Mike Farmer brach sein Studium ab, riskierte den Zorn seiner Frau und trotzte Todesdrohungen – und das alles für Steine mit dem Charme von Eisenbahnschotter. Sie finden sich überall in der Dreizimmerwohnung des 28-Jährigen. Sie bedecken häufchenweise den Esszimmertisch. Sie quellen im Wohnzimmer aus zwei grünen Stofftaschen, für die Farmer bei seiner jüngsten Reise 600 Mark wegen Übergepäck zahlen musste. Sie füllen eine Glasvitrine im Arbeitszimmer. Fast durchweg sind es graue oder braune Brocken mit einer schwarzen Kruste. Sie sind älter als die Erde und nicht von dieser Welt. Sie sind Meteoriten. Farmer ist ihnen seit fünf Jahren verfallen. Davor war der gemütlich wirkende Blondschopf ein normaler Student, dem nur zwei Scheine zu einem Abschluss an der Universität von Arizona in Tucson fehlten. Dann erwarb er auf einer Mineralien-Ausstellung einen Meteoriten. Der Stein war klein, zirka 30 Gramm schwer und ausgesprochen gewöhnlich. Doch er war Milliarden von Jahre durch das All geflogen, bevor er zufällig mit der Erde kollidierte und in Farmers Hand gelangte. Das begann den Studenten zu fesseln. „Früher sammelte ich Münzen. Aber Gegenstände, die Menschen vor 150 Jahren schufen, interessierten mich plötzlich nicht mehr.” Und ebenso wenig seine Unikurse in Lateinamerikanistik und Spanisch. Er brach sie ab und fing an für Tausende von Dollar Meteoriten zu kaufen. „Meine Frau war stinksauer. Wir hatten überhaupt kein Geld, und Meteoriten-Sammeln ist ein Hobby für Reiche.” Farmer ist nicht der Einzige, den Meteoriten faszinieren. Die Steine aus dem All gehören seit einigen Jahren zu den heißesten Objekten der Sammlerbegierde. Gewöhnliche Eisenmeteoriten aus dem Planetoidengürtel gibt es für ein paar Dollar, doch seltenere Exemplare – vor allem abgesprengte Stücke von Mond und Mars – kosten pro Gramm mehrere tausend Dollar. „Meteoriten sind extraterrestrisch und damit ,cool‘”, sagt David Herskowitz. Er ist naturhistorischer Experte des Auktionshauses Butterfield & Butterfield, das mit Meteoriten bereits hunderttausende von Dollar umgesetzt hat – vor allem seit Hollywood die Meteoritenbegeisterung mit Filmen wie „Deep Impact” und „ Armageddon” anheizte (bild der wissenschaft 9/1998, „Tödliches Finale”). Filmproduzenten kaufen die Steine aus dem All, um verwöhnte Schauspieler zu beeindrucken; reiche New-Yorker protzen mit ihnen auf dem Kaminsims. Und als NASA-Forscher 1996 verkündeten, im Marsmeteoriten ALH 84001 Spuren primitiven Lebens entdeckt zu haben – eine These, die sie kürzlich mit neuen Studien zu erhärten versuchten –, explodierte der Markt. Auf dem bisherigen Höhepunkt der Manie im Jahr 2000 versteigerte Herskowitz ein grammschweres Stück Mond für 30000 Dollar – rund der 3000fache Preis von Gold. Die Nachfrage prägte ein ganz neues Berufsbild: den professionellen Meteoritenjäger, der den Globus nach diesen Raritäten abkämmt. Neulinge haben freilich einen schweren Einstieg. Weltweit gibt es nur rund ein Dutzend Meteoritenjäger. Zusammen mit den Meteoritenhändlern bilden sie eine intime Bruderschaft, geprägt von Eifersüchteleien und Exzentrik. Da gibt es den Ex-Klempner, der heute wissenschaftliche Abhandlungen über Meteoriten verfasst und mit seinem Cowboyhut auf jeder Fachkonferenz auftaucht. Da ist der New-Yorker, der nur elegant geformte Meteoriten will. Und der ehemalige Gastwirt, der Meteoriten eine Zeit lang weit unter Marktwert verschleuderte, um die anderen zu ärgern. „Das Geschäft ist brutal, weil die Nachfrage größer ist als das Angebot”, sagt Farmer. Er beschloss dennoch, es als Meteoritenjäger zu versuchen. Und er hatte ein Vorbild direkt vor Ort: Robert Haag, ein 44-Jähriger mit dem Aussehen eines Rockstars und dem Überschwang eines Club-Med-Animateurs. „Haag ist der König”, sagt Farmer ehrfürchtig. So viel Respekt bekam Haag nicht immer. Langjährige Bewohner Tucsons kennen den Dauerredner noch aus den achtziger Jahren, als er in einem silbrig-engen Astronautenanzug die Einkaufszentren