Die soziale Herkunft bestimmt in Deutschland seit jeher die Karrierechancen von Wirtschaftsbossen und Juristen. Auch in der Politik zieht das Bürgertum zunehmend die Strippen. Und in der Wissenschaft? Dort kommt es ganz auf das Fach an.
Mit der Regierung von Angela Merkel wird Deutschland zum zweiten Mal nach 1966 von einer großen Koalition der beiden Volksparteien CDU/CSU und SPD geführt. Wenn man das damalige und das heutige Kabinett miteinander vergleicht, zeigt sich deutlich, wie sehr sich die politische Elite des Landes in ihrer sozialen Zusammensetzung verändert hat. 1966 wurde die Regierung von Kanzler Kurt Georg Kiesinger, dem Sohn eines kaufmännischen Angestellten, und Außenminister Willy Brandt, dem unehelichen Sohn einer Verkäuferin, geleitet. An der Spitze der anderen zentralen Ressorts standen Männer, von denen zwei aus kleinbürgerlichen, zwei aus bürgerlichen Verhältnissen stammten: Paul Lücke (Inneres) und Franz Josef Strauß (Finanzen) waren Söhne eines Steinbruchmeisters und eines Metzgers; Karl Schiller (Wirtschaft) und Gustav Heinemann (Justiz) die Kinder eines Ingenieurs und eines Krankenkassendirektors. Nur 2 der 6 wichtigsten Regierungsämter wurden von Repräsentanten des Bürgertums besetzt.
In der jetzigen Regierung ist es genau umgekehrt: 5 von 6 Spitzenpositionen haben Politiker inne, die aus bürgerlichen Verhältnissen stammen. Bundeskanzlerin Merkel kommt aus dem bildungsbürgerlichen Haushalt eines Pfarrers. Innenminister Schäuble hat einen Steuerberater zum Vater. Finanzminister Steinbrück stammt aus einer Architektenfamilie. Justizministerin Zypries ist die Tochter eines Unternehmers und Wirtschaftsminister Glos der Sohn eines Mühlenbesitzers und Landwirts. Lediglich Außenminister Steinmeier tanzt aus der Reihe: Er ist der Sohn eines Tischlers.
In der politischen Elite Deutschlands hat in den letzten 10 bis 15 Jahren ein grundlegender Wechsel stattgefunden. Traditionell war sie – mit Ausnahme der FDP – überwiegend kleinbürgerlich geprägt. Bei den früheren Bundeskanzlern macht nur Helmut Schmidt eine Ausnahme. Er ist der Sohn eines Studienrats, der wiederum das uneheliche Kind eines Kaufmanns war. Schmidts bildungs- und wirtschaftsbürgerliche Wurzeln verliehen ihm über Jahrzehnte eine Sonderstellung. Er gilt als die perfekte Verkörperung des „Elder Statesman”. Wer kann sich Männer wie Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Helmut Kohl oder Gerhard Schröder – die Kinder von Arbeitern, Angestellten, Beamten und kleinen Selbstständigen – als Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit” vorstellen? Sie repräsentieren vielmehr eine Gesellschaft, die jahrzehntelang von einer breiten Mittelschicht geprägt war.
Eine solche „Volksnähe” wird immer seltener. Beispielhaft dafür ist die Entwicklung in den drei großen süddeutschen Bundesländern. Die Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg (Günther Oettinger), Bayern (Edmund Stoiber) und Hessen (Roland Koch) sind die Söhne eines Wirtschaftsprüfers, eines Kaufmanns und eines Ministers. Im Vergleich: Ihre Vorgänger Erwin Teufel, Franz Josef Strauß und Walter Wallmann waren die Sprösslinge eines Bauern, eines Metzgers und eines Realschullehrers.
Die starke Verbürgerlichung der politischen Elite kommt nicht von ungefähr: Sie ist das Ergebnis tiefgreifender Veränderungen in der Gesellschaft und in der Struktur der großen Volksparteien. Die Bundesrepublik reißt in ihrer Mitte zunehmend auseinander – die Unterschiede zwischen Arm und Reich werden immer größer. In der Folge lässt auch die Bindungskraft von CDU/CSU und SPD spürbar nach: Noch nie haben diese Parteien bei einer Bundestagswahl so wenig Stimmen erhalten wie beim letzten Urnengang im September 2005. Außerdem verlieren sie kontinuierlich Mitstreiter. Die SPD hat heute noch gut 600 000 Mitglieder – statt ehemals über eine Million. Die CDU hat knapp ein Drittel eingebüßt – zurzeit zählt sie noch etwa 580 000 Mitglieder.
