Vor langer Zeit – sie war noch ein kleines Mädchen gewesen –, war Alice in ihrem Elternhaus durch den Spiegel über dem Kamin gestiegen und in das Reich der schwarzen Königin gelangt. Dort hatte sie fantastische Abenteuer erlebt. Nun waren Alices Eltern schon lange tot, und sie selbst war eine alte Frau geworden. Sie wohnte noch immer in dem Haus, das sie von ihren Eltern geerbt hatte. Auch der Spiegel hing noch über dem Kamin.
An einem verschneiten Wintertag holte sich Alice eine Trittleiter aus dem Keller, stellte sie vor den Kamin und stieg hinauf. Dann machte sie einen großen Schritt in den Spiegel hinein. Das Glas war wie ein weicher Nebelschleier, und ohne Mühe gelangte sie auf die andere Seite des Spiegels. Sie verließ das Haus, das hinter dem Spiegel lag, und ging in den Garten. Dort hatte sie bei ihrem letzten Besuch die schwarze Schachkönigin getroffen, die auf einem riesigen Schachbrett gestanden hatte.
„Du bist du ja endlich!”, sagte eine strenge Stimme. „Ich warte schon seit sechzig Jahren auf dich.” Dann trat die schwarze Königin hinter einem Baum hervor. „Guten Tag, Majestät”, sagte Alice höflich und versuchte einen Knicks zu machen, aber ihre alten Gelenke ließen nur eine leichte Verbeugung zu. Dann sah sie sich nach dem Schachbrett um, konnte es aber nicht entdecken. „Wo ist Ihr Reich geblieben, Majestät?”, fragte sie. „Komm mit!”, befahl die Königin und führte Alice hinter eine hohe Hecke. Dort befand sich ein kleines Schachbrett von drei mal drei Feldern, von denen jedes nicht breiter und nicht länger war als ein Schritt. „Da ist es”, sagte die schwarze Königin etwas verlegen. „ Auch auf dem Schachbrett werden die Zeiten schlechter. Mein Mann hat sich zur Ruhe gesetzt und züchtet Zwergkaninchen, und die Bauern haben eine Revolution gegen die Monarchie angezettelt und eine Republik gegründet.”
Vor dem Brett lungerten fünf schwarze und vier weiße Springer herum. „Achtung!” schrie die schwarze Königin. „Nehmt die Grundstellung ein!” Die neun Springer eilten auf das Brett und standen einen Moment später regungslos und immer abwechselnd schwarz und weiß auf dem Brett. „Achtung!” schrie die Königin wieder. „Nehmt Stellung 5 ein!” Einige Springer tauschten blitzschnell ihre Plätze, und Sekunden später standen wieder alle still. Danach ließ die schwarze Königin ihre Truppe noch verschiedene andere Aufstellungen einnehmen. Alice langweilte sich. „Majestät”, sagte sie. „Gestatten Sie mir eine Frage?” Die Königin nickte gnädig. „Wie viele verschiedene Möglichkeiten gibt es denn, um vier weiße und fünf schwarze Springer auf ein 3-mal-3- Brett zu stellen?”, erkundigte sich Alice. „Das ist ein einfache Frage”, sagte die Königin. „Es sind genau stockundhutzig.” Die Zahl „stockundhutzig” hatte Alice noch nie gehört. In ihr keimte der Verdacht, dass die Königin sie sich nur ausgedacht hatte, weil sie die Antwort nicht wusste.
Wissen Sie, wie viele verschiedene Stellungen die Springer einnehmen können, wenn alle, die sich nur durch Spiegelungen oder Drehungen des Musters unterscheiden, als gleich gelten?
So machen Sie diesen Monat mit
Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des Verlags und deren Angehörigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Schicken Sie bitte Ihre Lösung auf einer Postkarte oder per E-Mail bis zum 30. November 2014 an:
bild der wissenschaft, Kennwort „Cogito 11|14″
Ernst-Mey-Str. 8, 70771 Leinfelden-Echterdingen
oder per E-Mail an: cogito@konradin.de
Die Lösung und die Namen der Gewinner werden im Februar-Heft 2015 auf der Leserbrief-Seite veröffentlicht. Sonstige Zuschriften zu Cogito bitte an: wissenschaft@konradin.de
… und das gibt es zu gewinnen
Unter den Einsendern der richtigen Lösung werden drei großformatige (70 mal 57 Zentimeter) Kalender „Elements 2015″ ausgelost. Im antiken Griechenland galten die vier Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde als die Grundbausteine der Welt – und in unserer Wahrnehmung sind sie es bis heute geblieben, auch wenn die Elementarteilchenphysik etwas anderes besagt. Die künstlerischen Fotos des Kalenders zeigen eindrucksvolle Bilder von Naturphänomenen: nächtlich glühende Vulkane, dampfende Geysire, farbenprächtige Bergrücken, kunstvolle Felsformationen, Eis- und Nebellandschaften, grün spritzende Gischt. Manche Fotografien muten an wie außerirdische Szenarien. Mehr Informationen zum Kalender unter: www.delius-klasing.de





