Selbstmord in Deutschland: Wer, warum, wo? Hamburg hat die Spitzenreiter-Position an drei ostdeutsche Länder abgegeben.
Vor uns liegt ein Friedhof. Über seinem Tor steht: „Menschen, die sich in Deutschland im Jahr 1999 selbst um ihr Leben brachten.” Auf dem Gräberfeld zählen wir 11157 Hügel.
Von hier schweift der Blick über die benachbarten Friedhöfe, wir erfassen die letzten fünf Jahre: 1995 waren es 12888 Menschen, 1996 töteten sich 12 225, 1997: 12265, 1998: 11648. In fünf Jahren wollten über 60000 Menschen in Deutschland nicht mehr weiterleben – keine ganz kleine Totenstadt. Ihre Bewohner kamen aus ganz Deutschland.
Was meinen Sie:
• Kommen mehr Deutsche durch Verkehrsunfälle, durch Gewalttaten, durch Drogenmißbrauch oder durch Selbsttötung um?
• Treiben Armut und Arbeitslosigkeit die Menschen eher in den Selbstmord als Wohlstand und Berufstätigkeit?
• Bringen sich Menschen, die in einer protestantisch geprägten Gesellschaft leben, eher um als Menschen, die in einer katholisch oder einer atheistisch geprägten Gesellschaft leben?
• Töten sich Frauen selbst eher als Männer? Sind Schlaftabletten oder Erhängen die am häufigsten gewählten Wege aus dem Leben?
Die Antworten finden Sie im Verlauf dieses Beitrages. Hier zunächst einmal eine aktuelle Entwicklung: Nimmt man die Zahlen der „Gestorbenen durch Vorsätzliche Selbstbeschädigung”, wie sie regelmäßig vom Statistischen Bundesamt erhoben werden (Position-Nr. X60-X48), zeigt sich auf der Selbstmord-Landkarte Deutschlands (siehe Seite 71) innerhalb nur eines Jahres eine dramatische Veränderung: Hamburg, der jahrelange Spitzenreiter, wurde gleich von drei Ländern in Ostdeutschland überrundet.
Bis 1998 waren die Bewohner der Freien und Hansestadt Hamburg über viele Jahre die am stärksten durch Selbstmord gefährdeten Deutschen. Noch vor drei Jahren lag die Selbstmordquote bei 19,6 – von 100000 Menschen töteten sich fast 20 Menschen im Jahr. Damit lagen die Hamburger 1998 erheblich über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 14,2.
„Die Hauptstadt der Selbstmörder” titelten die Boulevardblätter, die seriösen Zeitungen überschrieben ihre Berichte „Hauptstadt der Verzweifelten”. Brauchbare Erklärungen hatten sie alle nicht. Aber woher auch, wenn sogar die Experten einräumen mußten: „Wir wissen nicht, warum das so ist”, so Prof. Paul Götze vom Therapie-Zentrum für Suizidgefährdete (TZS) am Hamburger Universitäts-Krankenhaus Eppendorf.
Auch er äußerte die Vermutung, daß es nicht an der Größe der Städte liegen kann, wenn gerade Hamburg und gleich danach Bremen über viele Jahre so unerfreulich solide Spitzenpositionen in der deutschen Selbstmordskala hielten. Auch Armut oder Arbeitslosigkeit als Erklärungen halfen nicht weiter, angesichts der Tatsache, daß das ärmere Saarland die niedrigste Suizidquote in Deutschland aufweist (1998: 8,8; 1999: 9,2).
Wenn die Psychologen vom TZS auf der Basis ihrer in vielen Fällen lebensrettenden Arbeit gefragt wurden, wie sie „ Suizidalität” erklären, gaben sie an: „Suizidalität wird in der Regel durch äußere Krisen ausgelöst. Krisen sind besonders zwischenmenschliche Konflikte, Trennungen oder der Tod von wichtigen Bezugspersonen, Kränkungen, schwere Erkrankungen, berufliche Probleme, der Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt und – besonders im hohen Alter – Vereinsamung und Selbstwertverlust. Warum die einen suizidal werden, andere aber nicht, erschließt sich aus unserer Sicht aus der Lebensgeschichte des jeweiligen Menschen.”