der Stadt abklapperte und Passanten beschwatzte, für fünf Dollar einen „Space Passport” zu kaufen. Der Weltraum-Tourismus stehe bevor, beschwor Haag die Einkaufsbummler. „Verlassen Sie die Erde nie ohne Pass!” Dann entdeckte Haag – Sohn eines Mineralienhändlers – die Faszination von Meteoriten und konnte jahrelang von nichts anderem mehr reden. „Diese Steine regieren dein Leben, Honey”, lacht Haag, der im Gegenzug mit seiner unwiderstehlichen Mischung aus Charme und Bauernschläue die Meteoritenwelt regiert. Sein knatterndes Auto tauchte in Amerika überall dort auf, wo es alte und neue Meteoriten zu finden gab. In Chile segelte er per Gleitschirm über die Atacama-Wüste und fand den Einschlagskrater des spektakulären, mit Halbedelsteinen durchsetzten Imilac-Meteoriten. In Ägypten wanderte er wochenlang durch die Sahara, in Argentinien landete er im Gefängnis – und freundete sich prompt mit den Wärtern an. Und von fast überall brachte er Meteoriten mit. Eines Tages erschien Haag etwa in Gibeon, Namibia, auf dem Schauplatz eines gewaltigen Meteoriteneinschlags Jahrzehnte zuvor. Das Gebiet galt als längst gründlich abgesucht. Haag marschierte in die Dorfschule. Er zeigte dem Direktor einen Mustermeteoriten und ein Bündel Dollars. Der Schulleiter ließ alle 400 Schüler an Haags Vorzeigeexemplar vorbeiparadieren. Ein paar Wochen später reiste der Amerikaner mit rund 200 Kilogramm neu entdeckter Fragmente ab. Heute steht Haags Haus auf der teuren Seite von Tucson, samt Boot in der Einfahrt und Swimming Pool im Garten. Doch der wahre Schatz liegt im Keller auf silber angesprühtem Isolierschaum: Eine der größten Privatsammlungen der Welt. Hier der erste Mondstein, der je in Privatbesitz kam, dort ein Marsmeteorit, auf den Haag zeitweise ein Monopol hatte. „Der hier lag einfach so in der chilenischen Wüste”, prahlt er und deutet auf einen kostbaren Imilac. „Eine Million Dollar, einfach so vom Himmel gefallen!” Haags sonnengegerbte Lachfalten und seine medienwirksamen Abenteuer waren vielleicht der Auslöser für den kometenhaften Aufstieg der Meteoriten in der Gunst der Massen. Haag selbst hat daran jedenfalls keinen Zweifel. „Wir haben die Meteoritensache ins Rollen gebracht.” Der ehemalige Weltraumpass-Verkäufer und heutige Millionär spricht von sich gerne im Pluralis Majestatis. Wissenschaftler beklagen allerdings, dass die „exzessive Kommerzialisierung” Meteoriten sackweise in den Trophäenschränken von Privatsammlern verschwinden lässt – und mit ihnen möglicherweise wertvolle Hinweise auf die Entstehung unserer kosmischen Heimat. „In Meteoriten ist die gesamte Geschichte unseres Sonnensystems enthalten”, sagt David Kring, international anerkannter Experte an der Universität von Arizona. Die meisten Meteoriten entstanden vor viereinhalb Milliarden Jahren im Planetoidengürtel zwischen Jupiter und Mars und durchliefen – anders als Erdgestein – nur wenige geologische Prozesse. Abgesehen von den rund 400 Kilo Mondgestein, das Apollo-Astronauten und ein sowjetischer Roboter mitbrachten, sind Meteoriten das einzige extraterrestrische Forschungsmaterial in menschlichen Händen. „Doch wenn ein reicher Bauunternehmer aus Hawaii und ein Forschungsinstitut den gleichen Meteoriten wollen, zieht die Wissenschaft meist den Kürzeren”, sagt Kring. Im schlimmsten Fall bekommen die Forscher von einem neu gefundenen Meteoriten nur ein paar Gramm – gerade genug um ihn zu klassifizieren und ihm somit Marktwert zu verleihen. Wollen sie mehr, sind sie zunehmend auf die Großzügigkeit der Meteoritenjäger und deren Kunden angewiesen oder müssen ihre früher gefundenen Meteoriten eintauschen wie doppelte Fußball-Sammelbildchen. „Aber wir können nicht alles tauschen, sonst haben wir bald selbst nichts mehr”, sagt Carleton Moore vom Center for Meteorite Studys der Arizona Staatsuniversität. „Ich kann nur hoffen, dass interessante Exemplare nicht ganz verloren gehen.” Sicher vor kommerziellen Rivalen sind die Wissenschaftler heute nur