„An der nächsten Kreuzung bitte rechts abbiegen”, tönt es aus dem Lautsprecher im Wagen. Die Stimme des Navigationssystems ist freundlicher als mancher Beifahrer. Und: Der elektronische Lotse verzeiht jeden Patzer. Biegt man einmal anders ab, als von ihm vorgeschlagen, berechnet er einfach blitzschnell eine neue Route. Das lästige Hantieren mit Straßenkarten und Atlanten während der Fahrt durch unbekanntes Terrain ist damit ebenso vorbei wie die Suche nach Ortskundigen am Straßenrand, die den Weg zum gesuchten Ziel erklären können.
Was für Segler oder Hobbyflieger längst selbstverständlich ist, wird auch bei Autofahrern immer beliebter. Das Marktforschungsinstitut TNS Emnid fand heraus, dass sich rund 60 Prozent der deutschen Autofahrer zwischen 18 und 40 Jahren ein Navigationssystem für ihren Wagen wünschen. Damit gehen die Zeiten endgültig zu Ende, in denen die von vielen liebevoll „Navi” genannten Systeme als Privileg für berufliche Vielfahrer und gut betuchte Lenker von noblen Oberklasse-Karrossen galten. „Das Navigationssystem wird mehr und mehr zu einem festen Bestandteil der Standardausrüstung von Neuwagen – nicht nur in der Mittel- und Oberklasse, sondern auch für Kleinwagen”, sagt Dr. Bernd Büchner von TNS Emnid.
Die Automobilhersteller folgen diesem Trend. „Rund 20 Prozent der Neuwagen von Mercedes Benz sind bereits mit einem Navigationssystem ausgestattet”, berichtet Dr. Ralf Herrtwich, Leiter des Bereichs Telematik und E-Business, Forschung und Technologie bei Daimler Chrysler in Stuttgart. In vier Jahren, glaubt Herrtwich, werden auf europäischen Straßen rund 20 bis 30 Millionen Autos mit Navigationssystemen unterwegs sein. Auch die Analysten der Marktforschungsagentur Diebold sind vom Erfolg der Zielfindungssysteme überzeugt. Ihre Prognose: Bereits im Jahr 2005 wird jeder zweite Neuwagen über ein solches Gerät verfügen. Das Marktvolumen soll bis dahin auf rund sieben Millionen verkaufte Navigationssysteme pro Jahr steigen. Es gibt kaum Fahrzeugmodelle, für die kein Navigationssystem als Ausstattung angeboten wird. Auch Fahrer älterer Wagen können oft problemlos nachträglich einen elektronischen Lotsen installieren.
Dabei haben sie die Wahl zwischen zwei Varianten von fest einzubauenden Systemen. Die einfachere Lösung besteht aus einem Gerät, das in den Schacht fürs Autoradio eingesetzt wird. Solche Radio-Navigationssyteme sind eine Kombination des Routenfinders mit einem Radio und CD-, DVD- oder MP3-Player. Die Hinweise zur empfohlenen Fahrstrecke erhält der Fahrer durch Pfeilsymbole auf einem kleinen Display und per Sprachausgabe. Die elektronische Stimme neuer Fahrzeug-Navigationssysteme ist mittlerweile von einer echten Stimme kaum noch zu unterscheiden. Am Rande: Damenstimmen haben bei der Sprachausgabe das Rennen gemacht, denn sie bekamen bei Hörtests weitaus höhere Sympathiewerte zugesprochen. Die digitalen Straßenkarten für die Navigation liest das System von einer CD oder DVD.