Auch wenn man sich die Veränderungen der letzten Jahre ansieht, gelten die Annahmen der medizinisch-psychologischen Experten sicher immer noch. Die Daten von 1999 spiegeln jedoch eine alarmierende Entwicklung wider, durch die das „Hoch im Norden” in der jahrelangen Spitzenstellung von drei der neuen Bundesländer – Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt – abgelöst worden ist. Zwar lag Hamburg 1999 mit seinen 271 Selbsttötungen (Quote 15,9) immer noch an der Spitze der alten Bundesländer und weiter über dem Bundesdurchschnitt (13,5), doch scheint sich in Mittel- und Ostdeutschland etwas zu tun, was die Sorge der Politik und die Neugier der Soziologie wecken sollte.
Angesichts der aktuellen Zahlen fragt sich der Soziologe jedoch, ob die – von den Medizinern und Psychologen zur Erklärung herangezogenen – Lebensgeschichten und Krisen von Menschen im Saarland wirklich so viel weniger schwierig sein sollen als in Dresden, Erfurt, Magdeburg oder in Hamburg. Sollen ausgerechnet diese vier Bundesländer die Sammelorte von Individuen mit besonders schrecklichen Krisenerfahrungen und fürchterlicher Kindheit sein?
Wer an solchen Überlegungen zu zweifeln beginnt, sollte sich für erprobte und aktuelle soziologische Fragen und Antworten interessieren. Denn schon vor 100 Jahren fragte ein Soziologe danach, wie die deutlich erkennbaren Muster bei den Selbstmorden in seiner Gesellschaft zu erklären seien – die Ergebnisse sind nahtlos auf heutige Verhältnisse übertragbar: Der Dozent für Soziologie an der Universität von Bordeaux, Emile Durkheim, analysierte in seiner berühmt gewordenen Studie „Le suicide. Étude de sociologie” die französische Republik der Jahre 1878 bis 1891.
Wie jeden guten Soziologen interessierte ihn weniger die – vermeintlich – ganz private Verursachung gesellschaftlicher Tatsachen wie Selbsttötung, sondern deren gesellschaftliche Bedingtheit. Um den Nachweis zu führen, daß Selbstmord keineswegs allein individueller, sondern wesentlich sozialer Natur ist, untersuchte er jene Muster, die er aus den amtlichen Unterlagen rekonstruierte. Durkheim definiert Selbstmord als „jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte” .
Diese Definition betont drei Elemente: die Tatsache des Todesfalls, das Opfer als Urheber der Handlung oder Unterlassung, das Wissen des Handelnden um die Folgen dieses Schritts. Sie verzichtet auf jegliche Selbstmordmotive. Und sie macht klar, daß Durkheim sich nicht für den einzelnen Fall, sondern für Selbstmordraten als Indikatoren für Kollektivzustände interessiert.
Aus soziologischer Sicht muß damals wie heute eine brauchbare Erklärung im sozialen Umfeld und in der gesellschaftlichen Umwelt gesucht werden. Dazu stellt Durkheim eine Typologie von Selbstmordtypen nach ihren möglichen Ursachen vor. Im einzelnen untersucht er drei Arten von Selbsttötung, in aller Vereinfachung:
• beim „egoistischen” Selbstmord denkt derjenige, der ihn begeht, nur an sich selbst, er sieht für sich keinen Sinn mehr in seinem Leben;
• beim „altruistischen” denkt er allein an die anderen, er opfert sich für die anderen, wie der heldenhafte Soldat oder Freiheitskämpfer;
• einen „anomischen” Selbstmord begeht, wer sich in völliger Unverbundenheit zu seiner Gesellschaft wahrnimmt.
Den „egoistischen Selbstmord” diskutiert Durkheim anhand von Religion, Ehe und Familie sowie politischen und nationalen Krisen. Die höhere Selbstmordrate der Protestanten gegenüber den Katholiken kann nicht aus unterschiedlichen theologischen Einschätzungen rühren, denn beide Religionen tabuisieren den Selbstmord. Die Antwort entdeckt Durkheim im verschiedenartigen Anspruch der Lehre und der sozialen Organisation der beiden Kirchen.
Der Protestantismus fordert in seiner Lehre von den Gläubigen den „Geist der freien Prüfung” und zwingt sie dazu, ihren Weg zu Gott weitgehend allein und ohne direkte Vermittlung der Kirche zu finden. Das fördere zwar Reflexion und Vernunft seitens der Gläubigen, führe zu einem „religiösen Individualismus”, leiste aber zugleich der Fragmentierung der evangelischen Kirche Vorschub.