noch in der Eiswelt der Antarktis. Seit 1969 schwärmt hier regelmäßig ein internationales Forscherkonsortium aus, um die im Eis tiefgefrorenen Meteoriten zu bergen. Antarktis-Expeditionen sind teuer, und ein Schutzabkommen verbietet, die Funde zu vermarkten. Deshalb blieben die Forscher bislang nahezu ungestört, wenn sie zu Fuß oder per Schneemobil über die endlosen Weiten ausschwärmten. Jeder Fund wird sorgfältig geografisch vermessen und steril verpackt, bevor er zur Analyse in die klimakontrollierten Kammern der NASA geschickt wird. „Es ist unsere Pflicht, Meteoriten für die Forscher der Zukunft zu bewahren, die Instrumente haben werden, von denen wir heute nicht einmal träumen können”, sagt Geologieprofessor Harry McSween von der University of Tennessee. Doch solche Ermahnungen gehen leicht im Geklingel der Kassen unter. Als etwa der Preis für Marsmeteoriten in den vergangenen Jahren von 5 auf 1000 Dollar pro Gramm hochschnellte, begann ein Händler in New York Marsfragmente zu zermahlen und das grobe Steinmehl für 120 Dollar pro 20 Milligramm zu verkaufen. Doch Farmer versteht die Sorgen der Wissenschaftler nicht: „Die Forscher brauchen uns dringend.” Er hat sich einen guten Zeitpunkt für das Argument ausgesucht. Seit einer Stunde kraxelt er zwischen den glühend heißen Felsen der Wüste westlich von Tucson umher und sucht Meteoriten. Salamander huschen durch die ausgetrockneten Bachläufe, und gnadenlos brennt die Sonne auf staubige Kakteenwälder. So weit das Auge reicht bedecken Steine den Boden – theoretisch könnte jeder von ihnen ein Meteorit sein. Täglich wird die Erde mit rund 50000 Tonnen kosmischen Gerölls bombardiert. Der größte Teil davon ist so klein, dass er beim Eintritt in die Atmosphäre verglüht. Nur ein paar tausend größere Brocken schaffen es jedes Jahr bis auf die Erdoberfläche. Doch die meisten von ihnen versinken im Meer oder verschwinden für immer im undurchdringlichen Dschungel, in schroffen Gebirgen und unbewohnten Wäldern. (Die gute Nachricht ist, dass bisher nur ein extraterrestrischer Steinschlag tödlich war: 1911 traf ein Meteorit einen Hund in Ägypten.) Von denen, die – vor allem in Wüsten – landen, „würden die meisten ohne uns Meteoritenjäger überhaupt nicht gefunden”, argumentiert Farmer. Selbst Wissenschaftler geben ihm darin unwillig Recht. Nach Schätzungen der gemeinnützigen Planetary Studies Foundation werden heute selbst außerhalb der Antarktis bis zu fünfmal mehr Meteoriten gefunden als noch vor drei Jahrzehnten. An diesem Morgen allerdings bringt Farmers Suchexpedition nur ein paar Hautabschürfungen und einen Riesendurst – ein Ergebnis, das dem 28-Jährigen vertraut ist. Seine ersten Exkursionen als Meteoritenjäger plünderten sein Spesenkonto. Einmal etwa fuhr Farmer rund 800 Kilometer in einer Nacht, weil jemand in einem Städtchen in New Mexico einen Meteoriteneinschlag beobachtet hatte. Übernächtigt erreichte er den Ort am frühen Morgen – und musste beobachten, wie ein Rivale nur 50 Meter entfernt über ein Fragment des in der Luft explodierten Meteoriten stolperte. „Es war ein 400000 Mark-Fund”, erinnert sich Farmer. „Es bringt mich heute noch um, wenn ich daran denke.” Vielleicht hätte Farmer seinen Traum vom Meteoritenjäger irgendwann aufgegeben, doch dann las er im Internet eine kurze Meldung über einen frischen Meteoritenfall in Portugal. Er lieh sich 10000 Dollar und brach auf. Einen Tag später kam er in dem Dorf Ourique im Südwesten Portugals an und fand noch kleinere Fragmente im Einschlagskrater. Den Rest hatten die Dorfbewohner geholt. Farmer setzte sich in die Dorfkneipe, stellte seine Waage auf den Tisch, legte einen Stapel Dollarscheine daneben und bestellte das erste Bier. „Es dauerte nicht lange, da wusste das ganze Dorf, dass da ein verrückter Ami war, der die Steine vom Einschlag kaufte”, sagt Farmer. Die Dorfbewohner standen Schlange. Am Abend war Farmer pleite, doch er besaß nahezu jedes Bruchstück des frischen – und damit begehrenswerten – Meteoriten. Er verkaufte einen Teil der Steine, zahlte seine Schulden zurück und machte mit dem Rest bis zu 20-fachen Profit. Der endgültige Durchbruch aber kam im Januar 2001. Farmer traf afrikanische Beduinen, die ihm einen brotlaibgroßen, dunklen Stein anboten. „Sie wollten 11300 Dollar dafür, und beinahe hätte ich ihn nicht genommen.” Später stellte sich heraus: Es war ein Stück vom Mond – erst das neunzehnte, das je auf der Erde gefunden wurde. Der Stein war 15 Millionen Dollar wert. Farmer zersägte ihn – viele Stücke gab er den reichen Privatsammlern, die seinen Afrika-Trip gesponsert hatten, ein weiteres Stück spendete er der Forschung. Doch es blieb genug, um ein neues Auto zu kaufen und die Anzahlung auf ein eigenes Haus zu leisten – nur wenige Meilen vom Domizil des Meteoritenkönigs Haag entfernt. Plötzlich hatte sich alles gelohnt: Die scheelen Blicke der Sitznachbarn im Flugzeug, wenn Farmer ihnen erklärte, womit er seine Tage verbrachte; das verhasste Ziegenfleisch, das er stets höflich am Lagerfeuer der Beduinen herunterwürgte; die mehr als 60000 Dollar, die er im Jahr 2000 für Flugtickets ausgegeben hatte, nur um immer wieder mit leeren Händen zurückzukehren. „Ich bin so dankbar, so dankbar”, sagt Farmer. Neiderfüllte Rivalen stießen Morddrohungen aus, als sie vom Mondstein erfuhren, doch mittlerweile ist der junge Amerikaner überzeugt, dass keine Taten folgen werden. Und seine Frau meckert auch schon lange nicht mehr. Ständig fiebert Farmer darauf, dass irgendwo in der Welt wieder ein Meteoriteneinschlag beobachtet wird. Einmal hörte er um zwei Uhr nachmittags von einem Einschlag in Kanada. Er rannte zum Kleiderladen und kaufte – ein echter Südwestler, der stolz darauf ist, dass er gewöhnlich nie lange Hosen trägt – für 2000 Dollar Winterklamotten. Um fünf Uhr saß er im Flugzeug. „Der Nervenkitzel der Jagd – das ist für mich das Tollste.”
Kompakt
Die Suche nach Steinen aus dem All ist äußerst lukrativ. Das Geschäft mit Meteoriten entzieht die extraterrestrischen Dokumente der Wissenschaft, doch es kurbelt auch die Suche an.
Steine aus dem ALL
Meteoriten sind extraterrestrische Brocken, die den Eintritt in die Erdatmosphäre überlebt haben und aufgeschlagen sind – manche mit Geschwindigkeiten von 64000 Kilometer pro Stunde. Dabei ist ihre äußere Schicht geschmolzen und hat beim Abkühlen eine schwarze Kruste gebildet. Die Lichterscheinungen, die durch die außerirdischen Steine beim Flug durch die Atmosphäre erzeugt werden, heißen Meteore. Menschen konnten lange nicht akzeptieren, dass das All mit Steinen wirft. Viele glaubten, dass mächtige Stürme, Vulkanexplosionen oder auch Gott die Steine durch die Luft gewirbelt hätten – die Legende über den Stein des Orakels von Delphi etwa könnte auf einem Meteoriten beruhen. Noch US-Präsident Thomas Jefferson soll 1807 nach einem Meteoriteneinschlag in Connecticut, gesagt haben: „Ich glaube eher, dass zwei Yankee-Professoren lügen, als dass Steine vom Himmel fallen.” Die meisten Meteoriten sind Teile von Planetoiden. Je nachdem, ob sie aus deren Kruste oder Kern stammen, bestehen sie vorwiegend aus Eisen, Gestein oder aus einem Gemisch von beidem.
Lesen
Philip M. Bagnall METEORITE AND TEKTITE COLLECTOR’S HANDBOOK Willmann-Bell 1991, $ 24,95 O. Richard Norton ROCK FROM SPACE Mountain Press Publishing 1998, € 39,67 Michael D. Reynolds FALLING STARS A Guide to Meteors and Meteorites Stackpole Books 2001, € 15,42 Robert A. Szep THE DEFINITIVE BOOK ON METEORITES Mass Market Paperback 2001, $ 19,99
INTERNET
Antarctic Meteorite Program: www-curator.jsc.nasa.gov/curator/antmet/program.htm
Planetary Science Foundation: www.planets.org/met.htm
Projekt zur Bergung fossiler Meteoriten aus Minen: www.meteorite.com/psu_summary.htm
Kontakt
Mike Farmer: www.concentric.net/~Farmerm/
Robert Haag: www.meteoriteman.com
Darryl Pitts „ästhetische” Meteoriten: www.macovich.com/intro.hmtl
Meteoritensuche in der Antarktis: www.webexpeditions.net/ansmet/
Ute Eberle