Die politische Elite gleicht sich in Deutschland immer mehr den anderen Eliten an, die schon immer überwiegend aus dem bürgerlichen Milieu stammten. Am stärksten gilt das für die Wirtschaftselite. Gut vier Fünftel der Vorstandsvorsitzenden der 100 größten deutschen Unternehmen kommen aus Familien größerer Unternehmer, leitender Angestellter, höherer Beamter und akademischer Freiberufler. Jeder zweite stammt sogar aus einem großbürgerlichen Elternhaus, hat also einen Großunternehmer, ein Vorstandsmitglied, einen hohen Beamten oder einen Angehörigen der Generalität zum Vater. Dieser Mechanismus funktioniert seit Jahrzehnten, ohne dass die Öffentlichkeit ihn richtig wahrgenommen hat. Charakteristisch dafür ist die Berichterstattung der Medien: Von den 11 Vorstandsvorsitzenden, die in den letzten 3 Jahren in den 30 DAX-Unternehmen neu berufen worden sind, wurde in der Regel nur über Klaus Kleinfeld, den neuen Siemens-Chef gesprochen. Er ist der Sohn eines Arbeiters, der zum Betriebsingenieur aufgestiegen war. Eine klare Botschaft: Jeder kann es an die Spitze schaffen!
In Wirklichkeit ist Kleinfeld aber die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Die eine Hälfte der restlichen zehn Vorstandsvorsitzenden kommt aus bürgerlichen, die andere Hälfte aus großbürgerlichen Verhältnissen. So war der Vater des Telekom-Vorstandsvorsitzenden Ricke sein Vorvorgänger, der Vater des Infineon-Chefs Ziebart war Vorstandsvorsitzender bei der Zahnradfabrik Friedrichshafen, und der Vater des BMW-Chefs Panke war Topmanager bei Siemens. Die „niedrigsten” Positionen, die Väter beruflich bekleideten, waren die eines Chefredakteurs und eines Richters.
Wie stark die soziale Herkunft den Karriereweg bestimmt, zeigen auch die Lebensläufe von 6500 promovierten Ingenieuren, Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern aus den letzten 50 Jahren, die am Institut für Soziologie an der TU-Darmstadt analysiert worden sind. Wer aus dem Haushalt eines leitenden Angestellten kam, hatte eine 10-mal so große Chance, in die Führungsriege eines Großkonzerns aufzusteigen, wie sein fachlich gleich guter Kommilitone aus einer Arbeiterfamilie. Wer einen Geschäftsführer oder ein Vorstandsmitglied zum Vater hatte, dessen Aussichten waren 17-mal so gut.
Leistung allein reicht also bei Weitem nicht aus, um Karriere zu machen. In der Regel muss man aus dem bürgerlichem Milieu stammen. Der Grund: In den Vorstandsetagen sitzen vor allem Kinder des Bürgertums, die Ihresgleichen suchen. Jemanden, dem sie vertrauen können – bei den vielen unsicheren und gewagten Entscheidungen, die täglich anstehen. Vertrauen ist hier nicht im Sinne eines persönlichen Vertrauens unter Freunden gemeint. Es bedeutet, dass man wissen muss, wie der andere „tickt”, wie er reagiert, wenn es hart auf hart geht. Dafür ist die gleiche oder eine ähnliche soziale Herkunft das sicherste Indiz. Sie bildet den Kern dessen, was man mit „die Chemie muss stimmen” meint.
In den Chefetagen der Wirtschaft zählen in erster Linie vier Kriterien:
• intime Kenntnis der gültigen Regeln,
• breite Allgemeinbildung,
• unternehmerisches Denken,
• Souveränität.
Intime Kenntnis der herrschenden Regeln bedeutet, dass man die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze kennt, dass man weiß, wie man sich kleiden muss und wie man sich zu verhalten hat. Viel wichtiger aber ist eine breite Allgemeinbildung. Man sollte sich nicht nur in Kultur, Geschichte und Politik auskennen, also zum Beispiel den Expressionismus vom Impressionismus unterscheiden können, sondern bestenfalls in einem Gebiet Experte sein.
Unternehmerisches Denken zeichnet sich durch die Bereitschaft aus, Risiken einzugehen. Jemand, der aus einer Arbeiterfamilie stammt und eine riskante Entscheidung treffen muss, wird möglicherweise zögern, schon Erreichtes aufs Spiel zu setzen. Wer hingegen einen Großunternehmer zum Vater hat, weiß, dass es für ihn immer eine zweite Chance gibt – das ist sein entscheidendes Plus.