Der Katholizismus hingegen strebe „eine Herrschaft über das Gewissen” der Gläubigen an und überziehe sie mit einer „ Hierarchie von Autoritäten”, fördere auf diese Weise eher eine Haltung der Meditation und konserviere die Tradition. Der Preis für den religiösen Kollektivismus sei der Geist der „blinden Unterwerfung” unter kirchliche Autorität auf seiten der Gläubigen und „die unteilbare Einheit der katholischen Kirche”.
Kurz: Die geringere Integrationskraft der protestantischen Kirche und der höhere Bildungsgrad der „wissensdurstigen” Protestanten gegenüber den „gutgläubigen” Katholiken sind nach Durkheim für die höhere Selbstmordhäufigkeit bei den Protestanten verantwortlich.
Durkheim resümiert: Wenn Religion eine gute Vorbeugung gegen Selbstmord ist, dann nicht wegen der jeweiligen Heilslehre, sondern aufgrund der moralischen und sozialen Gemeinschaft der Gläubigen, die sie stiftet – oder eben nicht stiftet.
Das heißt nicht, daß protestantisch geprägte Landstriche für potentielle Selbstmörder auch heute noch „riskanter” sind als ehemals katholisch dominierte. Aktuelle religionssoziologische Untersuchungen zeigen, daß konfessionell bestimmte Milieus heute erheblich weniger wirksam sind als noch vor 100 Jahren. Die Unterschiede liegen vielmehr darin, ob Menschen in Kirchengemeinden – gleichgültig welcher Konfession – eingebunden sind oder allen religiösen oder sonstigen Gruppierungen vollkommen fern stehen. Der Wegfall „sozialistisch” geprägter Gemeinschaftskulturen in den neuen Bundesländern kann demnach erklären, warum die dortigen Suizidfälle bedeutsam höher sind als in den alten Bundesländern.
Ähnliches gilt für die Familie: Auch in Durkheims Analyse zeigte sich, daß Verheiratete weniger selbstmordanfällig waren als Unverheiratete, Geschiedene und Verwitwete, eine Familie mit Kindern weniger als ein kinderloses Ehepaar – Tatsachen auch heute noch. Selbst Revolutionen und Kriege stärkten, nach Durkheims Einschätzung, überraschend die soziale Integration und schwächten die Selbstmordneigung erheblich. Hier jedoch gebe es, so warnte Durkheim, einen kritischen Schwellenwert, jenseits dessen Überintegration den „altruistischen Selbstmord” fördern könne. Dieser Typus komme, nach Durkheim, vor allem in einfachen Gesellschaften und in den Armeen vor. Ein traditionelles Relikt also, weshalb der altruistische Selbstmord für moderne Gesellschaften keine größere Rolle spiele.
Diese 100 Jahre alte Analyse erklärt die extremen Unterschiede in der Selbstmordhäufigkeit bei Männern und Frauen: Sie unterscheiden sich – bis heute – signifikant in ihrer Eingebundenheit in die Gesellschaft. Familienungebundene Männer sind doppelt so selbstmordgefährdet wie Frauen, auch wenn diese in den letzten Jahren gewaltig aufholen, wie die Frankfurter Soziologin Christina Rachor zeigte, vor allem bei gescheiterten Suizidversuchen.
Die eigentliche soziologische Entdeckung machte Emile Durkheim jedoch mit der Konstruktion des „anomischen Selbstmords”, auf den er vor allem durch den Vergleich von Konjunkturzyklen stieß: Überraschenderweise stellte sich nicht nur bei wirtschaftlichen Zusammenbrüchen eine höhere Selbstmordhäufigkeit heraus, sondern auch in Zeiten von plötzlichem Wohlstand. Durkheim sah im sozialen Absturz ebenso wie im rasanten Aufstieg (crise heureuse) desorientierende Prozesse, in denen die Menschen ihre Maßstäbe verlieren und in „Anomie” versinken.
Mit Anomie bezeichnete der französische Soziologe den gesellschaftlichen Zustand des verschwindenden Einflusses von Regeln und Normen: Wirtschaftlicher Fortschritt, Materialismus und Wohlstand seien zu den neuen Leitbildern der Ökonomie geworden, so daß mit der entfesselten Wirtschaft und ihrem Primatanspruch ein konstanter Krisenherd in der Gesellschaft entstanden sei. Zur Erinnerung: Dieses wurde vor über 100 Jahren analysiert.