Ein Radio-Navigationssystem ist ab 1200 bis über 2000 Euro zu haben – kein billiges Vergnügen. Mit Preisen zwischen 1500 und 5500 Euro noch deutlich teurer sind Zielfindungssysteme, die über einen großen – meist farbigen – Monitor verfügen. Dieser wird üblicherweise über der Mittelkonsole oder am Armaturenbrett befestigt. Auf ihm können die Hinweise zur Fahrtroute nicht nur in Form von Pfeilen dargestellt werden, sondern sie lassen sich auch als Kartenausschnitt oder sogar in einer dreidimensionalen Ansicht abbilden. Verbunden ist der Bildschirm mit einem Rechner, der die CD oder DVD mit den digitalen Karten enthält, die Position des Fahrzeugs bestimmt und die optimale Route berechnet. Die meisten neueren Navigationssysteme erlauben eine dynamische Navigation. Dazu nutzen sie Meldungen über Verkehrsstörungen, die von UKW-Rundfunksendern als kostenloser Zusatzdienst zum Radioprogramm ausgestrahlt werden. Der Traffic Message Channel, kurz TMC, liefert codierte Informationen über Baustellen und Staus, die das Navigationssystem für eine ständig aktualisierte Berechnung der Fahrtroute berücksichtigt. Erhält das System etwa die Mitteilung über einen Stau auf der gewählten Strecke, bietet es dem Fahrer eine Alternativroute an, um den Stau zu umgehen. Tests des ADAC belegen, dass die dynamische Navigation mit TMC hilft, die Fahrzeit um bis zu zehn Prozent zu verkürzen.
Das Fahrziel tippt man bei den meisten Systemen per Hand ein: Städte-, Straßennamen und Hausnummern oder die Postleitzahl des Zielorts werden über die Tastatur des Navigationsgeräts eingegeben. Nur wenige Geräte lassen sich bislang fast vollständig per Sprache bedienen – wie das AVIC 60 D von Pioneer. Zwar muss man die Adresse etwas mühselig Buchstabe für Buchstabe diktieren. Ein einmal gespeichertes Ziel kann man dann jedoch immer wieder mit seinem Namen abrufen.
Neben fest installierten Systemen lassen sich seit Ende 2000 auch PDAs als elektronische Beifahrer nutzen. Der Handheld-Computer muss dazu per Software zu einem Navigationssystem aufgerüstet werden. Eine ansteckbare GPS-Antenne sorgt dafür, dass der PDA stets weiß, wo sich der Wagen befindet. Wie bei den Radio- und Bildschirmsystemen ist auch mit dem PDA ein Navigieren per Sprachausgabe, Pfeilsymbolen oder Kartendarstellung möglich. Die Kartendaten lagern entweder im Speicher des PDA oder werden per mobiler Speicherkarte eingeschoben. Vorteil: Einen PDA aufzurüsten ist wesentlich günstiger als der Kauf eines „richtigen” Navigationssystems. Die passende Software kostet rund 400 bis 600 Euro. Interessant sind PDA-Systeme auch für Fahrer, die häufig den Wagen wechseln. Denn mit wenigen Handgriffen kann der PDA wieder ausgebaut und in einem anderen Fahrzeug installiert werden.
Dass es noch kleiner und billiger geht, beweist die Münchner Software-Schmiede Jentro. Das Unternehmen stellte im Februar das bislang erste Fahrzeug-Navigationssystem per Handy vor. Es besteht aus einem Java-fähigen Mobiltelefon, das im Auto mit einem GPS-Empfänger verbunden wird. Vor Antritt der Fahrt sendet der Fahrer Start und Ziel an eine Zentrale und lädt von dort die kompletten Routeninformationen auf das Telefon. Unterwegs wird er dann per Sprachausgabe und durch Symbole auf dem Handy-Display geleitet. Die Datenübertragung zwischen Handy und Servicezentrale erfolgt über eine schnelle GPRS-Verbindung, später soll dafür auch UMTS genutzt werden.
Ein Auto mit einem Navigationssystem der ersten Generation würden sensible Gemüter heute wohl fluchtartig verlassen: „Rechts” , „Links” schnarrte es Mitte der achtziger Jahre im blechernen Befehlston aus dem Lautsprecher. Ein einfacher Pfeil auf einem kleinen LCD-Display zeigte die Richtung an. Radsensoren lieferten dem System über die Umdrehungszahlen die Info über die zurückgelegte Wegstrecke, und ein Kreiselkompass zeigte die Fahrtrichtung an. Das gespeicherte Kartenmaterial war lückenhaft und lagerte auf einfachen Kompaktkassetten.
