik der Existenz verwirklichen, die im modernen Berufsleben nicht mehr möglich ist, und sich auf diese Weise als Mitglied eines Ordens darstellen, einer „Aristokratie der Muskeln”. Zum Mitglied dieses neuen Adels wurde man durch Teilnahme.
Was dieses schöne Ideal verschwieg, war die Tatsache, dass schon zu Coubertins Zeit nicht jeder zu dieser Welt der Liebhaber Zugang erhielt. Ausgeschlossen wurden alle, die im Feld des Sports Geld verdienten (welch ein gewöhnliches Ziel!): die Sportlehrer, die Bootsbauer, die Soldaten ohne Offiziersrang (beim Reiten) und die Artisten.
Viel schwerer wiegt jedoch Coubertins falsches Griechen-Bild: Hätte er Nietzsches Schrift über Homers Wettkampf gekannt, wären ihm die Griechen als Paten seines Projekts höchst suspekt gewesen. Der griechische Wettkampf, schreibt Nietzsche, ist die Frucht von Neid, Eifersucht und Streit. Er kanalisiert den nachtschwarzen Willen, unbedingt der Erste und Größte zu sein. In der Antike ging es immer nur um den Sieg und um den Mythos des Siegers.
Ironie der Geschichte: Solange Coubertin die Kontrolle über die neuzeitliche olympische Bewegung hatte – 1896 fanden in Athen die ersten Spiele der Moderne statt –, folgte sie einem Ideal, das den griechischen Vorstellungen widersprach.
Die Teilnehmer an den modernen Spielen bildeten in den ersten Jahrzehnten eine kleine Gruppe. Sie durften es als Auszeichnung empfinden, dazu zu gehören. Ihre Besonderheit entstand daraus, dass sie sich gegen alle diejenigen abgrenzten, die ihrer elitären Welt nicht angehörten. Mit der Devise von der Teilnahme, die wichtiger sei als der Sieg, wurden die olympischen Sportler aufgerufen, sich „anders als alle anderen” zu fühlen.
Doch als der olympische Sport begann, Zuschauer in großer Zahl zu begeistern, wurde das Gewinnen immer wichtiger. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts bildeten sich die ersten Gemeinden von Bewunderern der Sporthelden. Seither haben diese Gemeinden nicht aufgehört, sich zu vergrößern – von Fan-Clubs bis zu ganzen Nationen, die ihre siegreichen Idole vergöttern.
Mit seinem Prinzip des Rekords, der einerseits als Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit angesehen wird, aber auch ständig zur Überbietung reizt, eignet sich der moderne Sport in idealer Weise zur Produktion von Helden. Immer wieder tritt ein neuer Athlet an, über die Grenze ins Gebiet des Menschen-Unmöglichen vorzustoßen.
In diesem kulturellen System, das den Sieger immer höher hebt, bleibt den Unterlegenen eine immer weniger wahrgenommene Rolle. Mit dem Vordringen der amerikanischen Wettkampfkultur, die weitgehend nach den Mechanismen des Showbusiness funktioniert, ist das Gewinnen heute erneut zur einzigen Sache geworden, die überhaupt zählt. Alle anderen sind „Loser”. Damit sind die modernen Spiele wieder im antiken Olympia angelangt. Baron Coubertin hatte nie wirklich eine Chance. Denn was dem Siegeswunsch zugrunde liegt, ist ein viel mächtigeres, zutiefst menschliches Motiv: das Bestreben der „Heiligung”, das sowohl in der griechischen Antike als auch in der Gegenwart stets präsent war und ist.
Im antiken Wettkampf kam dem Sieger die Aufgabe zu, das Opferfeuer zu entzünden. Er bildete eine rituelle Brücke zwischen den Menschen und den Göttern. Aufgrund seiner herausragenden Taten erhielt er eine Position, die ihn heiligte – zumindest in eine Mittelstellung zwischen Sterblichen und Unsterblichen rückte. Zu den Strategien, den allerhöchsten Nachruhm für immer zu sichern, gehörte die Stiftung eines Kults, in dem der Sieger offiziell verehrt wurde: Er erhielt dann gottähnliche Züge. Die Verlierer blieben namenlos.
Als den zuvor nie bildlich dargestellten griechischen Göttern erstmals in Form von Statuen eine leibliche Gestalt verliehen wurde, nahmen die antiken Bildhauer die vollkommensten menschlichen Gestalten ihrer Zeit zum Vorbild: die Olympiasieger. Das Bild der Götter wurde nach dem Bild der Helden des Sports entworfen. Die Religion integrierte so die Züge des Athletischen – und umgekehrt galt die körperliche Perfektion der Athleten als göttliches Merkmal.