Der wichtigste Punkt aber ist Souveränität – das heißt, dass man mit all den Regeln und Maßstäben gelassen umgeht. Ein reizvolles Beispiel: Bei einem Gespräch mit der in den Neunzigerjahren erfolgreichsten deutschen Personalberaterin fiel mir auf, dass sie sich nicht an den strengen Kleidercode der Wirtschaft hielt: Sie trug einen grünen Minirock, der deutlich oberhalb des Knies endete, und eine in die Haare geschobene Sonnenbrille – eigentlich viel zu gewagt für eine „seriöse” Geschäftsfrau. Da ihr Vater aber Vorstandsvorsitzender eines Großkonzerns war, kannte sie ihre Klientel seit Kindesbeinen und wusste, wie weit sie gehen konnte.
Das zeigt: Man kann den bildungsbürgerlichen Kanon verletzen – und sich dadurch gekonnt in Szene setzen –, aber nur, wenn man weiß, dass man es tut, und wenn man begründen kann, warum man es tut. So souverän kann allerdings nur der agieren, der das Feld, in dem er sich bewegt, genau kennt. Wer sich als sozialer Aufsteiger mühevoll hochgearbeitet hat, wird – egal, wie viel Wissen er sich mittlerweile angeeignet hat – zumindest eines immer im Hinterkopf haben: das Gefühl „Vielleicht gibt es irgendwelche Geheimnisse, die ich nicht kenne, weil man sie nicht erlernen kann”. Allein dieses Gefühl verunsichert. Neben den Managern aus der Wirtschaft rekrutiert sich auch die Elite aus Verwaltung und Justiz zur Hälfte bis zu zwei Dritteln aus dem Bürgertum. In der Wissenschaft sieht es nicht viel anders aus. Zwar stellt sie seit der Bildungsexpansion in den Siebzigerjahren den sozial offensten Sektor hinter der Politik dar. Doch die Auswertung aller vorliegenden Studien – von denen allerdings keine im strengen Sinn repräsentativ ist – zeigt: Der Anteil von Bürgerkindern unter den Professoren liegt bei zirka 50 Prozent. (Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist der Anteil des Bürgertums bei 3,5 Prozent, jener des Großbürgertums bei 5 Promille.) Zwischen den einzelnen Disziplinen gibt es jedoch erhebliche Unterschiede. Fächer wie Medizin, Jura und Romanistik werden stark vom Bürgertum dominiert, andere wie Pädagogik und Maschinenbau sind eher kleinbürgerlich geprägt.
Bei den Spitzenwissenschaftlern ist die Tendenz ähnlich. Von den in Deutschland geborenen und aufgewachsenen 21 Nobelpreisträgern seit 1970 – 3 von ihnen sind inzwischen US-Staatsbürger – stammt gut die Hälfte aus dem Bürgertum. Die Forscher kommen beispielsweise aus den Familien von Prokuristen (Theodor Hänsch), Theaterdirektoren (Bert Sakmann) und Architekten (Christiane Nüsslein-Volhard). An erster Stelle stehen jedoch Professoren-Väter wie bei den Preisträgern Otto Fischer, Ernst Ruska und Wolfgang Paul.
Was die Forschungsbereiche der Nobelpreisträger (Physik, Chemie, Physiologie/Medizin und Wirtschaftswissenschaften) betrifft, gibt es, wie generell bei der Professorenschaft, deutliche Differenzen: Die Medizin bildet das eine Extrem, die Chemie das andere. Während in der Medizin kein Nobelpreisträger aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammt, sind es in der Chemie vier von fünf.
Bei Positionen, in denen Wissenschaft besonders eng mit Macht verbunden ist, liegt das Bürgertum eindeutig im Vorteil. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ernst-Ludwig Winnacker, ist der Sohn des langjährigen Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden der Hoechst AG. Der Präsident des Wissenschaftsrats, Karl Max Einhäupl, ist der Spross eines Architekten und Unternehmers. Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, und jener der Humboldt-Stiftung, Wolfgang Frühwald, komplettieren als Söhne eines Hoteliers und eines Elektroingenieurs das vom Bürgertum geprägte Bild.
Nicht nur in der Wissenschaft, auch in allen anderen Bereichen gilt: Je direkter eine Stellung mit Macht verknüpft ist, das heißt, je stärker man von ihr aus Einfluss auf gesamtgesellschaftlich wichtige Entwicklungen nehmen kann, desto größer ist der Anteil der Personen, die aus bürgerlichen beziehungsweise großbürgerlichen Verhältnissen stammen.