„Seit etwa 1980 sind Navigationssysteme ein Thema”, berichtet Wilfried Steins, der bei BMW an der Entwicklung der elektronischen Lotsen beteiligt war. Die ersten Systeme beschränkten sich allerdings auf die reine Positionsbestimmung. Erst 1989 stellte Blaupunkt unter dem Namen Travel Pilot IDS (Identifikation digitalisierter Straßen) auf der Berliner Funkausstellung ein serienreifes System mit Zielfindung vor. Ähnlich wie bei heutigen Systemen konnte der Fahrer auf einer digitalen Straßenkarte seine momentane Position und das Ziel auf dem Display im Armaturenbrett erkennen. Die Fachpresse jubelte: Nie wieder lästiges Hantieren mit Straßenkarten – und zeigte Bilder von Autofahrern, die Karten aus dem Auto warfen.
Ausführlichere Tests offenbarten aber schnell Schwächen, denn das digitale Kartenmaterial war ein Flickenteppich. Das System wurde zum Flop. Doch Blaupunkt erkannte das große Marktpotenzial für Fahrzeug-Navigationssysteme und blieb als einziger Anbieter in Deutschland am Ball. Erst 1994 fiel das Monopol, und der niederländische Philips-Konzern bot ein Konkurrenzprodukt an. Zu dieser Zeit konnte die Satellitennavigation per GPS-System, die zuvor dem Militär vorbehalten war, erstmals durch zivile Anwender genutzt werden, und die ersten flächendeckenden digitalen Straßenkarten kamen auf den Markt. Das brachte den Durchbruch für die Navigationssysteme. Die Entwicklungschefs deutscher Nobelfahrzeugbauer stellten den Navigationssystemen das Reifezeugnis aus und übernahmen sie in ihr Zubehörprogramm. Den Anfang machte BMW: Das Münchner Unternehmen baute 1994 in den Wagen der 7er-Reihe als erster Automobilhersteller ein Navigationssystem mit Zielführung ein. Mercedes-Benz folgte 1995 mit der S-Klasse.
Bis 1996 konnten die beiden Anbieter Blaupunkt und Philips sich den relativ bescheidenen deutschen Markt – pro Jahr wurden rund 40000 Geräte verkauft – aufteilen. Schon zu dieser Zeit erfolgte die Sprachausgabe in bester Qualität, und 1997 stellte der japanische Hersteller Pioneer mit dem AVIC-505 das erste Navigationssystem vor, das sich per Sprache steuern ließ. Verstehen konnte das System allerdings zunächst nur einfache Befehle, die der Fahrer ihm zuvor beibringen musste. Ab 1999 kamen die ersten in ein Autoradio integrierten Systeme auf den Markt. Die Verbindung mit dem Radio war gleichzeitig die Geburtsstunde der dynamischen Navigationssysteme. Seit 2000 liegen komfortable Systeme mit großen Farbdisplays im Trend. Vorreiter bei der Einführung neuer Technologien waren meist japanische Hersteller. So boten Kenwood und Pioneer die ersten Systeme mit DVD-Laufwerk und mit 3D-Darstellung an. Im Land der technikverliebten Japaner wird heute kaum noch ein System ohne diese Ausstattung verkauft. „Man bewegt sich auf dem Display durch eine virtuelle Welt aus stilisierten Fotos, Luftaufnahmen und dreidimensionalen Bildern”, schwärmt Michael Würtenberger, der bei BMW die Entwicklung von Fahrerinformationssystemen leitet.
Wohin die Reise geht
AUCH IN EUROPA werden 3D-Darstellungen und virtuelle Luftbilder bald in immer mehr Systemen auftauchen, glaubt BMW-Experte Würtenberger. Neben solchen technischen Spielereien haben die Entwickler vor allem die Schnittstelle zwischen Mensch und Gerät im Visier. Denn trotz aller Vorzüge haben Navigationssysteme im Fahrzeug bislang noch ein Manko: Der Blick auf das oft ungünstig positionierte Display lenkt ab, denn die symbolhafte Darstellung der Hinweise erfordert die Aufmerksamkeit des Fahrers. Daher wird für die neue 5er-Reihe von BMW, die in diesem Jahr auf den Markt kommt, ein „Head-up-Display” angeboten. „Bei ihm werden Navigationshinweise in die Windschutzscheibe eingespiegelt”, erklärt Würtenberger.