Anomie ist zugleich der Zustand eines Individuums oder einer Gruppe von Menschen, die „an den Rand” geraten und zunehmend weniger mit der menschlichen Gemeinschaft verflochten sind. Wer keine Familie (mehr) hat, keine Freunde, wer an seinem Arbeitsplatz nicht auch menschlich eingebunden ist, wer keine lokale Zugehörigkeit empfindet, wer nicht (mehr) weiß, wo sein Platz in der Gesellschaft ist – der steckt in einer „anomischen” Situation.
Die entsteht, so Durkheim, zwangsläufig als Konsequenz der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und des sozialen Wandels. Denn die Funktionen und Institutionen einer Gesellschaft entwickeln sich immer schneller als die Regeln sozialer Kooperation – gestern wie heute. Durkheim verfiel dabei in keiner Weise in romantisierende Nostalgie, für eine – angeblich – ursprüngliche Gemeinschaft, die so ganz anders gewesen sei, als die anonyme und anomische moderne Gesellschaft.
Gerade in unseren postindustriellen Gesellschaften des Global Age gibt es gesellschaftliche Strukturen, die die Menschen in sehr unterschiedlicher Intensität und Kontinuität einbinden. Wer in nachbarschaftlichen Kontexten lebt, in denen seine Familie und er selbst seit langen Zeiten beheimatet sind, wer in privaten und beruflichen Zusammenhängen lebt, die ein hohes Maß an Vertrautheit und Verläßlichkeit aufweisen, wer sich insgesamt in seinem Gemeinwesen nicht fremd fühlt, wird mit Zuständen der Anomie weniger zu tun haben.
Wegziehen aus den elitären Elbvororten oder aus den strukturschwachen Regionen des Freistaates Sachsen allein schützt nicht vor Selbstmord. Selbstredend sollten alle, wo auch immer sie leben, ob in Hamburg, in Saarbrücken oder in Görlitz, ihre Freundschaften kultivieren, ihr Familienleben, ihr Vereinsleben, ihre Mitgliedschaft in religiösen oder politischen Gemeinschaften. Wer nichts davon (mehr) hat, steht überall in Lebensgefahr. Wer zu sehr an den Rand der menschlichen Gemeinschaft gerät, riskiert, ganz aus der Gesellschaft zu fallen.
Es ist das große Verdienst der wissenschaftlichen Soziologie, daß sie gezeigt hat, daß es eben nicht am einzelnen liegt, ob er in diesen Zustand der Anomie gerät oder nicht. Die großen Soziologen des 19. Jahrhunderts – Karl Marx, Emile Durkheim und Max Weber – haben gezeigt, daß es historische Prozesse und gesellschaftliche Strukturen sind, die anomische Zustände erzeugen oder abmildern. Das gilt bis heute.
Anomie ist demnach zwar ein Zustand, in der einzelne so tief geraten kann, daß er Selbstmord begeht, verursacht wird dieser Zustand jedoch durch gesellschaftliche Wandlungsprozesse. Im Schlußteil seiner Studie bewertete Durkheim die Selbsttötungen aus Egoismus und Anomie als krankhafte Erscheinungen, die ein deutliches Zeichen für eine tiefe „moralische Krise” darstellten, in der die europäischen Gesellschaften seiner Zeit steckten.
Exakt diese Zusammenhänge meint der gerade mit dem diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Soziologe Jürgen Habermas, wenn er von der „ Kolonialisierung der Lebenswelt” spricht. Oder der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth, wenn er die Prozesse der „ Vermarktung” von „Anerkennungsverhältnissen” in einer „tief gespaltenen” Gesellschaft von heute rekonstruiert.
Wie in Frankreich der Soziologe Pierre Bourdieu und in Deutschland Axel Honneth seit Jahren aufzeigen, räumt unsere Gesellschaft zunehmend mehr Menschen immer geringer werdende Chancen im Kampf um Anerkennung ein. Daher können sie nur in sehr begrenztem Umfang Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstschätzung entwickeln. Wenn dazu immer öfter individuelle und kollektive Erfahrungen von sozialer Ausgeschlossenheit – vor allem vom Arbeitsmarkt – kommen, darf sich niemand wundern, daß viele Menschen auf diese schmerzhaften und demütigenden Erfahrungen der Exklusion in zweierlei Weise reagieren.