Auch die Moderne stellt die großen Sieger unverkennbar in eine Position zwischen Mensch und Gott. In den sechziger und siebziger Jahren war der Boxer Muhammed Ali ein vergötterter Held, in Deutschland nimmt heute der Fußballspieler Franz Beckenbauer den Rang eines unantastbaren Halbgottes ein, und der Rennfahrer Michael Schumacher ist gerade auf dem besten Weg dorthin. Auch die Moderne verfügt über den Mechanismus der Heiligung, den sie aus der Spätantike und dem Mittelalter übernahm: die Heiligsprechung eines Menschen aufgrund seiner außergewöhnlichen Taten. Auch hier findet man wieder eine Erzählweise, die dem antiken Mythos in nichts nachsteht, wenn es darum geht, aus Menschen Heilige zu machen: die Legende.
Mit dem Erzählmuster der Legende wird die Figur des frühchristlichen Märtyrers im Sporthelden fortgesetzt. Am Anfang ist der Heilige ein unscheinbares Kind, bis ein einschneidendes Erlebnis seine Berufung sichtbar werden lässt und er sein erstes Wunder vollbringt. Danach beschenkt er sein Publikum mit seinen Erfolgen und erntet im Gegenzug Verehrung.
Das Legendenmodell hat lange im Sport gewirkt, etwa von den zwanziger Jahren bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als das Fernsehen die früher dominierenden Medien Zeitung und Radio durch die Live-Übertragung ablöste. Im Fernsehen kamen die Bilder der Athleten ihren Bewunderern immer näher. Im Gegenzug wurde der Mensch hinter dem Athleten-Fernsehbild immer entrückter: Die TV-Macher begannen die Sporthelden bewusst zu inszenieren.
War der Sportheld anfänglich eine Kopie des Heiligen im Milieu der Populärkultur, schloss er nun, in der Ära der TV-Berühmtheit, zu den kirchlichen Originalen auf und hat die Heiligen an Bekanntheit inzwischen sogar eingeholt. Er ist selbst zum Zentrum eines eigenen Glaubens geworden. Die Fußballer Oliver Kahn, Zineddine Zidane und David Beckham, der Golfer Tiger Woods, die Tennis-Schwestern Venus und Serena Williams – sie sind Kultfiguren.
Diese Spitzenkönner haben die Kunstfertigkeit trainiert, den Glauben ihrer Anhänger an sie zu bestärken und zu erhalten – durch die Art und Weise, wie sie sich in ihren inszenierten Aufführungen darstellen. Sie erzeugen Bilder von sich als Idole und liefern ihren Berichterstattern den Stoff für neue Erzählungen. Und sie wissen, dass ihr Publikum genau dies von ihnen erwartet.
Das Fernsehen hat daraus ein Geschäft gemacht – und nur der Held bewirkt, dass der Handel funktioniert. Er muss die Mythen zu Realität machen: um eine Hundertstel Sekunde früher die Ziellinie überqueren als die Verfolger, im Endspiel das entscheidende Tor markieren. Vor den Augen der Zuschauer erhält ihre Welt eine neue Schicht von Wirklichkeit. Sie wird durch den erfüllten Mythos verzaubert, und die Menschheit hat wieder einen ihrer Vertreter auf die Reise zu den Göttern geschickt. Neben der medialen Mythenmaschine braucht der Held seine Zuschauer. Ihre Wünsche nach Übermenschentum werden angestachelt, ihre Emotionen von den Medien auf Hochtouren gebracht. Die Fans zelebrieren Riten der Anrufung, von La-Ola-Wellen über das Schminken der Gesichter in Nationalfarben bis zu Treueschwüren auf riesigen Spruchbändern. Sie haben ihre Sinne für die Werbebotschaften geöffnet, die an sie gerichtet sind, kaufen die Schuhmarke ihres Helden, trommeln in der Arena die Erfüllung des Mythos herbei. Die Fans glauben an ihren Helden. Sie betteln darum, dass er stellvertretend für sie alle an der Unsterblichkeit und Herrlichkeit des Göttlichen teilhaben möge – kein Deut anders als im antiken Hellas.
Armer Coubertin. Gegen solch atavistische Mechanismen konnte sein naives Ideal nicht gewinnen. ■
Gunter Gebauer
Ohne Titel
Eingleisigkeit kann man Gunter Gebauer, Jahrgang 1944, nicht vorwerfen: Er hat in Kiel, Mainz und Berlin die Fächer Philosophie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Linguistik und Sportwissenschaft studiert. Seit 1978 ist er Professor für die Philosophie und Soziologie des Sports sowie seit 1995 Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin, wo er Mitte der achtziger Jahre das Interdisziplinäre Zentrum für Historische Anthropologie gründete. In vielen Büchern geht Gebauer der Inszenierung von Körperlichkeit in unserer Gesellschaft auf den Grund.