Forscher und Ingenieure bei Siemens VDO, dem Anbieter von Navigationssystemen der Marke VDO Dayton, haben eine andere, ebenfalls neue Form der Darstellung entwickelt: ein Display, das ein Videobild der realen Straße zeigt. Die Hinweise zur Navigation werden diesem Bild überlagert – zum Beispiel durch farbiges Markieren einer empfohlenen Fahrspur oder der Abbiegerichtung an einer Kreuzung. Das Videobild wird von einer Kamera aufgenommen, die am Rückspiegel im Wagen angebracht ist. Die Darstellung mithilfe der so genannten Augmented Reality, einer Überlagerung von realer und virtueller Welt, soll dem Autofahrer die Orientierung vor allem in komplexen Verkehrssituationen erleichtern. Bis das System marktreif ist, werden allerdings noch ein paar Jahre vergehen.
Der wohl wichtigste Trend bei der Weiterentwicklung heutiger Navigationssysteme ist die Vernetzung der elektronischen Verkehrslotsen mit Internet oder Mobilfunk. Einige Navigationssysteme mit Internet-Anbindung sind bereits zu haben – zum Beispiel das Online Pro von Becker oder das MS 5500 von VDO Dayton. Auch BMW bietet in der aktuellen 7er-Reihe seit November 2001 ein Online-Navigationssystem an. Damit kann man etwa E-Mails im Auto empfangen und verschicken oder Nachrichten abrufen. Zudem können unterwegs die Adressen von nahegelegenen Parkhäusern, Restaurants oder Hotels abgerufen, an das Navigationssystem übergeben und direkt angesteuert werden. Für rund 100 Parkhäuser in 11 deutschen Städten bietet BMW darüber hinaus die Möglichkeit, online abzufragen, wie viele freie Plätze gerade vorhanden sind.
In Köln können BMW-Fahrer im Rahmen des Projekts „Stadtinfo Köln” seit einigen Monaten sogar einen Platz im Parkhaus aus dem Auto heraus reservieren. In Zukunft soll noch mehr möglich sein. So drehen seit einigen Monaten Testwagen in Magdeburg ihre Runden, deren Navigationssystem bei der Parkplatzsuche nicht nur Angaben über freie Stellplätze, sondern auch die Verkehrsplanung der Stadt berücksichtigt. Das Navigationssystem weiß so jederzeit über die aktuell geschalteten Ampelprogramme oder Verkehrsbrennpunkte Bescheid – etwa bei Großveranstaltungen. Andererseits wird eine unnötige Verkehrsbelastung von Tempo-30-Zonen und verkehrsberuhigten Wohngebieten vermieden.
Ein entscheidender Vorteil künftiger Navigationssysteme ist in den Augen der Forscher ihre Nutzbarkeit für eine verbesserte Sicherheit auf den Straßen. Dazu wird der elektronische Lotse mit Telematik- und Fahrerassistenzsystemen verknüpft. Plötzliche Gefahren, zum Beispiel Nebelbänke, eine glatte Fahrbahn oder ein hinter einer Kuppe liegen gebliebenes Fahrzeug, soll das System frühzeitig feststellen und den Fahrer davor warnen. Dazu sollen die Autos selbst als Gefahrenmelder fungieren. Das Prinzip: Registrieren Sensoren im Fahrzeug eine mögliche Gefahr, meldet der Wagen dies sofort automatisch an eine Verkehrszentrale. Von dort werden dann umgehend alle anderen Fahrzeuge gewarnt, die sich auf demselben Streckenabschnitt bewegen.
Navigationssysteme sollen auch den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel erleichtern. „Dafür werden in Zukunft Bus- und Straßenbahn-Fahrpläne über das Navigationssystem abrufbar sein”, kündigt BMW-Entwickler Würtenberger an. Und auch wer seinen Weg, wenn er das Auto abgestellt hat, zu Fuß fortsetzen will, braucht auf einen elektronischen Führer bald nicht mehr zu verzichten. Man wird sich dazu einfach eine digitale Karte vom Navigationssystem im Auto auf einen PDA überspielen und mitnehmen können, der dann den Weg durch die Fußgängerzone weist.
Ralf Butscher