Die Spitzensportler und Unterhaltungsstars, die von den Medien gerne als „Elite” bezeichnet werden, sind sozial sehr heterogen und haben mit den Eliten im herkömmlichen Sinn so gut wie nichts gemein: Sie können keinen nennenswerten Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen. Außerdem mangelt es an gegenseitigen Verbindungen und Kontakten. Wann schon treffen Michael Ballack, Uschi Disl und Florian Hambüchen zusammen, und über welche wichtigen Entscheidungen würden sie sich unterhalten? Nicht zuletzt werden sich ihre Karrierewege niemals kreuzen, weil sie unterschiedlichen Disziplinen angehören. All das ist bei den Eliten aus Politik und Wirtschaft anders. In Frankreich, wo über 80 Prozent der Topmanager und über drei Viertel der Spitzenpolitiker aus bürgerlichen und großbürgerlichen Kreisen stammen und meist dieselben Elite-Hochschulen besucht haben, ist es alltäglich, dass Mogule aus Verwaltung und Politik in die Wirtschaft wechseln.
Welche Folgen eine solch enge Verbindung zwischen den Eliten hat, zeigt sich deutlich in Frankreich. Sie trübt den Blick für die Stimmung in der Bevölkerung, wie die Abstimmung über die EU-Verfassung im Mai 2005 gezeigt hat. Und sie begünstigt Absprachen „unter vier Augen” – das heißt letztlich auch Bestechlichkeit. So ist es für französische Verhältnisse nicht ungewöhnlich, dass die beiden letzten Wirtschaftsminister, Hervé Gaymard und Thierry Breton, wegen Korruptionsverdacht vor Gericht standen.
In Deutschland geht die Entwicklung in dieselbe Richtung. Nicht zuletzt aufgrund ihrer sozialen Zusammensetzung hat die CDU/CSU-Spitze viel zu spät begriffen, wie die Steuervorschläge von Paul Kirchhof bei den Wählern ankommen. Dem Kompetenzteam von Kandidatin Merkel, in dem neben Paul Kirchhof (Sohn eines Richters am Bundesgerichtshof) und Ursula von der Leyen (Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht), Wolfgang Schäuble (Sohn eines Steuerberaters), Edmund Stoiber (Sohn eines Kaufmanns), Günther Beckstein (Sohn eines Studiendirektors) und Peter Müller (Sohn eines Steuerberaters) überwiegend Großbürger- und Bürgerkinder saßen, fehlte das Gespür für die Bedürfnisse der Normalbevölkerung. Der konservative Publizist Alexander Gauland erklärt, die Eliten in Wirtschaft und Politik seien heute„so weit von der Krankenschwester entfernt, wie es ein Adenauer oder Erhard nie waren”. Dass Deutschland im Korruptionsindex der renommierten internationalen Organisation „ Transparency International” abgerutscht ist, passt gut ins Bild. Die Eliten werden zunehmend rücksichtsloser, wenn es um die Durchsetzung ihrer Interessen geht. ■
Michael Hartmann, Jahrgang 1952, ist Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Nach seinem vielseitigen Studium (Soziologie, Politik, Philosophie, Psychologie, Geschichte und Germanistik) in Marburg und Hannover leitete er mehrere DFG-Projekte – und stieß auf das Thema Elite. Ihm fiel auf, dass sowohl bei den klassischen Akademikern (den Juristen) als auch bei den Newcomern (den Informatikern) das Bürgertum in der Führungsriege dominiert. Die aktuelle Diskussion um die Einrichtung von Eliteuniversitäten ist ihm suspekt: Angeblich geht es um Leistung, in Wirklichkeit aber spielt die soziale Herkunft eine große Rolle. 2002 erhielt Hartmann den Thyssen-Preis für den besten sozialwissenschaftlichen Aufsatz.
Michael Hartmann
Ohne Titel
• Eliten orientieren sich am „Stallgeruch”: Sie bevorzugen Ihresgleichen.
• Politik und Wissenschaft waren bislang die sozial durchlässigsten Sektoren – auch Kleinbürger hatten eine Chance, Karriere zu machen.
• Mittlerweile hat sich auch hier das (Groß-)Bürgertum durchgesetzt.
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Michael Hartmann
ELITESOZIOLOGIE
Eine Einführung
Campus, Frankfurt 2004, € 14,90
Michael Hartmann
DER MYTHOS VON DEN LEISTUNGSELITEN
Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft
Campus, Frankfurt 2002, € 19,90





