Paläogenetiker und Anthropologen müssen demnächst ihre Uhr nachstellen. Schuld daran ist die Mutationsrate: Damit errechnen Molekularbiologen, nach wie vielen Generationen im Erbgut einer Art Veränderungen auftreten. Dank der molekularen Uhr haben Paläogenetiker in den letzten Jahren spektakuläre Untersuchungsergebnisse auf die Beine gestellt: Mensch und Schimpanse trennten sich vor 5 Millionen Jahren, vor 300 000 Jahren zweigte der Neandertaler vom Hominidenstammbaum ab, und vor rund 70 000 Jahren verließ der anatomisch moderne Mensch Afrika und breitete sich auf anderen Kontinenten aus.
Doch das Uhrwerk, das hinter diesen Ergebnissen tickt, geht falsch. Wie Untersuchungen im Oktober 2012 ergaben, ist die Mutationsrate beim heutigen Menschen um etwa die Hälfte geringer als bisher angenommen. Für die molekulare Uhr bedeutet das: Die geschätzten Werte für die Entstehung der Arten müssen weit in die Vergangenheit geschoben werden. Der Haken daran ist: Die Uhr geht nicht gleichmäßig. Der US-Biologe Francisco Ayala hatte bereits 1999 festgestellt, dass die Mutationsraten umso enger getaktet sind, je kürzer die Dauer einer Generation ist – also je schneller sich eine Art fortpflanzt. Umgekehrt gilt: Je größer eine Population ist und je mehr Individuen einer Art existieren, umso seltener kommen einzelne Mutationen zum Tragen.
Die beiden britischen Molekularbiologen Aylwyn Scally und Richard Durbin berechneten aufgrund der neuen Erkenntnisse die Trennung von Neandertaler und Homo sapiens neu: Nicht erst vor 300 000, sondern schon vor 500 000 Jahren, glauben sie, gingen die beiden aus dem Homo heidelbergensis hervor.