Die einen greifen zu Gewalt gegen andere, die anderen zu Gewalt gegen sich selbst. Wer die Erfahrung machen muß, vielleicht von Jugend an, daß die Gesellschaft seinen Beitrag zu ihrem Bestand und ihrer Weiterentwicklung gar nicht braucht, er also zu den „Überflüssigen” zählt, wird kaum innere und äußere Hindernisse haben, sich selbst aus der Gesellschaft der Menschen zu schaffen. Und schon werden die Friedhöfe derer größer, die – nur vermeintlich – sich selbst getötet haben. Drei ostdeutsche Länder an der Spitze Im Jahr 1999 schieden 11157 Deutsche freiwillig aus dem Leben – 73 Prozent davon waren Männer, 27 Prozent Frauen. So unterschiedlich die Selbstmordquote bei den Geschlechtern ist, so verschieden stellen sich auch die Bundesländer dar. Innerhalb nur eines Jahres haben sich mit einem dramatischen Satz die drei ostdeutschen Länder Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt an die Spitze der Suizidskala gesetzt und Hamburg als Vorreiter abgelöst: Eine Entwicklung, die angesichts der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – und der in diesem Beitrag geschilderten soziologischen Ursachenforschung – zu denken geben muß. Wer sich, so die Soziologen, beständig am Rand seiner menschlichen Umwelt – Familie, Verein, Arbeitsplatz, Wohnwelt – wiederfindet, reagiert oft mit Gewalt – gegen sich selbst oder andere. Hinter den Selbstmordquoten der Karte stehen in den einzelnen Bundesländern folgende absolute Zahlen von Selbsttötungen: 1999 schieden in Baden-Württemberg 1514 Menschen freiwillig aus dem Leben; in Bayern 1881; in Berlin 483; in Brandenburg 397; in Bremen 93; in Hamburg 271; in Hessen 784; in Mecklenburg-Vorpommern 231; in Niedersachsen 1051; in Nordrhein-Westfalen 1720; in Rheinland-Pfalz 581; im Saarland 99; in Sachsen 807; in Sachsen-Anhalt 436; in Schleswig-Holstein 379; in Thüringen 430. Kompakt • Durch Selbstmord sterben in Deutschland mehr Menschen als durch Drogen, Gewalt und Verkehr zusammen.
• Männer setzen ihrem Leben dreimal häufiger ein Ende als Frauen.
• Seit Mitte der achtziger Jahre sinkt die Zahl der Selbsttötungen in Deutschland. bdw-Community Warum begehen Menschen Selbstmord? Und warum sind es gerade in Ostdeutschland so viele? Solchen Fragen geht der Soziologe Prof. Dirk Kaesler von der Universität Marburg nach. Am Freitag, den 20. Juli 2001, ist Prof. Kaesler zu Gast in der Sendung „HörenSagen – Natur und Wissenschaft” im Deutschlandradio Berlin. Von 11.05 bis 11.35 Uhr können Sie mit ihm diskutieren. Rufen Sie gebührenfrei an unter:
o0800 | 22542254. Die Sendung können Sie auch live über das Internet hören
(www.dradio.de/dlr).
Lesen
Emile Durkheim
DER SELBSTMORD
Suhrkamp, Frankfurt/M. 1997, DM 29,80
Paul Gîtze, Monika Richter (Hrsg.)
ABER MEIN INNERES ÜBERLASST
MIR SELBST
Vandenhoeck & Ruprecht
Göttingen 2000, DM 29,80
Thomas Bronisch
DER SUIZID
C.H.Beck, München 1995, DM 14,80
Christina Rachor
SELBSTMORDVERSUCHE VON FRAUEN
Campus, Frankfurt/M. 1995, DM 48,–
Axel Honneth
DESINTEGRATION
Bruchstücke einer soziologischen
Zeitdiagnose
Fischer, Frankfurt/M. 1994, DM 14,90
Dirk Kaesler, Ludgera Vogt (Hrsg.)
HAUPTWERKE DER SOZIOLOGIE
Alfred Kröner, Stuttgart 2000, DM 48,–
INTERNET
Beim Therapiezentrum für Suizidgefährdete (TZS) finden Betroffene Hilfsangebote, Adressen, Veranstaltungen und weiterführende Informationen:
www.unihamburg.de/Clinics/Psych/TZS
Kontakt
Therapiezentrum für Suizidgefährdete
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf
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Tel: 040 | 42803-4112
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E-Mail: tzs@uke.uni-hamburg.de
Dirk Kaesler, Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Marburg
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Dirk Kaesler




